Musik – Made in Switzerland
Was früher als schiere Unmöglichkeit erschien, ist heutzutage die Norm: Schweizer Bands tauchen in den Charts auf, stürmen die Hitparadenleiter hinauf.
Oktober 2001. Der Herbst zieht langsam übers Land. Wunderbar bunt sind Wälder und Landschaft anzuschauen, wunderbar bunt präsentiert sich die Schweizer Musikszene. Ohne ein Blatt vor dem Mund wird helvetischer Alltag besungen, die immerwährende Liebe (zusammen)gereimt, Volkstümliches experimentell neu interpretiert.
Oktober 2001. Gölä, vor vier Jahren noch ein unbekannter Büezer (Arbeiter), der gerne sang, ist heuer gleich mit drei Singles in den Schweizer Top 35 – Tendenz steigend. Derselbe Gölä, der «Uf und dervo» (Auf und davon) textete, scheint tatsächlich auf- und abzuheben. Als erste Schweizerband überhaupt werden Gölä & Band am 15. Februar im ausverkauften(!) Schweizer-Rocktempel Hallenstadion kräftig in die Saiten langen und die Fanherzen zum Tanzen bringen. In breitestem Berner Mundart-Rock notabene.
Oktober 2001. Hip Hop. Einst schwarze Musik aus dem Untergrund, Sprechgesang als Sprachrohr der Unterprivilegierten, textlich nicht der politischen Korrektheit verpflichtet, wird auch in der Schweiz gepflegt. Wenngleich bis anhin eher als Nachtschattengewächs in einer kleinen Szene. Doch Bligg, Rapper mit «Zürischnurre», rappt vor, wo es langgeht. Mit gescheiten Reimen, Wortspielen, Pointen und einem groovy Sound ist er gar unter den Top Ten zu finden.
Grosse Labels und Video-Clips
Die Wüste lebt. Die aktuelle Schweizer Musikszene präsentiert sich in einer Artenvielfalt, die der heimischen Alpenfauna in nichts nachsteht. Rock, Pop, Raegge, Hip Hop, House, Techno, Ambient, experimentelle Volksmusik, Ethnorock, -pop, -jazz, nichts ist unmöglich, allein die Kreativität bestimmt die Stilvielfalt. Lovebugs, Sina, Kisha, Züri West, Crank, DJ BOBO, Mich Gerber, Gotthard, Polo Hofer, Glen Of Guinness – nur ein paar der vielen Namen.
Waren frühere Musikbands oftmals dazu verdammt, ihre Platten – damals waren die Tonträger noch alle aus Vinyl – in Eigenregie oder auf kleinen Labels herauszugeben, sind heutzutage schnell die Major-Labels zur Stelle, wenn sie einen künftigen Star wittern. Das heisst für die Musiker und Künstlerinnen mehr Promotion, bessere Vertriebs-Möglichkeiten, höherer Bekanntheitsgrad.
Nicht zu unterschätzen: VIVA-SWIZZ, jenes Schweizer Musik-Fenster, welches täglich in den Stuben flimmert, Musikvideos rauf und runter spielt und gerade für Jugendliche ein wichtiges Tor in die schweizerische Musikwelt darstellt. VIVA-SWIZZ bietet die Gelegenheit sich zu informieren, Klatsch und Trash zu sehen, sich per SMS, Fax, Internet, Telefon live ins Programm zu schalten.
Grosse Professionalität
Aber das allein vermag den Boom, die täglich grösser werdende Zahl von Bands und Tonträgern – auf einem durchaus internationalen Niveau – nicht zu erklären. «Ich denke die guten Jazzschulen in der Deutsch- und in der Westschweiz haben das ihrige zur Professionalisierung der Szene beigetragen», erklärt Frank von Niederhäusern, Musikjournalist und Kenner der Szene. «Diese Absolventen drängen auf den Markt, sind begabt und hungrig. Nicht alle bleiben beim Jazz, sie entwickeln sich weiter, suchen Gleichgesinnte, gründen Bands, setzen Standards.»
In der Westschweiz spielen Genf und Lausanne die erste Gitarre. Hier pulsiert die Szene, gebiert Neues und findet doch den Weg selten über den Saanegraben. Vielmehr richtet sich ihre musikalische Orientierung nach Frankreich aus. Ausnahmen: die hochgelobten Young Gods, welche auch die internationale Musikpresse immer wieder in Entzücken versetzen, und Sens Unik, Rap-Band mit Esprit und Erfolg. Sens Unik, unabhängig mit eigenem Label und Förderer von Nachwuchsbands. Übrigens mit «C’est la vie» in den Charts, wo denn sonst.
Aufgeweckte Volksmusik
Ebenfalls nicht mehr im Helvetiaschlaf steckt die experimentelle Volksmusik. Cyrill Schläpfer, dessen Film «Urmusik», 1993 Schweizer Film- und Musikgeschichte geschrieben hat, vermittelt lustvoll zwischen Tradition und Moderne, zwischen Hackbrett und Lounge. Das Duo Stimmhorn dürfte das schrägste und zugleich eigenwilligste sein, was derzeit zu hören ist. Sicherlich nicht jedermanns Geschmack, eröffnen sie den Zuhörenden eine Klangwelt der Töne und Noten, die ihresgleichen sucht.
Last but not least, die Kinder. Mussten sich noch Generationen von Kids mit «Alli mini Äntli (Alle meine Entchen)» und «Roti Rösli (Rote Röslein)» begnügen, beschallen neu die «Ohrewürm (Ohrwürmer)» Deutschschweizer Kinderzimmer. Zur Freude der Kinder und der Eltern. Die Idee bestechend und einfach. Bekannte Musikerinnen und Bands rocken und rollen was der Teddybär hält, und die Texte sprechen eine frische zeitgemässe Mundart-Sprache. Daraus entstanden sind Schtärne5i, eine Band, die regelmässig tourt und mit «Geischterbahn» bereits die dritte Produktion vorlegt.
Brigitta Javurek
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