Das Jahrhundert des Bildes: Die Provokation des Klassizismus
Wie hat die Photographie das Jahrhundert wiedergegeben? Mit welchen Werkzeugen, welchen Tricks? Das vierte der zwölf vom Musée de l'Elysée in Lausanne ausgewählten Bilder: "Ajitto" (1981) von Robert Mapplethorpe.
Ein nackter Mann. Auf einem mit einem Tuch belegten Hocker sitzend. Der Mann hat den Kopf zwischen den Knien. Müde? Nachdenklich? Die Formen sind harmonisch, die Haut glänzt unter den Schweinwerfern. Typische Suche nach Ästhetik in einer klassischen Arbeit. Das Geschlecht des Modells ist sichtbar. Wie es auch beim «David» von Michelangelo sichtbar ist, wenn auch etwas bescheidener.
Ja, aber … das hier ist eine Photographie. Und in den 70er- und 80er-Jahren wird das männliche Organ nicht so einfach auf Glanzpapier gedruckt, ausser in spezialisierten Zeitschriften. Das Zipfelchen kommt vielleicht in etwas derben Scherzen zur Sprache, gezeigt wird es nicht. Erst recht nicht, wenn es schwarz ist.
Denn da liegt das Problem …Natürlich ist längst anerkannt, dass auch Schwarze eine Seele haben. Natürlich haben die amerikanischen Südstaaten die Gesetze der Rassentrennung abgeschafft – Südafrika allerdings noch nicht: da ist es erst 1991 so weit. Natürlich sind die USA ein multikulturelles Land. Aber damit ist noch lange nicht akzeptabel, dass männliche schwarze Haut auf diese Art gezeigt wird, und erst noch vergrössert. Dazu ist der weisse Mittelstand nicht bereit. Mapplethorpe schockierte, und wie!
Robert Mapplethorpe kam 1946 in New York auf die Welt, einer Stadt, mit der seine ganze Laufbahn verquickt ist. Die Queens, dann Brooklyn, wo er die Sängerin Patti Smith traf, und das legendäre Chelsea Hotel in Manhattan, wo sie zusammen lebten, zugleich randständig wie als Persönlichkeiten im Blickpunkt der New Yorker Künstlerszene.
Schwarzenkultur, erigierte Geschlechtsteile, Hinweise auf die Welt der Homosexuellen oder auf S.M. – Mapplethorpe hatte ein Talent für den formellen Klassizismus (wir verdanken ihm aber auch Stillleben und Porträts). «Für Mapplethorpe ist das Wichtigste am Körper nicht das Gesicht, sondern das Geschlecht», führt William Ewing aus, der Direktor des Musée de l’Elysée.
Eine Übertretung, mit welchen die Gutmeinenden grosse Probleme hatten. Aber seine Werke wurden in den grössten Museen der Welt ausgestellt, von New York über Frankfurt, Paris, Amsterdam und London bis Tokio.
Robert Mapplethorpe, der 1989 gestorben ist, ist zu einem wirklichen Klassiker geworden. Für Baudelaire waren die Künstler «Scheinwerfer». Vielleicht sind sie vor allem Wegbereiter der Gesellschaft.
Bernard Léchot
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