Navigation

Wie die Schweiz den Rückgang der Covid-Impfungen umkehren könnte

Einige Kantone haben in den letzten Wochen mobile Impfzentren eröffnet. Damit wollen sie mehr Menschen erreichen, indem sie die Impfungen näher zu ihrer Haustür bringen. Keystone / Cyril Zingaro

Die Schweiz kämpft wie andere Länder darum, die Impfrate in ihrer Bevölkerung zu erhöhen. Doch die Gesundheitsbehörden zögern, Zwangsmassnahmen einzuführen, um Unentschlossene zur Impfung zu bewegen.

Dieser Inhalt wurde am 21. Juli 2021 - 16:15 publiziert

Ende Juni war für die Schweizerinnen und Schweizer eine gute Zeit, sich wieder freier zu fühlen. Da das Wetter besser wurde und grosse Versammlungen wieder erlaubt waren, gingen viele in Bars, um die Fussballspiele der Europameisterschaft zu verfolgen. Andere packten ihre Koffer für die lang ersehnten Ferien.

Virginie Masserey, Leiterin der Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), räumt ein, dass die Möglichkeit einer Impfung zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht in den Köpfen einiger Menschen angekommen war.

"Viele dachten vielleicht, sie könnten einfach das Leben geniessen. Dass sie jetzt, wo die Zahlen niedrig sind, sicher sind", sagt Masserey. Sie koordiniert die nationale Impfaktion und nimmt regelmässig an Medienkonferenzen der Regierung zur Pandemie teil.

Bis Anfang Juli war die Zahl der Covid-19-Impfungen von 90'000 auf 60'000 pro Tag gesunken. Unterdessen sind etwas mehr als 40% der Bevölkerung vollständig geimpft.

In der Zwischenzeit sind die Neuerkrankungen nach einem deutlichen Rückgang jedoch wieder schleichend angestiegen. Seit Anfang Woche verzeichnen die Behörden täglich über 700 Neuansteckungen, und die ansteckendere Delta-Variante macht einen wachsenden Anteil davon aus.

Virginie Masserey koordiniert die nationale Impfkampagne. Sie wurde für die Schweizerinnen und Schweizer zu einem vertrauten Gesicht, seit sie an wöchentlichen Medienkonferenzen zur Pandemie teilnimmt. Keystone / Peter Schneider

Masserey überrascht diese Entwicklung nicht. "Wir haben auch in anderen Ländern beobachtet, dass bei einer Durchimpfungsrate von 50% die Bereitschaft etwas nachlässt, sich impfen zu lassen", so die Gesundheitsbeamtin. "Aber es ist nur eine Verlangsamung."

Lustlose Kampagnen aufpeppen

Weil die Weltgesundheits-Organisation vorhersagt, dass die Delta-Variante bald der vorherrschende Virusstamm sein wird, verstärken viele Regierungen ihre Impfkampagnen.

Israel, eine der ersten Nationen, die mit der Impfung ihrer Bürgerinnen und Bürger begonnen hatte, verzeichnete im Juni einen starken Anstieg von neuen Fällen. Das Land wendet sich nun gezielt an Jugendliche, die geimpft werden sollen. In Europa werden laut Reuters nach erneuten Kampagnen in den Niederlanden, Norwegen und Spanien mehr Impfungen verabreicht.

Auch wenn eine kürzlich durchgeführte Umfrage ergab, dass 25% der Menschen in der Schweiz nicht vorhaben, sich gegen Covid impfen zu lassen, ist Masserey optimistisch, dass der Wille grösstenteils vorhanden ist.

"Man kann es auch andersherum betrachten: 75% können überzeugt werden, sich impfen zu lassen", sagt sie und fügt hinzu, dass dieser Prozentsatz insgesamt eine "sehr gute" Abdeckung darstellen würde.

Etwa 80% der Menschen über 65 Jahre sind vollständig geimpft. Unter den jüngeren Menschen gebe es verschiedene Beispiele von solchen, die überzeugt werden können, sich impfen zu lassen – vor allem von Gleichaltrigen, so Masserey.

Das Ziel der Impfung sei nicht die Herdenimmunität – "wir leben in einer vernetzten Welt, daher ist es unmöglich, als Ziel zu haben, das Virus zu eliminieren", sagt sie –, sondern so viele Todesfälle und Spitalaufenthalte wie möglich zu verhindern.

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Schweizer Behörden positive Anreize bieten wollen, wie etwa Lotterielose, die in den Vereinigten Staaten verteilt werden. Sie werden auch keine Zwangsmassnahmen ergreifen wie Frankreich oder Griechenland, die vor kurzem eine Impfpflicht für Personen angekündigt haben, die im Gesundheitswesen arbeiten.

"Warum die Mitarbeitenden des Gesundheitswesens?", fragt Masserey. "Es ist wichtig, dass alle geimpft werden."

Die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin hat von einer Impfpflicht abgeraten. Ihr Präsident sagte gegenüber Schweizer Radio SRF, dass dies "nicht das Richtige wäre". Denn es gebe Alternativen, wie beispielsweise regelmässige Tests des medizinischen Personals, um die Patientinnen und Patienten zu schützen.

Laut Masserey haben einige Spitäler bereits effiziente Wege gefunden, um zum Impfen zu ermutigen. Zum Beispiel, indem sie vertrauenswürdige Expertinnen und Experten dazu bringen, die Fragen der Mitarbeitenden zu beantworten.

Das BAG selbst hat sich in seiner Werbekampagne auf die Vermittlung von sachlichen Informationen konzentriert und hält an dieser Strategie fest.

"Aus Rückmeldungen hören wir, dass dies der beste Weg ist", so Masserey. Ihr Büro verteilt Informationsblätter, Poster und Videos, welche die Vorteile des Impfens betonen, an die Kantone. Diese sind für die Impfung der Bevölkerung zuständig.

Externer Inhalt

Die Kampagnen des BAG richten sich auch an bestimmte Zielgruppen, darunter in den sozialen Medien an junge Frauen, die sich Sorgen über die Auswirkungen des Impfstoffs auf ihre Fruchtbarkeit machen könnten. Das Amt bereitet auch Botschaften vor, um Menschen, die aus den Sommerferien zurückkommen, an die Impfung zu erinnern.

Näher zu den Menschen

Eine von Frankreich angewandte Methode, welche in der Schweiz noch diskutiert wird, ist die breitere Anwendung des Covid-Zertifikats an öffentlichen Orten. Dieses weist einen vollständigen Impfschutz oder ein negatives Testergebnis aus. In der Schweiz ist es derzeit erforderlich, um Tanzclubs und Versammlungen mit mehr als 10'000 Personen zu betreten.

Frankreich verzeichnete einen sprunghaften Anstieg der Impftermine – über eine Million innerhalb von 24 Stunden –, nachdem es eine Impfpflicht für Mitarbeitende des Gesundheitswesens sowie die Notwendigkeit eines Covid-Ausweises für den Zutritt zu Restaurants und Cafés angekündigt hatte. Das gleiche geschah in Griechenland.

Einige Schweizer Kantone experimentieren mit anderen Strategien. Aargau, Schwyz und Waadt haben in den letzten Wochen mobile Impfzentren eröffnet. In Genf standen Menschen bei einer Apotheke, die Anfang Juli mit Impfungen ohne Voranmeldung begonnen hat, bis zu zwei Stunden an, um ihre Impfung zu bekommen. Das berichtete das Westschweizer Fernsehen RTS.

Näher an die Menschen heranzukommen, bedeute nicht nur, den Impfstoff quasi vor die Haustür zu bringen. Laut Masserey geht es auch darum, dass vertrauenswürdige Mitglieder der Gemeinschaft direkten Kontakt mit der Bevölkerung haben.

"Ärzte haben uns gesagt, dass sie fünf Minuten brauchen, um zögernde Patientinnen und Patienten zu überzeugen, [sich impfen zu lassen]", so Masserey.

Ungleiche Impfraten

Die Tatsache, dass die Kantone autonom für die Impfung verantwortlich sind, hat jedoch zu ungleichen Impfraten im ganzen Land geführt.

"Jeder Kanton ist anders, also ist es logisch, dass jeder Antworten und Interventionen entwickelt, die für seine Bevölkerung und Umgebung geeignet sind", sagt Masserey. Die Aufgabe ihres Büros sei es, kantonale Beamte zu unterstützen, Daten auf lokaler Ebene zu untersuchen und "zu sehen, wo sie Gebiete mit ungeimpften Menschen haben, die sie gezielt anpeilen können".

Masserey ist sich nicht sicher, ob das Fortschreiten der Delta-Variante zu einem bedeutenden Anstieg der Spitalaufenthalte führen wird – die nationale wissenschaftliche Covid-Taskforce warnt davor und verweist auf die Situation in Grossbritannien.

"Sind es nur ungeimpfte Menschen, die ins Spital eingeliefert werden? Gibt es Impfversagen?", fragt sie und weist darauf hin, dass viele Menschen in Grossbritannien den Impfstoff von Astra Zeneca erhalten haben, der hierzulande nicht zugelassen ist.

"Wir haben nicht genug Informationen darüber, was diesen Anstieg antreibt und ob wir [diese Erfahrung] auf die Schweiz übertragen können."

Für die Infektionsexpertin könnten der aktuelle Anstieg der Fälle und die Ausbreitung der Delta-Variante im Land sogar eine positive Seite haben – und Menschen, die bisher gezögert haben, dazu bewegen, sich endlich impfen zu lassen.

(Übertragung aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

Kommentare unter diesem Artikel wurden deaktiviert. Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch.

Diesen Artikel teilen

Diskutieren Sie mit!

Mit einem SWI-Account erhalten Sie die Möglichkeit, Kommentare auf unserer Webseite sowie in der SWI plus App zu erfassen.

Login oder registrieren Sie sich hier.