Eine Genferin im EU-Parlament
Joëlle Fis ist Genferin und Britin. Sie arbeitet im Europäischen Parlament im Pressedienst der Liberalen Fraktion.
swissinfo hat die viersprachige Doppelbürgerin in Brüssel getroffen.
Eine Schweizerin im Parlament der Europäischen Union (EU) – das ist eine Seltenheit. Die 29-jährige Joëlle Fis arbeitet seit drei Jahren dort. Die junge Frau begann in Brüssel als Presseattachée der Kommission für auswärtige Angelegenheiten. Im März dieses Jahres wechselte sie zum Pressedienst der Liberalen Fraktion.Dort ist sie verantwortlich für den Bereich äussere Angelegenheiten und berät die britische Abgeordnete Diana Wills, welche die Delegation Schweiz-Europa präsidiert.
Ein Zufall
«Es ist ein Zufall», sagt die Genferin gegenüber swissinfo mit einem leicht britischen Akzent. Tatsächlich ist Joëlle Fis schweizerisch-britische Doppelbürgerin. «Es ist beinahe unmöglich für eine Schweizerin oder einen Schweizer, in einer europäischen Institution zu arbeiten», erklärt Fis. «Das ist wirklich schade, denn wenn man in das europäische Milieu taucht, lernt man die Europäische Union schätzen.»
Der Vater von Joëlle Fis, ein Genfer Geschäftsmann, der eine Britin heiratete, lebte mit seiner Frau und den drei Töchtern zuerst in England. Als Joëlle 10-jährig war, beschlossen die Eltern, nach Genf zurückzukehren, wo sie zur Schule ging.
«Ein Schock für mich, denn ich sprach kein einziges Wort Französisch und fand mich in einer gemischten Primarklasse, in der alle Mädchen Jeans trugen. Von England her war ich mich an eine strenge, rigide Mädchenschule gewöhnt.»
Französisch lernte Joëlle aber rasch und erhielt an der Maturitätsprüfung gar einen Preis für dieses Fach.
Das weite Suchen
Nach ihrem Studium am Institut universitaire de hautes études internationales (HEI) Genf wird Joëlle Fis 1999 Präsidentin des Europäischen Verbandes jüdischer Studenten. Das war die Gelegenheit für sie, Genf zu verlassen und in Europa das Weite zu suchen. Die Genferin lässt sich in Brüssel nieder, wo sich der Sitz des Studentenverbandes befindet.
In der belgischen Hauptstadt entdeckt Joëlle die Europa-Debatte. «Während meiner Studienjahre habe ich nämlich keine Kurse über Europa besucht. Wenn ich das gewusst hätte!»
Die Genferin wird sehr schnell vom Europa-Virus infiziert. Sie absolviert ein Stage bei der Europäischen Kommission, zuerst in der Presseabteilung, später im Mediendienst bei EU-Kommissar Chris Patten, verantwortlich für die EU-Aussenbeziehungen. «Hier habe ich alles gelernt», so Joëlle Fis.
Danach arbeitet sie für einige Zeit als Journalistin. Später geht sie nach Washington, als Stagiaire im Pressedienst der Delegation der Europäischen Kommission. Zurück in Brüssel, beginnt sie mit ihrer Arbeit im Europaparlament.
«Das ist eine ganz normale europäische Karriere», sagt Fis. Die Schweizerin räumt allerdings ein, dass ihr die Kenntnis der beiden wichtigsten EU-Sprachen – Französisch und Englisch – «enorm» geholfen haben. «Ich kann auch Deutsch und Italienisch, was ein Vorteil für die Arbeit in der Liberalen Fraktion ist. So spreche ich alle vier Sprachen der Fraktion.»
Niemand interessiert sich für die Schweiz
Joëlle Fis besucht regelmässig Genf, wo ihre Eltern und Schwestern leben. «Brüssel und Genf sind zwei unterschiedliche Welten! In Brüssel, im Herzen Europas, spricht man nur über europäische Politik, in Genf nie!»
Die junge Frau hat Verständnis für die Ängste vieler Schweizerinnen und Schweizer vor der EU. Sie glaubt aber, dass die Schweiz nicht ewig ausserhalb des europäischen Clubs bleiben kann.
Auf die Frage, ob das Image der Schweiz in Brüssel immer noch so negativ sei, antwortet Joëlle Fis: «Das Image der Schweiz ist weder gut noch schlecht. Es interessiert sich einfach niemand für unser Land. Die Europäer beschäftigen andere Themen wie der EU-Beitritt der Türkei, die finanziellen Perspektiven, die Europäische Verfassung.» Und sie fügt bei: «Sicher ist, das ein EU-Beitritt der Schweiz die Europäer beruhigen würde.»
Ein allfälliger EU-Beitritt der Schweiz macht also Brüssel weniger Angst als die Kandidaturen Kroatiens und Serbiens. Ein Trost für die europhilen Schweizer…
swissinfo, Barbara Speziali, Brüssel
(Übertragung aus dem Französischen: Jean-Michel Berthoud)
Das Europäissche Parlament hat 732 Abgeordnete, die 457 Millionen Einwohner aus 25 EU-Mitgliedstaaten vertreten.
Zusammen mit dem Ministerrat, der die 25 EU-Regierungen repräsentiert, ist das EU-Parlament die Legislative in den Bereichen wie Umwelt- und Konsumentenschutz, Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Schutz der Kinderrechte, Promotion der Gleichstellung zwischen den Geschlechtern, Verbesserung des Zugangs zu neuen Technologien usw.
Präsident des EU-Parlamentes ist derzeit der Katalane Josep Borrell Fontelles.
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