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Entlang der Bisse du Levron

Sonia Tissières, unsere Führerin, auf dem Wanderweg der Bisse du Levron. swissinfo.ch

Eine Wanderung entlang der alten Bewässerungs-Kanäle im Wallis zeigt, wie die Berg-Bevölkerung früher mit dem knappen Wasser umging.

Die Kanäle sind, obschon nicht mehr gebraucht, eine Attraktion.

Auf den ersten Blick ist die Bisse du Levron im Val de Bagnes nicht sonderlich imposant. Sie ist weder sehr breit – knapp einen Meter –, noch fliesst ihr Wasser besonders schnell.

Die wahren Dimensionen des Kanals und seine einstige Bedeutung erschliessen sich dem Besucher erst, wenn er der Bisse ein paar Stunden gefolgt ist.

Der Bewässerungskanal zweigt Wasser aus einem Bergbach ab und führt es dem 25 Kilometer entfernten Dorf Levron zu – seit über 500 Jahren.

Die Bisse durchläuft Bergwiesen und Wälder, kreuzt den Berghang oberhalb des grossen Wintersport-Zentrums Verbier, stürzt dann in eine Schlucht und macht schliesslich eine letzte Kurve zu den Feldern von Levron.

Als Bewässerungskanal ist die Bisse von Levron längst überflüssig geworden. Heute verlassen sich die Bauern hier oben auf ein modernes Sprinklersystem.

Noch rund 750 Kilometer erhalten

Doch unsere Führerin Sonia Tessières sagt, sie sei froh, dass die Bisse du Levron und andere alte Kanäle im Kanton Wallis erhalten wurden oder wieder hergestellt werden.

Die Bisse du Levron ist einer von annähernd 200 alten Walliser Bewässerungs-Kanälen mit einer Gesamtlänge von fast 750 Kilometern, die bis heute erhalten geblieben sind. Ungefähr die Hälfte davon sind von Wanderwegen erschlossen.

«Wir sollten wissen wie unsere Vorfahren gelebt haben und solche Bewässerungskanäle gibt es nur in unserer Region», erklärt Sonia Tissières.

Sabotage und ein Jahrzehnte langer Streit

Sie erzählt, wie die Bisse du Levron in ihrer langen Geschichte, gerade weil sie eine Quelle von Reichtum darstellte, auch zu Streitigkeiten führte zwischen den Dorfschaften des Val de Bagnes.

Im 15. Jahrhundert baten die Bewohner von Levron den Abt um Erlaubnis, die Wasser aus dem Tortin-Gletscher kanalisieren zu dürfen.

Ihr Antrag wurde schliesslich bewilligt, zum grossen Missfallen der Dörfer, die unterhalb des Gletschers lagen und ihre Wasserprivilegien nicht geschmälert sehen wollten.

Die aufgebrachten Bachanrainer sabotierten den Kanal und der Streit um das Wasser, der daraus entstand, konnte erst nach Jahrzehnten beigelegt werden.

Der Bissenwärter

Die Bisse von Levron in ihrer heutigen Form stammt aus dem Jahr 1484. Heute wird sie nicht mehr von missgünstigen Dorfbewohnern aufs Korn genommen, sondern bestenfalls von übermütigen Kindern und Erwachsenen.

«Meine Aufgabe ist es, die Steine zu entfernen, welche von Jungen und sogar von Erwachsenen, die es eigentlich besser wissen sollten, in den Kanal geworfen werden», erklärte ein Mann, dem wir auf unserer Wanderung begegneten und der behauptete, er sei der Wärter der Bisse du Levron.

Den Informationstafeln entlang des Kanals ist zu entnehmen, Aufgabe des Bissenwärters sei es seit jeher gewesen, den Kanal zu überwachen, Reparaturen auszuführen und dafür zu sorgen, dass die komplexen Regeln betreffend Kontrolle, Gebrauch und Wartung von Allen eingehalten wurden.

Lauschiger Bergbach

Bevor ein grosser Teil seines Wassers in den Kanal abgezweigt wird, schlängelt sich der Bergbach durch ein saftiges Hochmoor.

Das Moor ist eine grüne Oase inmitten von Berghängen, die entstellt sind von Luftseilbahn-Masten und ungeteerten Servicestrassen für die riesige Skisport-Arena von Verbier.

Hier wundern wir uns plötzlich, mit welcher Selbstverständlichkeit wir als Feriengäste grosser alpiner Wintersportorte das Vorhandensein von genug Wasser stillschweigend voraussetzen.

Die Zehntausende Touristen, die jedes Jahr ins Val de Bagnes kommen, meist um ein paar Tage in Verbier zu verbringen, erwarten, dass Wasser fliesst, wann immer sie es brauchen, zum Trinken, Duschen und Kochen oder zur Herstellung von Kunstschnee im Winter.

Künstliches Reservoir

Verbier bezieht sein Wasser aus einem grossen Reservoir, denn vom Kanal allein könnte das populäre Dorf heute seinen Durst nie und nimmer stillen.

Wir machen uns also zu diesem von Menschenhand geschaffenen See auf, der hinter einem Bergrücken in einer weitgehend unberührten Landschaft versteckt und vom Hochmoor aus in etwa dreiviertel Stunden zu erreichen ist.

Die Berghänge ob Verbier mögen zwar verbaut und vernarbt sein, doch daneben stehen ungefähr die Hälfte der 300 Quadratkilometer des Val de Bagnes unter Naturschutz.

Die Kunst der alten Steinmauern



Schon bald hören wir die Warnpfiffe der Murmeltiere und kurz darauf sehen wir die ersten Steinböcke und Gemsen. Beim Abstieg zum See stellen wir mit Freude fest, dass das Reservoir der rauen Schönheit der Berglandschaft keinen Abbruch tut.

Zu unserer Überraschung kommen wir auch an ein paar Männern vorbei, die Trockensteinmauern aufschichten – ein Handwerk das heute nur noch wenige beherrschen.

Sie erklären uns, sie seien angestellt worden, um eine Gruppe von alten Viehunterständen und Hirtenhütten aus Stein und Erde wiederherzustellen. Diese Bauwerke seien für das Erbe des Val de Bagnes ebenso wichtig wie die vielen Bewässerungskanäle, sagten sie.

swissinfo, Dale Bechtel im Val de Bagnes
(Übertragung aus dem Englischen: Dieter Kuhn)

Wallis:
Noch heute fast 200 alte Bewässerungs-Kanäle
Gesamtlänge: annähernd 750 Kilometer

Das Val de Bagnes umfasst 23 Ortschaften, die bekannteste ist Verbier.

Das Tal hat eine Fläche von 300 Quadrat-Kilometern, davon steht ungefähr die Hälfte unter Naturschutz.

Verbier bietet Sommersportlern eine grosse Auswahl an Aktivitäten an, zum Beispiel Mountain Biking, Para-Gliding, Golf und Felsklettern.

Die Wanderwege im Val de Bagnes sind gut markiert; auch stehen Führer, die viel Wissenswertes über das kulturelle Erbe der Region wissen und Flora und Fauna kennen, zur Verfügung.

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