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«KI-Giganten verbergen ihren ökologischen Fussabdruck»

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Der ökologische Fussabdruck der meisten Chatbots ist nicht transparent. KEYSTONE/PATRICK PLEUL

Der KI-Boom geht mit Umweltkosten einher, die noch weitgehend verborgen sind. Im Vorfeld des «AI for Good»-Gipfels in Genf gibt Sasha Luccioni, eine Forscherin, die sich auf den ökologischen Fussabdruck von KI spezialisiert hat, ihre kritische Sicht der Dinge.

«Unsere Zukunft ist ein Wettlauf zwischen der wachsenden Macht unserer Technologie und der Weisheit, mit der wir sie nutzen», schrieb der Physiker Stephen Hawking 2018, kurz vor seinem Tod.

Einige Jahre später hat sich die künstliche Intelligenz in unseren Alltag eingeschlichen: Kaufempfehlungen, intelligente Navigation, automatische Übersetzungen, Chatbots…

Hinter diesen scheinbar entmaterialisierten Anwendungen, die von «Clouds» oder «virtuellen Wolken» getragen werden, verbergen sich sehr reale Infrastrukturen, die viel Energie, Wasser und Metalle verbrauchen und deren Umweltkosten oft verschwiegen werden.

Sasha Luccioni widmet sich der Entschlüsselung dieser Entmaterialisierung. Die Informatikerin und Klimaverantwortliche bei Hugging Face – einer Open-Source-Plattform für künstliche Intelligenz – warnt vor den ökologischen und ethischen Folgen dieser Technologie, die sich schneller entwickelt, als wir ihre Konsequenzen verstehen können, und die immer undurchsichtiger wird.

Swissinfo traf sie im Vorfeld ihrer Teilnahme am AI for Good-Gipfel, der vom 8. bis 11. Juli in Genf stattfindet.

Sasha Luccioni
Sasha Luccioni ist Informatikerin und Klimamanagerin bei Hugging Face in Montreal. Sie wird am AI for Good Summit teilnehmen, der vom 8. bis 11. Juli in Genf stattfindet. Gilberto Tadday


«Es gibt eine echte Diskrepanz zwischen den Schnittstellen, die wir nutzen – wie ChatGPT oder Siri – und der materiellen Realität der Server, die sie antreiben», warnt die Forscherin.

Diese Diskrepanz fördert einen Rebound-Effekt, der als Jevons-Paradoxon bekannt ist: «Auch wenn KI effizienter wird, steigt ihr Energieverbrauch, weil wir sie jetzt überall einsetzen: in Sprachassistenten, intelligenten Kühlschränken, personalisierter Werbung, Online-Suchen…», erklärt sie.

In vier Monaten hat sich die Zahl der wöchentlichen Nutzer von ChatGPT auf 800 Millionen verdoppelt.

Energiehungrige Rechenzentren

Besonders die übermässige Nutzung von generativer KI – die in der Lage ist, Texte, Bilder oder Musik auf der Grundlage von maschinellen Lernmodellen zu erzeugen, wie ChatGPT – kritisiert die Expertin: «Um eine Sachfrage zu beantworten, verbraucht Generative KI 20 bis 30 mal mehr Energie als traditionelle KI, wie wir in einer Studie von 2024 festgestellt haben.»

Einem aktuellen Bericht der Internationalen FernmeldeunionExterner Link zufolge ist der Stromverbrauch von Rechenzentren, die für den Betrieb von KI und «Cloud» unerlässlich sind, zwischen 2017 und 2023 um 12% pro Jahr gestiegen, viermal schneller als die weltweite Stromnachfrage.

Laut der Internationalen Energieagentur könnte sich ihr Verbrauch bis 2030 auf 945 TWh verdoppeln. Das ist mehr als Japan (900 TWh) und die Schweiz (60 TWh) pro Jahr verbrauchen.

Eine «Cloud», die mit Kohle und Gas erzeugt wird

Dieser ungebremste Anstieg übersteigt die Kapazität zum Ausbau erneuerbarer Energien, warnt Sasha Luccioni:

«Der Bau von Sonnenkollektoren oder Windrädern braucht Zeit, aber KI entwickelt sich in rasantem Tempo. Sie wird daher oft mit nicht erneuerbaren Energiequellen wie Gas oder Kohle betrieben, obwohl wir unsere Gesellschaften dekarbonisieren sollten.»

Grafik über Energieverbrauch von Rechenzentren
SWI swissinfo.ch / Kai Reusser

Die Folge: Weltweit werden Gas- und Kohlekraftwerke wieder in Betrieb genommen, um Rechenzentren mit Strom zu versorgen, wie in Irland, wo das Stromnetz aufgrund ihres Ausbaus an seine Grenzen stösst.

In Memphis, USA, sorgen die Gasturbinen eines Zentrums von Elon Musk für Kontroversen, während Donald Trump im April Dekrete zur Wiederbelebung des Kohleabbaus unterzeichnete und sich dabei auf den Aufschwung der KI berief.

Laut der Internationalen Fernmeldeunion haben sich die Emissionen im Zusammenhang mit den Aktivitäten der KI-Giganten seit 2020 durchschnittlich um 150% erhöht.

KI, durstig nach Wasser und Metallen

Der ökologische Fussabdruck der KI beschränkt sich nicht auf ihren Stromverbrauch. «Der Aufschwung der generativen KI-Modelle erfordert auch grosse Mengen an kritischen Metallen und Wasser für die Herstellung der Infrastruktur und die Kühlung der Server», sagt die Forscherin. So entstehen neue Minen.

«Wir recyceln so wenig elektronische Komponenten, dass fast alle benötigten Metalle aus intensivem, oft umweltschädlichem Abbau stammen.»

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Laut einer in der wissenschaftlichen Zeitschrift Nature Computational Science veröffentlichten StudieExterner Link hat generative KI im Jahr 2023 2600 Tonnen Elektroschrott erzeugt. Diese Zahl könnte laut den Forscher:innen bis 2030 auf 2,5 Millionen Tonnen ansteigen, was 13,3 Milliarden weggeworfenen Smartphones entspräche.

Was das «blaue Gold» betrifft, schätzt die OECD, dass KI bis 2027 bis zu 6,6 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr verbrauchen könnteExterner Link, das Doppelte des jährlichen Verbrauchs der Schweiz.

Mangelnde Transparenz

Künstliche Intelligenz entwickelt sich schneller als unser Verständnis ihrer Umweltauswirkungen. «Es ist fast unmöglich, den tatsächlichen Energieverbrauch zu schätzen, weil die KI-Giganten sich weigern, diese Daten offenzulegen», sagt Luccioni, die im Juni eine bahnbrechende Studie zu diesem ThemaExterner Link veröffentlicht hat.

Die Ergebnisse sind frappierend: Im Mai 2025 wurden 84% der Anfragen an Chatbots von Modellen bearbeitet, deren Umweltauswirkungen völlig undurchsichtig bleiben, einschliesslich ChatGPT.

Nur 2% der Modelle haben Zahlen über ihren CO2-Fussabdruck kommuniziert. «Besorgniserregend ist, dass die Nutzung von KI ständig zunimmt, während die Transparenz abnimmt», sagt Luccioni.

Un centre de données à Zurich.
Ein Datenzentrum in Zürich. Keystone / Christian Beutler

Diese Undurchsichtigkeit begünstigt die Verbreitung von fragwürdigen, oft falschen Zahlen. Wie die Behauptung, dass ChatGPT mindestens zehnmal mehr Energie verbraucht als eine Google-Suche.

In einem im Juni veröffentlichten Blog gab Sam Altman, CEO von OpenAI, an, dass jede ChatGPT-Anfrage etwa 0,34 kWh Energie verbraucht. «Diese Daten sind nicht überprüfbar, werden aber als bare Münze genommen», sagt die Forscherin und fügt hinzu:

«Selbst wenn diese Schätzung zutreffen würde – was noch zu beweisen wäre – wäre der gesamte Energieverbrauch, multipliziert mit den Milliarden täglichen Anfragen, kolossal. Und das, ohne die Bildgenerierung zu berücksichtigen, die viel energieintensiver ist.»

Auf dem Weg zu einer nachhaltigeren KI?

Obwohl die Vereinten Nationen 2024 eine ResolutionExterner Link für eine globale Governance der künstlichen Intelligenz verabschiedet haben, lässt deren Umsetzung auf sich warten.

«KI entwickelt sich so schnell, dass sie schwer zu regulieren ist. Am dringendsten ist es, die Monopole der Big Techs zu brechen», sagt Luccioni. «Je mehr Akteure wir diversifizieren, desto mehr fördern wir Transparenz und Umweltverantwortung.»

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Gastgeber/Gastgeberin Sara Ibrahim

Wird uns künstliche Intelligenz künftig helfen oder schaden?

Computer sind zunehmend in der Lage, komplexe Entscheidungen zu treffen – sollen wir sie lassen?

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Einige Rechenzentren versuchen, ihren Fussabdruck zu reduzieren, insbesondere durch die Nutzung der Wärme, die ihre Server erzeugen. Für Sasha Luccioni liegt ein Verbesserungsansatz in der Entwicklung sparsamerer KI-Modelle:

«Kleinere und spezialisierte Modelle sind weniger energieintensiv und für unabhängige Entwickler zugänglicher.» Sie erwähnt auch grünere Alternativen wie die Suchmaschine Ecosia, die mit erneuerbaren Energien betrieben wird.

Über die Unternehmen hinaus fordert sie die Entscheidungsträger:innen auf, mehr Transparenz zu verlangen: «Es ist absurd, dass es keine klaren Informationen über die Herkunft der Energie oder den tatsächlichen Verbrauch dieser Systeme gibt. Selbst Unternehmen, die sich um ihre Umweltauswirkungen sorgen, haben nicht die Mittel, fundierte Entscheidungen zu treffen.»

Auch auf individueller Ebene sollten Nutzungsgewohnheiten überdacht werden. «Die Verwendung von generativer KI, um faktische Informationen wie die Öffnungszeiten einer Apotheke oder ein Kochrezept zu erhalten, ist, als würde man die Flutlichter eines Stadions einschalten, um seine Schlüssel zu suchen.»

Mitte Juni zeigte eine Studie des Massachusetts Institute of TechnologyExterner Link, dass ChatGPT unsere Gehirnaktivität erheblich reduzieren kann, insbesondere in den Bereichen, die mit Aufmerksamkeit, Planung, Gedächtnis und kritischem Denken zu tun haben.

«Das ist umso besorgniserregender, als KI oft falsche Informationen produziert – die berüchtigten Halluzinationen. Wir werden von einer unzuverlässigen Technologie abhängig «, warnt Luccioni.

KI im Dienst der Umwelt?

Umweltfragen werden auf dem «AI for Good»-Gipfel in Genf nur eine marginale Rolle spielen. Die Konferenz setzt darauf, die positiven Anwendungen von KI in den Vordergrund zu stellen.

«Mehrere nicht-generative KI-Methoden ermöglichen bereits die Erkennung extremer Klimaereignisse oder beschleunigen die Suche nach nachhaltigeren Materialien für Batterien oder Solarpanels», sagt die Forscherin.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) arbeitet beispielsweise mit Microsoft zusammen, um mithilfe von KI klimabedingte Bevölkerungsbewegungen vorherzusagen.

«Wir müssen weiterhin Antworten über die Zuverlässigkeit, Genauigkeit und den ökologischen Fussabdruck von KI fordern, wie wir es bei jeder Technologie tun würden, die in unser Leben tritt», schliesst Sasha Luccioni.

Editiert von Virginie Mangin, Übertragung aus dem Französischen mithilfe von Deepl: Janine Gloor
 
 

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