Sie schlagen mit Schweine-Blasen und wollen wecken
In der Zeit um den Jahreswechsel ziehen in den Schweizer Bergen wilde Gestalten durch die Dörfer. Sie tragen Felle oder Tannäste und Masken. Nie ist der Alpenraum so voller Bräuche und Aberglaube wie in diesen Tagen.
Das «Hardermannli» ist mit Tannästen und Flechten geschmückt. Sein Wybli hat nur noch wenige Zähne im offenen Maul seiner Holzmaske. Zusammen mit Berg- und Wassergeistern, Zwergen und Elfen schlagen sie mit aufgeblasenen Schweineblasen voller Freude zu, wenn sie Passanten begegnen. Dies geschieht an der «Harderpootschete» vom 2. Januar in Interlaken, an einem der zahlreichen Neujahrsbräuche der Schweiz.
Ein Fest des Neuanfangs
Sollen die wilden Sagengestalten die bösen Geister des alten Jahres austreiben? Vielleicht; in erster Linie seien solche Bräuche aber ein Fest des Neuanfangs, sagt der Schweizer Mythen- und Sagenforscher Sergius Golowin. So machen sich im Appenzellischen Hinterland am letzten Tag des Jahres und am 13. Januar die Silvesterkläuse auf den Weg und überbringen gute Wünsche für das neue Jahr. Im Walliser Lötschental treiben ab dem 2. Februar die Tschäggätä ihr Unwesen. Die Fasnacht, die ebenfalls zu Beginn des neuen Jahres gefeiert wird, sieht Golowin als logische Folge der Bräuche der bergigen Regionen. «Eines geht in das andere über».
Aberglauben zum Jahreswechsel
Rund um den Jahrswechsel gewinnen auch im normalen Alltag gewisse Aberglauben an Bedeutung. So gilt etwa in Bern, dass man die Wohnung aufwischen und den Staub zur Türe hinauskehren muss damit man das Unglück loswird, das Alte, das Verbrauchte. «Ein anderer Aberglauben zur Neujahrszeit will, dass man seine Tiere besonders gut füttert, dann hat man Glück im neuen Jahr», erzählt Golowin.
Bedürfnis nach Bräuchen wächst
Es sei der Sinn des Neujahrs, dass man den Menschen eine kollektive Freude schenke. «Neujahr ist ein Chaos, das aus alten Sachen entsteht, die verbraucht sind und uns bedrohen,» sagt Golowin. Er stellt fest, dass das Bedürfnis der Menschen nach überlieferten Bräuchen wächst. So ist beispielsweise die Berner Fasnacht vor nur 18 Jahren wieder ins Leben gerufen worden. Der Anlass ist heute nicht mehr wegzudenken aus der Stadt.
Moderne Mythen
Das Bedürfnis nach Mythen aus früheren Zeiten drückt sich auch in moderner Art und Weise aus. Die Comicfigur Pokémon z.B. sei nichts anderes als ein japanischer Kobold. Und die Grundlage für den Weltbestseller Harry Potter seien Sagen aus alten Büchern, sagt Sergius Golowin. «Bräuche und Ueberlieferungen helfen dem Menschen, in der Realität anzudocken», ist Golowin überzeugt.
Kathrin Boss Brawand
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