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Show-down im Grand Hotel Locarno

Das Grand Hotel Locarno: Künftige Schweizer Niederlassung der "New York Film Academy"? swissinfo.ch

Die Lichter im Grand Hotel von Locarno sind ausgegangen. Interessenten für das historische Gebäude kommen jetzt sogar aus New York.

Die international renommierte «New York Film Academy» will eine Niederlassung in der Schweiz gründen. Das Grand Hotel befindet sich unter den möglichen Standorten.

Familie Baumann aus Deutschland ist kurz vor der Schliessung nochmals angereist. «Wir sind verrückt nach diesem Hotel. In drei Jahren waren wir 14 Mal hier», schwärmt Herr Baumann. Doch dann überkommen ihn Traurigkeit und Ärger. Das Grand Hotel Locarno schliesst seine Pforten. Es ist keine gewöhnliche Winterpause, sondern das Ende einer Epoche.

Die Eigentümer kündigten Hoteldirektor Urs Zimmermann den dreijährigen Pachtvertrag vorzeitig auf, um – wie es hiess – «eine Reflexionspause einzulegen». 25 Mitarbeiter verlieren ihre Stelle.

Die Zukunft des historischen, 1875 erbauten Hotels mit seinen prachtvollen Sälen steht in den Sternen. Sicher ist nur: Die Eigentümer-Gemeinschaft will das Objekt verkaufen oder allenfalls einen Pachtvertrag über einen sehr langen Zeitraum (20 bis 30 Jahre) abschliessen.

Renommierte Filmschule zeigt Interesse

Unter den potentiellen Interessenten befindet sich auch die «New York Film Academy» (NYFA). Die renommierte Filmschule, die Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren ausbildet, will ihr Netz an europäischen Niederlassungen (bisher Oxford, Paris und Florenz) ausbauen, schon 2006 eine Filiale in der Schweiz gründen und dazu ein repräsentatives Hotel nutzen.

«Location Switzerland», die Beratungsstelle des Staatsekretariats für Wirtschaft (seco), hat der NFYA verschiedene Standorte vorgeschlagen. Das Grand Hotel Locarno scheint dabei besonders interessant zu sein.

Locarno ist Filmfestivalstadt, im Park des Grand Hotel wurde 1946 das erste Filmfestival Locarno eröffnet. Venedig und Cannes sind nicht allzu weit entfernt und das Klima im Tessin ist angenehm. «Locarno gehört definitiv zur engeren Wahl», heisst es bei der NYTA auf Anfrage.

Abschreckende Renovationskosten

Weitere mögliche Standorte für eine NYFA-Dependance in der Schweiz sind das Ambassador in Crans-Montana, das Grand Hotel Regina in Grindelwald, das Chateau Gütsch in Luzern sowie weitere Objekte in der ganzen Schweiz.

Nicht zum ersten Mal werden alternative Nutzungen des Grand Hotels diskutiert. Von einem Sitz für die kantonale Hotelfachschule war bereits die Rede. Doch daraus wurde genauso wenig wie aus dem Projekt für den Umbau in eine Spielbank.

Und die Befürchtung besteht, dass das nicht unter Denkmalschutz stehende Gebäude womöglich nach einer Veräusserung ganz oder teilweise in luxuriöse Wohnungen umgebaut wird.

«Der Kaupreis beträgt 22 Mio. Franken, 18 Mio. für Haus und Umschwung, 4 Mio. für das Inventar», sagt Giancarlo Cotti, der die fünf Eigentümer vertritt. Er dementiert damit Berichte, wonach der Preis auf 16 Mio. Franken gesunken sei.

Es gebe ernsthafte Interessenten, präzisiert Cotti. Aber: «Nicht der Kaufpreis schreckt ab, sondern die nötigen Investitionen.» Diese Einschätzung war in den letzten Jahren häufig zu hören. Etliche Millionen sind für eine Renovation nötig.

Von der Schliessung der Konkurrenz profitiert

Um das Hotel zu retten und sanft zu renovieren, ist inzwischen auch eine Privatgruppe um Hotelier Urs Zimmermann aktiv geworden. Mit dem Verein Pro Grand Hotel Locarno wird eine gross angelegte und schweizweite Spendensammlung lanciert.

Falls diese bis Ende Juni 2006 nicht annähernd 20 Mio. Franken ergibt, wird die Aktion abgebrochen und der Verein aufgelöst. Vorstandsmitglied Felix Stiefel ist sich bewusst, dass das Ziel hoch gesteckt ist: «Aber ich will mir nicht einmal vorwerfen, nicht alles zur Rettung dieses Hauses versucht zu haben.»

Die Bemühungen zur Rettung des Hotels sind umso verständlicher, wenn man bedenkt, wie gut die Saison 2005 gelaufen ist. Von der Schliessung anderer Gästehäuser in Locarno wie dem Albergo Muralto, dem Zurigo und dem Beau Rivage konnte das Grand Hotel profitieren.

Die Auslastung war sehr gut. Das räumt auch Giancarlo Cotti ein. Gleichwohl gebe es in der jetzigen Eigentümergemeinschaft keine Mehrheit für nötige Investitionen, sagt er.

swissinfo, Gerhard Lob, Locarno

Das Grand Hotel Locarno steht für 22 Mio. Franken zum Verkauf.

Das Gebäude ist stark renovationsbedürftig.

Die Hotellerie in Locarno steckt in einer Krise. Das Hotel Reber, das Muralto und das Beau Rivage werden in Luxus-Eigentums-Residenzen umgebaut.

Standort Schweiz: Die Dienstleistungsstelle des seco zur Förderung des Unternehmensstandorts Schweiz hat der NYFA eine Reihe von Hotels vorgeschlagen, die sich für eine helvetische Niederlassung der Academy eignen.

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