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Isolierte Minderheit oder dritte Schweiz

Das Tessin sieht sich als Brücke zwischen Süd und Nord und will die Kontakte zwischen Bern und Rom fördern.

(swissinfo.ch)

Die Tessiner haben ein Identitätsproblem. Sie sind zwar überzeugte Schweizer, aber nördlich des Gotthards hält man sie für Italiener. Sie wollen eine Brücke sein zwischen Nord und Süd, doch Bern interessiert sich nicht für Rom.

"Das Tessin hat Komplexe, weil es an der Peripherie liegt. Es definiert sich nur durch sein Territorium, nicht durch seine eigenständige Kultur." Silvano Toppi, angesehener, aber unbeliebter Journalist, betrachtet das aktuelle NZZ-Folio zum Thema Tessin. Ein Korb, gefüllt mit Salami, Wein, Zigaretten, Geld und einer Bombe, schmückt das Titelblatt und steht für die "Spezialitäten der Südschweiz". Klischeebeladener könnte die Symbolik nicht sein. Doch ein Sinnbild für das moderne Tessin fällt auch dem kritischen Journalisten nicht ein.

Manche sehen in der jungen Universität der italienischen Schweiz das Symbol des modernen Tessins. Seit fünf Jahren existiert sie in Lugano. Doch auch hier kritisiert Toppi: "Sie ist klein, das Angebot reduziert. Eine eigene Universität bringt nicht nur Vorteile." So besteht gemäss Toppi auch die Gefahr, dass die Tessinerinnen und Tessiner weniger Sprachen lernen. Mehrsprachigkeit ist bis jetzt ein Markenzeichen der Tessinerinnen und Tessiner. Gelernt haben sie Deutsch oder Französisch während des Studienaufenthaltes in Zürich oder Genf. "Mit der eigenen Universität ist der Zwang eine andere Sprache zu lernen nicht mehr da", meint der Journalist.

Europäisch, aber anti-italienisch

Das Nein der Tessiner zum EU-Beitritt sei ein Nein zu Italien, erklärt der Journalist. Sie fürchteten, dass die Italiener alles übernehmen würden. Italien stehe für Chaos und Korruption. Andererseits sei das Tessin nur dank Italien politisch und wirtschaftlich gewachsen. "Die Tessiner sind überzeugte Schweizer. Sie lieben Stabilität und Ordnung", sagt Toppi.

Der Journalist sieht im wiederentdeckten Interesse für die Dialektkultur ein Zeichen dafür, dass die Tessiner und Tessinerinnen ihre Identität suchen. "Wenn wir Dialekt sprechen, können wir uns von den Italienern abgrenzen und auch den Deutschschweizern signalisieren, dass wir keine Italiener sind."

Entdeckung des Dialekts

Dialekt zu sprechen sei im Tessin lange Zeit verpönt gewesen, beschreibt Franco Lurà, Direktor des kantonalen Instituts für Dialektforschung in Bellinzona, die Sprachgewohnheiten seiner Landsleute. "Man glaubte, dass man sozial benachteiligt sei, wenn man Dialekt sprach." Der Dialekt wurde als rohe, grobe, unhöfliche Sprache angesehen. Erst seit einigen Jahren pflegt man den Dialekt wieder, ja spricht ihn sogar äusserst gern. "Dies zeigt", meint Lurà, "dass ein Bedürfnis nach Identität, nach Sicherheit da ist. Man möchte seine Wurzeln kennen in diesen Zeiten der Globalisierung."

Mehr als die Hälfte aller Tessinerinnen und Tessiner sprechen wieder einen Dialekt. Dennoch besteht die Gefahr, dass die verschiedensten Dialekte aussterben, denn im Gegensatz zum "Züri-" oder "Baseldütsch" stellt der Tessiner Dialekt keine vollwertige Sprache dar. Im Tessin spricht man Dialekt nur mit Freunden, nicht in der Schule, auf Ämtern, im Fernsehen, am Radio oder an offiziellen Anlässen wie in der deutschen Schweiz.

Brücke zwischen Nord und Süd

Remigio Ratti, Direktor von TSI und unermüdlicher Kämpfer für die italienische Schweiz, glaubt an die Zukunft des Tessins als Brücke zwischen Nord und Süd. "Es gibt zwei Modelle, wie sich das Tessin entwickeln kann. Wir können das kleine Tessin im südlichsten Ecken der Schweiz sein, isoliert und unbeachtet. Wir können aber auch die Brücke zwischen Nord und Süd sein. Auf diese Weise sind wir stark und eine gleichberechtigte dritte Schweiz. Das ist auch wichtig für das Gleichgewicht innerhalb des Landes. Italienisch spricht man schliesslich nicht nur im Tessin, sondern über eine Million Menschen in der Schweiz sprechen zu Hause Italienisch."

Das Tessin wird oft als Synonym für die italienische Schweiz gesehen. Es ist jedoch nur deren Aushängeschild. Die Italienisch sprechenden Bündnerinnen und Bündner sind Teil der dritten Schweiz, nicht aber des Tessins. Die in der Schweiz lebenden Italienerinnen und Italiener sprechen zwar diesselbe Sprache, aber mit dem Tessin identifizieren sie sich nicht. Im Tessin selbst leben rund 300'000 Menschen, darunter allerdings gegen 80'000 Ausländer und rund 30'000 Deutschschweizer.

Ratti fordert, dass intensiver Kontakt zwischen Italien und der Schweiz gesucht wird. Das Problem dabei ist, dass sich Bern nicht für Rom interessiert. "Ja, das ist die Realität. Bern - ich sage das ganz offen - Bern und Rom sprechen nicht miteinander und verstehen sich nicht. Aber genau in dieser Hinsicht ist die Rolle des Tessins wichtig."

Carole Gürtler, Lugano

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