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Das koloniale Erbe beschäftigt auch Schweizer Museen

Das Musée d'ethnographie de Genève (MEG) lud einen Maori-Künstler ein, eine neue Ausstellung um Maori-Schädel zu schaffen. Johnathan Watts/MEG

Viele Staaten in Europa arbeiten ihre koloniale Vergangenheit auf. Dabei ist die Rückgabe von unrechtmässig angeeigneten Artefakten ein wichtiges Thema. Auch Schweizer Museen steuern in Richtung Entkolonialisierung.

Dieser Inhalt wurde am 13. Dezember 2020 - 09:00 publiziert

Die Rückgabe von Kulturgütern, die während der Kolonialzeit aus fernen Ländern entwendet wurden, ist zurzeit in mehreren europäischen Staaten ein Thema. So hat etwa das französische Parlament kürzlich beschlossen, bestimmte Artefakte, welche in Pariser Museen ausgestellt waren, an die Herkunftsländer in Afrika zurückzugeben. Die "Black Lives Matter"-Bewegung hat den Druck zusätzlich erhöht.

Die Schweiz hatte zwar keine Kolonien, aber wie Boris Wastiau, Direktor des Genfer Museums für Völkerkunde (Musée d'ethnographie de Genève, MEG), betont, profitierten auch Schweizer Organisationen und Einzelpersonen vom Kolonialismus.

Zum Beispiel wurden Artefakte von Diplomaten, Entdeckern, Wissenschaftlern, Soldaten und Missionaren in grossen Mengen in die Schweiz zurückgebracht. Sie werden heute in Museen gezeigt oder gelagert. "Es ist an der Zeit, dass sich auch Schweizer Museen entkolonialisieren", sagt Wastiau. Das bedeute aber nicht zwingend, dass sie alle Gegenstände zurückgeben müssten.

Die Menschen weinten

"Die Zeit ist reif, zu handeln", sagt auch Kunstrechtsprofessor Marc-André Renold von der Universität Genf. Er leitet ein kleines Team von Experten, das mit Unterstützung der Unesco eine Datenbank aufgebaut hat, die Rückforderungsfälle aus aller Welt sammelt. Die Gruppe hat inzwischen rund 150 Streitfälle dokumentiert, welche viele Staaten, Einzelpersonen, Museen und zahlreiche Objekte betreffen.

Viele dieser Gegenstände haben für die Gemeinden, denen sie entwendet wurden, eine grosse Bedeutung. Renold nennt das Beispiel EkekoExterner Link. Dabei handelt es sich um eine 2000 Jahre alte Steinfigur aus den südamerikanischen Anden, die 2014 vom Historischen Museum Bern an Bolivien zurückgegeben wurde.

Im 19. Jahrhundert soll der Schweizer Forscher und Diplomat Johann Jakob von Tschudi auf einer Reise durch das Andenhochland eine Flasche Cognac gegen die Götterfigur eingetauscht haben. Wie die Genfer Forscher berichten, hielt von Tschudi in seinem Tagebuch fest, dass die Menschen weinten, als er das Land verliess. Diese Statuette bedeutete Glück und Wohlstand für die Gemeinde, aber von Tschudi nahm sie trotzdem mit.

Beim MEG gab es laut Direktor bislang einen Rückforderungsfall Anfang der 1990er-Jahre. Dieser betraf eine Maori-Figur. Sie wurde zuerst als Leihgabe an Neuseeland zurückgegeben und schliesslich im Jahr 2011 endgültig "restituiert". Sie ist also wieder im Besitz des Ursprungslandes. Das MEG behielt bloss ein paar Fotos der Figur.

Das Genfer Volkskundemuseum MEG hat 2011 einen Maori-Kopf an Neuseeland zurückgegeben. ArThemis

Unbeliebte Gerichtsverfahren 

Rückforderungen führen oft zu Streitfällen, die manchmal auch vor Gericht enden. Die zweisprachige, auf Open Source basierende Datenbank der Genfer Kunstforscher, genannt "ArThemisExterner Link", wurde 2010 aufgebaut. Sie solle den Experten auch "helfen, zu verstehen, wie Streitigkeiten in Bezug auf das Kulturerbe gelöst werden", erklärt Renold.

Sein Team erkannte schnell, das Gerichtsverfahren nicht immer die beste Lösung sind. "Obwohl der Gang vor Gericht eine Option für die Kläger ist, werden heute oft andere Wege gefunden. Zum Beispiel internationale Schiedsgerichte, Mediation, Schlichtung oder einfach Gespräche". Westliche Museen wollten oft nicht vor Gericht, weil das ihrem Ruf schaden könnte.

"Wenn Sie vor Gericht gehen, ist das Resultat meistens klar: Sie gewinnen oder verlieren, Sie erhalten Rückerstattung oder nicht. Wenn Sie aber auf alternative Methoden setzen, finden Sie oft neue, originelle Lösungen."

Schweizer Mediation 

Es gäbe einige Beispiele von erfolgreichen Restitutionen, so Renold. Etwa die Rückgabe einer verzierten Schüssel aus der Antike, genannt Euphronios KraterExterner Link, an Italien, welche im Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York war. Dieser Fall von 2006 löste eine Reihe erfolgreicher Rückgaben von US-Museen an Italien aus.

Weiter berichtet er vom Kunstgemälden, welche von den Nazis in Österreich einer jüdischen Familie geraubt wurden. Die Restitution der Kunstwerke konnte mittels Schiedsverfahren zwischen Österreich und der Besitzerfamilie Altmann gelöst werden.

Auch in der Schweiz gabs schon Fälle: 2006 vermittelte der Bundesrat wegen ArtefaktenExterner Link aus der Zeit der Toggenburgerkriege zwischen den Kantonen Zürich und St. Gallen. 

Die Schweizer Regierung vermittelte einen Streit zwischen zwei Schweizer Kantonen über einen antiken Globus und Manuskripte aus den Toggenburgerkriegen.

Renold meint, dass die neutrale Schweiz eine stärkere Vermittlerrolle spielen könnte, "weil sie kein Kolonialstaat war". Obwohl sich das Kunstrechtszentrum der Uni Genf in erster Linie auf die Forschung konzentriert, nimmt es inzwischen auch Anfragen für Unterstützung bei der Vermittlung entgegen. So half das MEG etwa im Fall der so genannten Chinchorro-MumienExterner Link, die 2011 an Chile zurückgegeben wurden. 

Weg von der Ethnographie

Inzwischen überdenken auch viele Museen die Art und Weise, wie sie ihre Kulturgüter präsentieren.  In Belgien, dem Heimatland von Boris Wastiau, untersucht zurzeit eine parlamentarische Kommission die blutige koloniale Vergangenheit des Landes, die dort seit Jahren ein Thema ist.

Das Museum für Völkerkunde der Stadt Genf wurde 1901 eröffnet und hat im Laufe der Jahrzehnte eine stattliche Sammlung von Objekten aus aller Welt aufgebaut. Viele davon stammen aus ehemaligen Kolonien. Doch nun hat das Museum unter Wastiaus Leitung eine Strategie zur "Entkolonialisierung" für die Jahre 2020 bis 2024 vorgelegt.

Maori-Künstler George Nuku im Musée d'ethnographie de Genève (MEG). Johnathan Watts/MEG

Dabei gehe es darum, die Ausstellung zu überdenken und schliesslich das Wort "Ethnographie" loszuwerden, sagt Wastiau. "Und wir müssen mit den Herkunftsgemeinschaften und auch der breiten Öffentlichkeit über das Thema sprechen." Zum Beispiel lud das Museum den Maori-Künstler Gerorge Nuku ein, der "eine völlig neue Ausstellung schuf rund um die Vitrine, in der Maori-Artefakte ausgestellt waren". Das Museum plant auch interdisziplinäre Ausstellungen zu Themen wie Umwelt und Good Governance mit Beiträgen von Wissenschaftlern und Künstlern.  

"Wir müssen erstens einmal anerkennen, dass die Ethnographie in gewisser Weise eine tote Wissenschaft ist", sagt Wastiau. "Und zweitens, dass manche Menschen von dieser Art Ausstellung entfremdet werden, weil sie sich falsch dargestellt fühlen oder nicht verstehen, warum wir ein solches Bild ihrer Heimat und Kultur vermitteln."

Flöten aus Knochen 

Das MEG sucht auch aktiv nach den Gemeinschaften, aus denen ihre Sammlungsobjekte stammen - insbesondere wenn diese heilig sind oder es sich dabei um menschliche Überreste handelt. "Viele Objekte sind schlecht dokumentiert und manchmal falsch bezeichnet. Deshalb laden wir, wenn immer möglich, indigene Experten ein, damit sie ihre Kulturgüter korrekt identifizieren. Das ist uns sehr wichtig", so Wastiau

Das MEG besitzt eine Reihe menschlicher Überreste, die zu Artefakten verarbeitet wurden. Beispielsweise Knochen, die in Flöten verwandelt wurden, und bemalte Schädel. Im Falle dieser Schädel, die aus Gemeinschaften der australischen Ureinwohner stammen, habe ein MEG-Kurator 20 Jahre lang nach den Besitzern gesucht, sagt Wastiau. "Delegationen von Aborigines-Experten besuchten das Museum, aber die Schädel wurden bislang nicht beansprucht." Sie sollen nun nach Australien in ein neues Zentrum für nicht beanspruchte Kulturgüter der Aborigines zurückgebracht werden.

Nicht immer verlangen die Indigenen die Rückgabe von Sammlungsobjekten. Wastiau berichtet vom Fall einer Gemeinschaft in Neukaledonien, einer Inselgruppe im Südpazifik, die sagt, dass ihre Objekte "Botschafter" seien und dass sie "stolz" sei, dass sie in Museen anderer Länder verbleiben. Und eine Rückgabe komme für diese Menschen entsprechend ihrer Traditionen auch nur im Rahmen eines Tauschhandels in Frage.

So wie das MEG in Genf überdenken auch die Verantwortlichen anderer Schweizer Museen ihr koloniales Erbe, wie das Schweizer Fernsehen RTSExterner Link kürzlich berichtete.  

Die Konfrontation suchen 

Das Thema betreffe auch junge Menschen, sagt Wastiau und verweist auf einen Bericht von 2018 aus Frankreich über Rückgaben nach Afrika. Darin steht, dass "insbesondere die Entwicklung der afrikanischen Jugend durch den Verlust ihrer Rechte auf künstlerisches und kulturelles Erbe gefährdet ist". Ein Grossteil dieses kulturellen Erbes lagert heute in Museen in Europa.

Wastiau sagt, das Thema sei auch für junge Menschen in der Schweiz wichtig. Er berichtet von einer jungen Künstlerin, die an einer Ausstellung im Palais de Rumine in Lausanne mitgewirkt hat. "Als sie erfuhr, dass sie einen Vorfahren hat, der mit dem Sklavenhandel Geld verdient hatte, war sie absolut schockiert und bewegt. Sie sucht seither nach Antworten." Wastiau betont, dass das MEG auch dieser neuen Generation Rechenschaft schuldig sei.

Menschen sollen sich im MEG willkommen und frei fühlen und das Museum und seine Sammlungen infrage stellen. "Entkolonialisierung funktioniert nur, wenn man alle Beteiligten sucht, sie ins Museum holt, ihnen zuhört und sie bei Entscheidungen einbezieht. Erst wenn sie sich als Teil des Projekts fühlen, ist es ein Erfolg."

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