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Jasmin-Revolutionen verändern arabische Welt

Demonstranten in Beirut (Libanon) mit einer Landkarte der arabischen Proteste.

(Keystone)

Religion als kulturelle statt ideologische Referenz, die Emanzipation der Frau und der Erfolg der Gewaltlosigkeit: Dies sind laut dem schweizerisch-tunesischen Anthropologen Mondher Kilani die drei herausragenden Merkmale der Revolutionen in Tunesien und Ägypten.

Nachdem die Jasmin-Revolutionen die langjährigen Herrscher in Tunesien und Ägypten hinweg gefegt hatten, sind es jetzt die Regimes in Jemen und zunehmend auch in Syrien, die am meisten unter Druck stehen. Anders ist die Situation in Libyen gelagert: Dort attackieren die Aufständischen Machthaber Gaddafi nicht auf der Strasse, sondern mit Waffengewalt.

Wie diese Konflikte auch ausgehen: Die arabische Welt ist nicht mehr, wie sie war. Was geändert hat, darüber sprach Mondher Kilani jüngst an einer Tagung an der Universität Lausanne. swissinfo.ch sprach mit dem Anthropologie-Professor im Anschluss an den Anlass.

swissinfo.ch: Die erfolgreichen Revolutionen haben die so genannte arabische Ausnahme beendet, die Zusammenarbeit des Westens mit arabischen Tyrannen. Müssen auch die Intellektuellen über die Bücher? 

Mondher Kilani: Eindeutig. Nicht nur die Sicht der arabischen Welt auf sich selbst verändert sich, sondern auch die Betrachtung aus der Optik des Westens. Diktaturen, Terrorismus, archaische Strukturen – das war die arabische Ausnahme. Im Westen ging man davon aus, dass sich dort nie etwas bewegen wird.

Heute ist die arabische Ausnahme Geschichte. Das heisst nicht, dass die Menschen dort so wie diejenigen im Westen geworden sind. Vielmehr zeigte sich, dass keine Regierung und keine Gesellschaft sicher sein kann vor Umstürzen.

Der Druck der jungen Menschen in den arabischen Ländern ist enorm, sie kämpfen für Freiheit, Zukunftsperspektiven und gegen Korruption.

Die Ereignisse kamen überraschend. Aber wenn man die historische Perspektive einbezieht, zeigt sich, dass die Umwälzungen durch Forderungen angestossen wurden, die schon länger in den Gesellschaften schlummerten.

swissinfo.ch: Der Westen hatte die Transformation Griechenlands, Portugals, Spaniens und Osteuropas in Demokratien unterstützt. Welche Rolle spielt er jetzt im arabischen Raum? 

M.K.: Schwer zu sagen, weil die Situationen verschieden sind. Die Position des Westens gegenüber den arabischen Volksbewegungen ist sehr ambivalent und komplex.

Es gibt einerseits eine koloniale Vergangenheit, andererseits hat der Westen die autoritären Regimes bis zuletzt unterstützt. Diese waren geo-strategische Alliierte, lieferten Erdöl und dienten als Bollwerke gegen Migrationsströme. Der arabische Frühling richtet sich deshalb indirekt auch gegen die USA und Europa.

Einige Staaten sind jetzt daran, ihre Position zu ändern. Es bleibt aber abzuwarten, ob tatsächlich aus demokratischen Motiven.

swissinfo.ch: Erleben wir in Tunesien und Ägypten die Geburt von neuen Gesellschaftsverträgen? 

M.K.: Es ist zu früh, dies zu beurteilen. Fest steht aber, dass die Basis aus Würde und dem Willen zu Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit gehandelt hat. Das bedingt eine radikale Wende punkto Neudefinition der Staatsbürgerschaft, des Sozialpaktes, der Regierungsführung, der Geschlechterbeziehungen und der Beziehungen zwischen Gesellschaft und Religion.

swissinfo.ch: Welchen Stellenwert nimmt die Religion in den neuen Gesellschaften ein?

M.K.: Diese Frage wird sich zweifellos stellen. Ob Religion auf ideologischer Ebene zur absoluten Referenz wird, also auch Richtschnur für Regierungen? Ich gehe eher davon aus, dass sie sich als kulturelle, traditionelle Referenz etabliert.

Wenn ich die aktuellen Ereignisse in den arabischen Staaten richtig deute, handelt es sich nicht um eine Revolution, wie sie sich 1978/79 in Iran abgespielt hatte, als der Islam die ausschliessliche Referenz war.

swissinfo.ch: Sie sprechen von einem "anthropologischen Bruch" in der Geschichte der arabischen Länder. Was meinen Sie damit? 

M.K.: Ich sehe mindestens deren drei. Der erste Bruch ist eben die Religion. Sie ist immer noch ein wichtiges Symbol in der arabischen Welt, dient aber nicht mehr als ideologische Quelle des Sozialpaktes.

Der zweite Punkt ist die Emanzipation der Frau. Die Fernsehbilder haben gezeigt: Die Frau ist im öffentlichen Raum und in der Zivilgesellschaft präsent, ob verschleiert oder nicht. Zur Emanzipation führen also auch andere Wege, als sie westliche Länder gehen.

Den dritten anthropologischen Bruch sehe ich bei der Gewaltfrage. Die Menschen gingen unbewaffnet auf die Strasse. Sie haben mit friedlichen Mitteln auf die strukturelle, diktatorische, symbolische und wirtschaftliche Gewalt reagiert, unter der die Mehrheit gelitten hat.

Dies unterstreicht die hohe Sittlichkeit und die Fähigkeit der Menschen dort, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Damit setzten sie der Manipulation durch Diktatoren oder selbsternannte Geistliche ein Ende. Auch flüchteten sie weder in die Hilflosigkeit noch suchten nach einer wundersamen Lösung.

Mondher Kilani

Geboren und aufgewachsen in Tunesien. Gymnasium und Studium der Anthropologie in Paris sowie anschliessend in Lausanne, wo er heute als Professor lehrt.

Feldstudien führten in nach Papua-Neuguinea und in die Schweizer Alpen, wo er über das Verhältnis von Tourismus und sozialem Wandel forschte. In den Oasen seines Heimatlandes untersuchte er die Bewässerungssysteme und die soziale und religiöse Organisation der Gesellschaft.

Kilanis Forschungsschwerpunkte sind kultureller Wandel, historische Anthropologie, insbesondere Fragen des Glaubens, der Religion und der Kategorien des Opfers und des Kannibalismus. Dazu kommen Beweggründe zu Gewalt und Krieg.

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Über den Islam

Der Islam ist eine monotheistische Religion, die auf den Propheten Mohammed zurückgeht. Nach islamischer Überlieferung erschien ihm im Alter von etwa 40 Jahren erstmals der Erzengel Gabriel, der ihm im Verlauf seines weiteren Lebens über Jahre hinweg die Verse der göttlichen Offenbarung, des Korans, diktierte.

Die fünf "Säulen" des Islam sind die Grundpflichten, die jeder Muslim zu erfüllen hat: Schahada (islamisches Glaubensbekenntnis), Salat (fünfmaliges Gebet), Zakat (Almosensteuer), Saum (Fasten im Ramadan), Haddsch (Pilgerfahrt nach Mekka).

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Übertragung: Marc-André Miserez, swissinfo.ch


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