Totentafeln, ein neuer Schatz der Genealogie
In einem Teil der Schweiz ist ein recht ungewöhnlicher Brauch reverberate: die Totentafeln. Doch wie viele andere verschwindet auch diese religiöse Praxis zusehends. Heute interessiert sich vor allem die Genealogieforschung für diese Karten, da sie eine wahre Fundgrube an Informationen darstellen.
In einigen Regionen der Schweiz ist die Tradition der Totentafeln, die auch als Sterbebildchen bezeichnet werden, nach wie vor lebendig. Diese kleinen Kartonkarten zeigen in der Regel ein Foto der verstorbenen Person, einige biografische Angaben sowie ein Bibelzitat. Manche enthalten auch ein Andachtsbild oder ein Gebet und erweitern so die spirituelle Dimension der Erinnerung.
Diese Karten werden traditionell bei der Beerdigung verteilt oder verschickt. Später dienen sie als Beilage zu einem Dankesbrief für erhaltene Beileidsbekundungen oder zu einer Einladung zum Dreissigsten, einer katholischen Feier, die einen Monat nach dem Trauerfall stattfindet.
Zunächst erfüllen sie eine religiöse Funktion, indem sie zum Gebet für die Seelenruhe der verstorbenen Person einladen. Vor allem aber erfüllen sie eine Erinnerungsfunktion: Sie erinnern an die Geburts- und Todesdaten und bieten ein greifbares Andenken an einen geliebten Menschen.
Früher wurden sie gerne in Familienalben aufbewahrt oder als Lesezeichen in Messbüchern verwendet.
Einmal weit verbreitet
Die Totentafeln entstanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sind historisch mit dem europäischen Katholizismus verbunden. Sie waren vor allem in den lateinischsprachigen (Italien, Frankreich, Belgien) und den germanischen Ländern (Deutschland, Österreich) verbreitet.
Ausserhalb Europas hat sich diese Praxis vor allem im kanadischen Québec verbreitet, aber es gibt auch Fälle in katholischen Auswanderergemeinschaften in den Vereinigten Staaten.
Auch die Schweiz reiht sich unter dem Einfluss ihrer Nachbarn in diese Bewegung ein.
Zunächst waren diese Karten wohlhabenden und sehr praktizierenden Familien vorbehalten, doch ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts verbreiteten sie sich zunehmend, getragen von der Industrialisierung, welche die Druckkosten senkte, sowie von der Demokratisierung der Fotografie, die ihre Personalisierung ermöglichte.
Der durch die Spanische Grippe von 1918–1919 verursachte Anstieg der Sterblichkeit wirkte als starker Beschleuniger. Aufgrund der Einschränkungen bei Trauerfeiern wurden die Totentafeln zu einem wesentlichen Medium, um den Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.
Um der Flut von Anfragen gerecht zu werden, brachten Bestattungsunternehmen und Druckereien schnell standardisierte Modelle in Umlauf. Diese Pandemie schuf also nicht die Totentafeln, sie etablierte und verallgemeinerte jedoch seinen Gebrauch.
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Unaufhaltsamer Niedergang
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzen sich Sterbebildchen überall durch und erleben eine Blütezeit. Doch dieser Aufschwung markierte in Wirklichkeit den Beginn ihres Niedergangs: Ab den 1960er-Jahren ging ihre Verwendung rasch zurück.
Zunächst erfasste dieser Trend die deutschschweizerischen und protestantischen Regionen, ab den 1980er-Jahren erreichte er schliesslich auch die lateinischen und katholischen Regionen des Landes.
Dieser Niedergang hat mehrere Ursachen. Eine entscheidende Rolle spielt die Säkularisierung der Gesellschaft: Mit dem deutlichen Rückgang der Religiosität verliert das Sterbebildchen seine ursprüngliche Funktion als Gebetsunterstützung.
Parallel dazu schmälert die Veränderung der Bestattungsriten – es werden weniger Gegenstände verteilt und religiöse Zeremonien werden schrittweise durch zivile Zeremonien abgelöst – die Verwendung der Sterbebildchen zusätzlich.
Zudem verlieren sie ihre soziale Funktion. Früher trugen sie durch die Pflege der Erinnerung an die Verstorbenen zum Zusammenhalt von noch weitgehend dörflichen und ländlichen Gesellschaften bei.
Heute ist diese Verankerung in Gemeinschaften, in denen ein wichtiger Teil der Bevölkerung Pendlerinnen und Pendler sind und in denen nahe Beziehungen schwächer geworden sind, viel geringer.
Schliesslich führt die technische Entwicklung, die zu ihrem Aufschwung beigetragen hat, nun auch dazu, dass die Verwendung von Totentafeln zurückgeht.
Neue Träger wie Todesanzeigen in der Presse oder auf spezifischen Websites, Online-Plattformen oder sogar soziale Netzwerke übernehmen heute einen grossen Teil der Erinnerungsfunktion, welche die Kartonkarten früher erfüllten.
Die Sterbebildchen sind zwar nicht völlig verschwunden. Die Tradition besteht mehr schlecht als recht in gewissen Regionen fort, besonders im Kanton Wallis oder in einigen Freiburger Kirchgemeinden.
Doch die Rückwärtsbewegung scheint unaufhaltsam, und es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Karten in einigen Jahren verschwunden sein werden.
«Wie Blätter am Stammbaum»
Sterbebildchen sind hingegen für genealogische Forschungen nach wie vor sehr nützlich, da sie wertvolle Informationen über die verstorbenen Personen zusammenfassen.
Dazu gehören Name und Vorname, Geburts- und Todesdaten, manchmal auch der Ort des Todes, der Beruf und andere biografische Elemente der verstorbenen Person.
Auch wenn diese Informationen in der Regel in den Pfarr- oder Zivilstandsregistern zu finden sind, können die Sterbebildchen wertvolle Ergänzungen sein, beispielsweise wenn die Register unvollständig, fehlend oder Einsichtsbeschränkungen unterworfen sind.
Sie helfen auch dabei, Personen mit demselben Namen zu unterscheiden oder Verwandtschaftsbeziehungen besser zu verstehen.
Das grösste Interesse gilt jedoch den Fotografien, die sie enthalten. Oft handelt es sich um das einzige bekannte Porträt von Personen, die noch vor der Verbreitung von Fotokameras in allen Haushalten geboren wurden.
«Es ist wirklich grossartig, einem Namen ein Gesicht geben zu können», sagt Nicolas Feyer, Präsident des Freiburger Instituts für Heraldik und Genealogie. «Das kommt ein bisschen dem Anbringen von Blättern an einem Stammbaum gleich.»
Digitalisieren, um zu bewahren
Solche alten Totentafeln sind in den erwähnten Gegenden keine Seltenheit: Manchmal sind sie in Alben vereint, manchmal werden sie in einfachen Schuhkartons aufbewahrt. Doch dieses Erbe ist fragil und dem Zahn der Zeit sowie dem Verschwinden seiner oft bescheidenen Trägermaterialien ausgesetzt.
«Es handelt sich um Gegenstände, derer man sich ziemlich leicht entledigt», sagt Feyer. «Oft sind es Bilder von Personen, die man nicht kennt, und sie erscheinen ohne Interesse, wenn man sich nicht für Genealogie interessiert. Dennoch handelt es sich um ein Erbe, das es zu bewahren gilt.»
Diese Bewahrung geschieht über die Digitalisierung der vorhandenen Karten. Das Freiburger Institut hat einen Aufruf an die Öffentlichkeit gestartet und bereits 7000 Totentafeln – im Kanton Freiburg liebevoll «Taafeli» genannt – auf einer dafür vorgesehenen Website online gestelltExterner Link.
In der Deutschschweiz hat die Zentralschweizerische Gesellschaft für Familienforschung mit Portrait.Archiv.chExterner Link bereits den Weg geebnet. Diese Website ist der Bewahrung von Porträts verstorbener Personen gewidmet, die hauptsächlich aus der Zentralschweiz stammen.
Die Website stellt Porträts von fast 300’000 verstorbenen Personen zur Verfügung. Über 21’000 davon stammen aus Totentafeln – in der Zentralschweiz ebenso liebevoll «Leidhelgeli» genannt.
Sowohl in der Zentralschweiz als auch in Freiburg sind die beiden Websites stark regional verankert, während sie gleichzeitig für weitere Horizonte offen sind. Nicolas Feyer richtet einen Appell an die Fünfte Schweiz: «Die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer haben sicherlich Sterbebildchen ihrer Schweizer Vorfahren!»
Editiert von Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Französischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub
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