Keine Masseneinwanderung aus Polen

Der stalinistische Palast für Kultur und Wissenschaft teilt sich heute die Skyline mit Hochhäusern im westlichen Stil. swissinfo.ch

Die Angst vor einem Massenzustrom ausländischer Arbeitskräfte dominiert das Vorfeld der Abstimmung über die Öffnung des Schweizer Arbeitsmarktes.

Dieser Inhalt wurde am 20. September 2005 - 08:10 publiziert

Bei einem Augenschein in der polnischen Hauptstadt Warschau stellte swissinfo jedoch fest, dass die Polen keine Eile zu haben scheinen, ihre Koffer zu packen.

Vor gut einem Jahr wurde Polen mit 10 weiteren Ländern Mitglied der Europäischen Union, was für das ex-kommunistische Land eine neue Ära einläutete.

Während der Palast für Kultur und Wissenschaft aus dem stalinistischen Zeitalter noch immer das Bild der Hauptstadt prägt, sind überall auch Anzeichen westlicher Investitionen zu sehen.

Polen war seit jeher ein Exportland von Arbeitskräften in den Westen, obwohl die Auswanderung unter dem Kommunismus eingeschränkt war. Nun stehen die Türen Richtung Europa wieder offen.

Am 25. September wird die Schweiz darüber entscheiden, ob auch sie Tür und Tor öffnen wird für Arbeitskräfte aus Polen und den anderen neun neuen Mitgliedstaaten der EU.

Gegner der Vorlage warnen vor einem Zustrom billiger Arbeitskräfte aus dem Osten, was zu Lohndumping führen könnte.

Mit einer Arbeitslosenquote von 18% verfügt Polen über ein breites Angebot qualifizierter Arbeiter. Laut Beobachtern muss die Schweiz allerdings keine Angst haben, ihren Arbeitsmarkt zu öffnen. Auch wenn viele Polen nach Westen blicken, bleibt die Mehrheit doch zu Hause.

Der Massenexodus qualifizierter Arbeiter, wie das teils erwartet wurde, hat sich nicht verwirklicht.

Baugewerbe

Auch wenn es keine aktuellen Statistiken gibt über die Zahl der Polen, die seit dem Beitritt am 1. Mai 2004 in andere EU-Staaten übergesiedelt sind, schätzt das polnische Ministerium für Wirtschaft und Arbeit, dass in der zweiten Hälfte des letzten Jahres rund eine halbe Million Polen in der EU arbeiten, 320'000 von ihnen in Deutschland.

Wie Magdalena Sweklej vom Ministerium betonte, handelt es sich bei 80% von ihnen um Saisonarbeiter, die drei Monate im Ausland arbeiteten, vor allem im Baugewerbe und in der Landwirtschaft, und dann heimkehrten.

"Das erste Jahr (der EU-Mitgliedschaft) hat gezeigt, dass das Mobilitäts-Potential geringer ist als einige westliche Politiker befürchteten. Es ist mehr oder weniger vergleichbar mit dem EU-Durchschnitt", sagte Sweklej gegenüber swissinfo.

Sie strich hervor, dass gemäss den Übergangsbestimmungen, denen die Schweiz vergangenen Oktober zugestimmt hat, 700 Arbeitskräfte aus den neuen EU-Staaten langfristige Arbeitserlaubnisse erhalten. Davon seien lediglich 20% vergeben worden.

USA und Deutschland beliebt

"Wenn Polen sich für einen Arbeitsort ausserhalb ihres Landes entscheiden, gehen sie meistens dorthin, wo sie Freunde oder Familie haben. Die beliebtesten Destinationen sind Deutschland und die USA."

Deutschland hat die Zahl von Arbeitern, die es aufnimmt, beschränkt während Grossbritannien, Irland und Schweden keine solchen Restriktionen kennen und eine grosse Anzahl polnischer Fahrer und Bauarbeiter wie auch IT-Spezialisten, Ärzte, Zahnärzte und Krankenschwestern aufnahmen.

Sweklej, die der Abteilung für freien Personenverkehr vorsteht, ist in keiner Weise besorgt, dass die Zahl der Arbeiter, die ausreisen, plötzlich massiv steigen könnte.

"Es besteht die Regel, dass soviel Personen in einem Land arbeiten wie die Arbeitgeber brauchen."

Grossbritannien und Irland

Laut Katarzyna Kawka, die polnischen Landsleuten hilft, mit EURES (EU-Arbeitsvermittlungs-Portal) eine Arbeit im EU-Raum zu finden, sind es vor allem unter 25-Jährige, die ins Ausland wollen.

Es handle sich vor allem um Personen mit Sprachkenntnissen und wenig Arbeitserfahrung.

Kawka – eine der zwei EURES-Beraterinnen in Warschau – berät pro Monat zwischen 80 und 250 Kunden.

"Die Anfragen betreffen in erster Linie England und Irland und ab und zu Deutschland", sagte Kawka gegenüber swissinfo. "Bisher wurde ich noch nie über Arbeitsmöglichkeiten in der Schweiz befragt, aber vielleicht steigt das Interesse nach der Abstimmung über den erweiterten Personenverkehr."

"Soviel ich weiss sucht die Schweiz hoch qualifizierte Spezialisten und diese finden entweder Arbeit in Polen selber oder einem anderen europäischen Land."

Anzeichen einer Verbesserung

Laut Analysten sind die Tage der grossen polnischen Migration vorbei. Heute gingen Polen nur vorübergehend ins Ausland und kämen zurück, sobald sie genug Geld verdient oder nützliche Erfahrungen gesammelt hätten.

Gemäss Rafal Kiepuszewski, Leiter der englisch-sprachigen Redaktion des polnischen Auslandradios, Radio Polnia, merken die Polen, dass es zu Hause gar nicht so übel ist.

"Es herrscht kein Klima der Hoffnungslosigkeit. Alle sehen, dass die Lage sich verbessert. Die Wirtschaft wächst wieder, was bedeutet, dass weniger Leute sich nach einer Arbeit im Ausland umsehen."

Es sei nicht wahrscheinlich, dass sich die polnischen Medien für die Abstimmung vom 25. September interessierten, so Kiepuszewski. "Würde der Urnengang aber in Deutschland stattfinden, wäre das Interesse gross."

Innenpolitische Themen, wie die Arbeitslosigkeit oder die Steuerpolitik, beschäftigten die Polen weit mehr. Und da am Tag der Abstimmung in der Schweiz in Polen ein neues Parlament gewählt wird, dürften die nationalen Nachrichten von weit grösserem Interesse sein als die internationalen.

swissinfo, Morven McLean, Warschau
(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein)

Fakten

Polen zählt 38,5 Millionen Einwohner (UNO, 2005).
Im Juni lag die Arbeitslosenrate bei 18%.
Im Februar 2003 betrug sie 20,7%.
Die Wirtschaft wächst doppelt so schnell wie in der Euro-Zone.
Die linksgerichtete Regierung dürfte bei den Wahlen vom 25. September von der Mitte-Rechts-Opposition überflügelt werden.

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