"Das wäre dann eine erzwungene Rückkehr"

Michael Obrist lebt und arbeitet seit zehn Jahren in der EU.

Bei der Kündigungsinitiative steht vor allem die Einwanderung in die Schweiz im Fokus. Sollte die Personenfreizügigkeit jedoch tatsächlich gekündigt werden, hätte dies auch direkte Folgen für die zahlreichen Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer im EU/EFTA-Raum.

Dieser Inhalt wurde am 21. August 2020 - 16:00 publiziert

Etwa 460'000 Schweizerinnen und Schweizer leben in einem EU-Land. Würde am 27. September die Kündigungsinitiative der SVP angenommen, wären sie vom möglichen Ende des bilateralen Wegs direkt betroffen. Die Organisation der Auslandschweizer hat in einer Stellungnahme mit deutlichen Worten nicht gespart: Die Folgen einer Annahme wären für sie "eine Katastrophe".

In der öffentlichen Debatte spielen Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer jedoch eine unbedeutende Rolle. Selbst im Argumentarium des Initiativkomitees, das sich im Abstimmungsbüchlein befindet, geht es einzig um die Einwanderung in die Schweiz – und nicht um die umgekehrte Richtung. Der Bundesrat und das Parlament, die sich für eine Ablehnung der Initiative aussprechen, betonen hingegen den Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Dieser ist aber nicht nur für exportorientierte Unternehmen interessant, sondern auch für Schweizer Arbeitskräfte, die in die EU leben und arbeiten wollen.

Die Schweizer Wirtschaft ist bereits europäisch

"Die Schweiz des 21. Jahrhunderts ist ohne Europa und ohne Personenfreizügigkeit undenkbar." Das schreibt die Neue Europäische Bewegung Schweiz (Nebs) in ihrer Publikation "In Europa zuhause"; die Organisation kämpft für einen EU-Beitritt der Schweiz. Darin zeigt sie etwa den Anteil europäischer Arbeitskräfte in ausgewählten Branchen. So sind im Detailhandel 20% der Angestellten EU-Bürger, beim Pflegepersonal sogar 25% – und bei der Ärzteschaft ist es gar einer von drei. Selbst in der Landwirtschaft stammt jede fünfte Arbeitskräfte aus einem EU/EFTA-Staat und finden dank der Personenfreizügigkeit eine Anstellung hierzulande.

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So wie Michael Obrist. Obrist lebt seit einem halben Jahr wieder in Wien, wo er für ein Innovations-Start-Up arbeitet, das Beratung rund um Fragen der Digitalisierung anbietet. In den letzten zehn Jahren, in denen er im Ausland lebt, hat er die Vorteile der engen Verzahnung der Schweiz mit der EU auf zahlreichen Gebieten erfahren, wie er bei einem Whats-App-Anruf sagt. (Normal telefonieren koste ja ziemlich, da die Schweiz nicht beim Roaming im EU-Raum beteiligt sei.)

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Erstens einmal profitierte er auf akademischem Gebiet: "Dank Erasmus konnte ich ein Semester in Wien absolvieren. Das war zu diesem Zeitpunkt unkompliziert möglich", sagt Obrist. Und als er sich entschied, sein Master-Studium in der österreichischen Hauptstadt weiterzuführen, konnte er sich die in der Universität Bern bereits erbrachten Leistungen problemlos übertragen lassen.

Das Beispiel Erasmus

Der Studienwechsel von der Schweiz ins europäische Ausland ist heute komplizierter und deckt weniger Bereiche ab, als noch vor 2014: Das Studierenden-Austauschprogramm Erasmus war eines der direkten Opfer der Masseneinwanderungsinitiative, die in jenem Jahr angenommen wurde. Das Programm gehört zu den bekanntesten Förderprogramme der Europäischen Union, das Auslandsaufenthalte an Universitäten auf dem ganzen Kontinent ermöglicht. Die Schweiz wurde jedoch vom Mitglied zum Partner zurückgestuft, was vor allem in akademischen Kreisen zu grosser Unruhe führte.

Es laufen nun Bemühungen, die Schweiz wieder in das Programm zu integrieren. Der Verband der Schweizer Studierendenschaften SVV und die Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände SAJV setzen sich dafür ein, dass die Schweiz ab nächstem Jahr wieder bei Erasmus dabei ist. Die Annahme der Kündigungsinitiative wäre dafür ein erheblicher Rückschlag.

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Zweitens profitierte er beruflich: Der erste Job nach dem Studium führte Obrist nach Berlin, wo er ebenfalls problemlos übersiedeln konnte. Dort arbeitete er bei einem Start-Up im Bildungsbereich und war eine Zeitlang auch selbständig. "Die Mobilität für Arbeitskräfte und die unternehmerische Freiheit – die ich beide als Schweizer in der EU erlebte – sind sehr hoch und erlauben so ein Leben erst überhaupt", fasst er zusammen.

Vor allem im Bereich von Start-Ups habe er gesehen, wie eng und tiefgehend die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist. Im D-A-CH-Bereich, also in Deutschland, Österreich und der Schweiz, gebe es sehr starke Synergien: "Im Ausland Erfahrungen sammeln oder Personal aus einem anderen Land einstellen: Das sind zentrale Faktoren in dieser Szene – und zwar für alle drei Länder gleichermassen."

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Und drittens auch privat: Obrist reist häufig zurück in die Schweiz und steht in engem Kontakt mit Familie und Freunde hierzulande. "Die einfache Mobilität über die Grenzen hinweg ist für mich essentiell." Als die Grenzen während der Corona-Pandemie vorübergehend geschlossen wurden, hätten wohl manche Leute erst realisiert, in was für eine privilegierte Lage man sich befinde.

Was genau auf dem Spiel steht, sollte die Kündigungsinitiative angenommen werden, ist noch nicht umfassend absehbar: Es ist mit Rechtsunsicherheit zu rechnen, und Tausenden von Schweizern im Ausland droht letztlich der Verlust ihrer Aufenthaltsbewilligung. Für Obrist steht fest: "Die guten Beziehungen aufs Spiel setzen ist irrational." Ein schweizerischer Alleingang – wie er denn auch immer aussehen würde – sei Ausdruck von Selbstüberschätzung, ist er überzeugt. "Und die kann zu einem Bumerang werden."

Für ihn persönlich schätzt Obrist, dass es beruflich und privat deutlich schwieriger würde. Er hat natürlich die Möglichkeit in die Schweiz zurückzukehren. "Das wäre dann aber eine erzwungene Rückkehr."

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