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Feiertage Was sich obdachlose Menschen wünschen

Bewohner aus dem Wohnheim der Heilsarmee in Zürich

Bewohner in der Cafeteria des Wohnheims der Heilsarmee in Zürich.

(swissinfo.ch)

Auch in Zürich, einer der wohlhabendsten Städte der Welt, leben Menschen ohne Dach über dem Kopf. Wer sind sie und wie leben sie? Vier Bewohner aus dem Wohnheim der Heilsarmee in Zürich erzählen, was sie sich von der Zukunft erhoffen.

"Mein grösster Wunsch? Ich möchte wieder arbeiten", sagt Andrej*, und drückt den Daumennagel in die Orange in seiner Hand.

"Dass sich ein klarer Weg auftut", sagt Sonja*.

"Dass ich mal wieder mit einer Frau zärtlich sein kann", sagt Peter.

"Was ich mir wünsche? Eigentlich nichts", sagt Kurt.

Das Wohnheim der Heilsarmee in Zürich liegt wenige Meter von der lauten Partymeile Langstrasse. Es ist ein leiser, unauffälliger Ort. Und ein Platz für alle, die nicht wissen wohin – weil sie kein Geld mehr haben, auf Durchreise sind, keine Wohnung finden, aus dem System gespuckt wurden. Knapp 90 Leute finden hier täglich ein Bett. Manche nur für eine Nacht. Manche für Jahre, Jahrzehnte.

Im Speisesaal stehen Weihnachtsbäume aus Plastik, dekoriert mit goldenen Glocken. An schweren Tischen beugen sich Menschen aus der ganzen Welt über ihre Essenstabletts mit Wurstsalat. Die meisten von ihnen sind obdachlos, Menschen also, die kein festes Dach über dem Kopf haben. Mal kommen sie bei Freunden unter, mal schlafen sie draussen, mal in der Notschlafstelle. Oder eben hier.

Wie viele Menschen in der Schweiz obdachlos sind, dazu gibt es keine Zahlen. Gemäss verschiedenen Medienberichten haben die Übernachtungen obdachloser Menschen in Einrichtungen wie dieser jüngst massiv zugenommen.

Andrej

Andrej ist vor 20 Jahren aus der Slowakei in die Schweiz gekommen, damals war er 24. Im Deutschkurs lernte er eine Frau kennen, sie zogen zusammen. Er, ein ausgebildeter Techniker, arbeitete an den Wochenenden und nachts bei Mc Donald’s.

Später setzte er wochentags in der Fabrik Paletten zusammen. Sieben Jahre lang, sieben Tage die Woche. Andrej war glücklich, so gut das eben ging. Bis er den Job in der Fabrik wegen schwindender Aufträge verlor. Einige Monate später wurde auch seiner Frau gekündigt. Zwei Schicksalsschläge, welche die Beziehung zerschmetterten.

Andrej wirft unter dem Tisch eine Orange von einer Hand in die andere, als er sagt: "Nachtarbeit ist schrecklich für eine Beziehung. Wir hatten so wenig Zeit zusammen." Er senkt seine blauen Augen mit den dunklen Wimpern auf seine Hände.

Andrej macht sich danach selbständig, in welcher Branche will er nicht sagen. Ein paar Jahre geht das gut, doch der Umsatz schmilzt von Monat zu Monat. Am Ende kann er seine Miete nicht mehr zahlen. Er verliert seine Wohnung, seinen ganzen Besitz. Zwei Monate verbringt er auf der Strasse, darüber reden will er nicht. Er habe draussen geschlafen, es sei Frühling gewesen. Er habe nicht so oft gefroren.

Seit sieben Monaten lebt er im Wohnheim. Er muss Medikamente nehmen gegen eine unheilbare Verdauungskrankheit, und auch solche für die Psyche. Seine Ziele: "Ich möchte wieder arbeiten. Und studieren, Mathematik." Ob seine Psyche das aushält, weiss er nicht. Aber: "Ich muss einfach etwas tun." Als er geht, schenkt er mir die Orange, die in seinen Händen warm geworden ist.

Sonja

Sonja* schaut auf dem grossen Fernseher die Tagesschau, deren Ton durch die Cafeteria des Wohnheims dröhnt. Die Augenwinkel dunkelgrün geschminkt, die Lippen orange-golden, die grauen Haare hochgesteckt. Sonja lebte die letzten zehn Jahre mit ihrem Mann und Sohn in der Türkei.

Sie kam vor drei Monaten in die Schweiz, um ihre Pension "gut einzufädeln". Im nächsten Frühling wird sie 64 Jahre alt. Zu Verwandten und Geschwistern hat sie kaum noch Kontakt, ein Hotel konnte sie sich nicht leisten. "Dann ist mir nichts anderes übrig geblieben, als hierher zu kommen."

Als sie noch in der Schweiz lebte, arbeitete sie im Einkauf für eine Tankstelle, an den Wochenenden half sie in Luxushotels aus. Ihre Rente wird klein sein. "Wenn ich es nochmals machen könnte, würde ich vielleicht mehr Geld zur Seite legen. Aber ändern kann ich's ja nicht mehr."

Im Januar wird sie in ein Studio ziehen. Alles was danach kommt, ist offen. Ob sie in die Türkei zurück will, sich ein Leben in der Schweiz wird leisten können – sie weiss es noch nicht. "Wenn ich einen Wunsch für Weihnachten hätte, wünschte ich mir, dass mir ein klarer Weg aufgetan wird. Dass ich weiss, wo ich mein künftiges Leben aufbauen werde, auf welchem Kontinent, in welchem Land, in welcher Stadt."

Peter

Als Peter die Tür zu seinem Zimmer öffnet, dröhnt ein Mix aus Pop-Songs aus dem Radio und Nachrichten aus dem Fernseher hinaus in den Gang. Peter ist 69 Jahre alt, er hat helle Haut, die glatt ist wie ein Heliumballon. Er trägt ein kariertes Hemd, karierte Hose, dazu Turnschuhe. An den Wänden hängen Bilder von Frauen, aus Zeitungen ausgeschnitten. Skirennfahrerinnen und Tennisspielerinnen.

"Ich hatte mit Frauen wenig Glück. Ich war bis 30 irgendwie autistisch. Und danach hat's nicht mehr geklappt", sagt er. Darum dieser Wunsch: "Ich würde gern wieder einmal zärtlich sein mit einer Frau."

Er zeigt auf sein Bücherregal, das ihm ein anderer Bewohner geschenkt hat, extra stabil. Und stabil muss es sein, es ist vollgestellt mit Reiseführern, aus denen zig weisse Zettel herausragen. Sie markieren Orte, die ihn faszinieren.

Peter lebte und arbeitete in den 1970er-Jahren in Südafrika. Danach reiste er von der Schweiz aus per Bus nach Indien, von dort nach Australien. Dann per Schiff über den Panamakanal zurück nach Genua. Auch später hält es ihn nicht lange an einem Ort. Er wechselt seine Jobs oft, vom Kurierdienst bis zur Perronreinigung.

Weswegen er vor 17 Jahren ins Wohnheim kam, daran erinnert er sich nicht mehr so genau. Bereits damals hatte er eine Beiständin, also eine Person, die Entscheidungen trifft für Menschen, die das selber nicht mehr können. Dank ihr habe er hier ein Einzelzimmer erhalten. Peter sagt: "Ich bin froh, dass ich ein Dach über dem Kopf habe und zu Essen. Man muss einfach zufrieden sein."

Kurt

Kurt, 75, wohnt seit 18 Jahren hier. Er musste aus seiner Wohnung ausziehen, weil sie dem Schimmel anheimgefallen war. Eine andere Wohnung hat er nicht mehr gefunden. Zu seinem Sohn und den zwei Töchtern hat er keinen Kontakt mehr. Seine Frau hat er verloren, sagt er. Es wird nicht ganz klar, ob sie gestorben ist oder ging.

Kurt singt im Chor, geht gern auf Reisen, die das Wohnheim anbietet, wie letztes Mal nach Basel. Was er sich zu Weihnachten wünscht? "Ich? Ich wünsche mir doch nichts. Ich bin komplett zufrieden." Weihnachten wird er bei seiner Schwester feiern.

Peter, der ehemalige Weltenbummler, weiss noch nicht, wo er die Feiertage verbringt. Sein Patenkind, das ihn jeweils eingeladen hat, ist in eine Wohnung ohne Lift gezogen. Er hat darum abgesagt. "Mit meinem steifen Bein schaffe ich den Aufstieg nicht."

Sonja, die baldige Rentnerin aus der Türkei, hält nicht mehr viel von Weihnachten. Sie wird im Wohnheim bleiben, einen Tee trinken und sich früh schlafen legen.

Andrej, der Slowake mit den blauen Augen, wird zur Kirche gehen, wo er betet. Für seinen Körper, seine Seele, für alle Menschen – und "für mehr Glück im Leben".

*Name geändert

swissinfo.ch

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