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Zürich saniert das Schwimmbad von Max Frisch

Auf den Sprungturm war Max Frisch stolz.

Vor seiner Karriere als Schriftsteller war Max Frisch Architekt. Sein einziger grösserer Bau ist ein öffentliches Bad, das Freibad Letzigraben in Zürich, das nun saniert worden ist.

Die Renovation erinnert daran, wie sehr die Zwingli-Stadt ihre zahlreichen Bäder liebt.

25 – so viele Schwimmbäder gibt es auf dem Stadtgebiet von Zürich mit seinen 367’000 Einwohnern. Für jeden Geschmack ist eines dabei: Fluss- und Seebäder, Hallen- und Freibäder.

Die Zürcher waren schon immer verliebt in ihre Schwimmbäder. Als die Stadtregierung in den 1990er-Jahren aus finanziellen Gründen einige dieser Einrichtungen schliessen wollte, gab es sofort heftigen Widerstand.

An diese Liebe erinnert auch das Buch «Vom Letten bis Rimini», das 2004 erschienen und den Fluss- und Seebädern der Stadt gewidmet ist. Diese Bäder wurden praktisch alle Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und dienten in erster Linie dazu, die Hygiene der Einwohner zu verbessern, denn noch längst nicht jeder Haushalt hatte fliessendes Wasser.

1939 wurde das erste Beckenbad eröffnet

Die künstlich angelegten Schwimmbäder entstanden jedoch erst später. Das Letzibad von Max Frisch, das dieser Tage nach einer Totalsanierung die Wiedereröffnung feiert, ist vielleicht das berühmteste, aber nicht das erste Schwimmbad.

Das Freibad Allenmoos in Oerlikon des Architektenduos Haefeli und Moser wurde bereits 1939, anlässlich der Landesausstellung eröffnet.

Die Stadtregierung sorgte sich damals um die Bevölkerung in den Aussenquartieren, für die der See, wie man dachte, zu weit weg war. Während des zweiten Weltkrieges schrieb sie deshalb einen Wettbewerb aus für die Realisierung eines Schwimmbads im Westen der Stadt.

Ein junger Architekt, mit einem Diplom der Eidgenössischen Technischen Hochschule in der Tasche, ging unter 65 Mitbewerbern als Sieger hervor. Es war der Zürcher Max Frisch (1911-1991). Der spätere bedeutende Schriftsteller entwarf noch ein zweites Projekt für ein Schwimmbad in Horgen, Kanton Zürich, das aber nicht realisiert wurde.

Stolz auf den 10-Meter-Sprungturm

Der Bau des Letzibads begann erst 1947. Während des Krieges fehlte es an Arbeitskräften und an Zement, was den Bau verunmöglichte. Der 10-Meter-Sprungturm, der erste in der Schweiz, worauf Max Frisch sehr stolz war, gab zu lebhaften Diskussionen Anlass, insbesondere wegen der Kosten.

Zusammen mit dem Gartenarchitekten Gustav Ammann entwarf Frisch eine Gruppe von Gebäuden, sanft eingebettet zwischen Bäumen und Sträuchern. Auf dem höchsten Punkt der Parkanlage zieht ein vieleckiger Pavillon mit einem Restaurant den Betrachter in seinen Bann.

Der Geist der Landesaustellung von 1939 ist spürbar: das Becken unter der Treppe und der Restaurant-Pavillon sind klare Anspielungen.

Brecht wird in die Pläne eingeweiht

Im «Tagebuch 1946-1949» gibt es eine berühmte Foto, die zeigt, wie Max Frisch Bertolt Brecht in die Pläne seines Schwimmbads einweiht. Frisch schildert, wie er ungeduldig darauf wartete, archäologische Reste zu finden.

Auf diesem Grundstück stand nämlich einst das Herrenhaus eines römischen Gutshofs und ab dem 14. Jahrhundert bis 1831 der Galgen von Zürich. «Endlich ein Skelett», schreibt er bei seiner ersten Entdeckung.

Die Archäologen stiessen während den Sanierungsarbeiten 2006 auf weitere Skelette. Drei menschliche Wesen und mehrere Pferde wurden ausgegraben.

Im Lauf der Jahrzehnte wurden am Schwimmbad mehrere Veränderungen vorgenommen, die das ursprüngliche Gesamtbild verfälscht hatten, erklärten die Verantwortlichen der Stadt anlässlich der Wiedereröffnung. Bei der Infrastruktur waren Erneuerungen dringend nötig.

Neu mit Wellenbad

Das Architekturbüro ‚weberbrunner‘ hat versucht, dem Original, einschliesslich der Farben, möglichst nahe zu kommen. Der 10-Meter-Sprungturm wurde wieder an seinen ursprünglichen Platz beim Sportbecken verlegt. Das Freibad zählt insgesamt vier Becken.

Um den heutigen Bedürfnissen Rechnung zu tragen, wurde zusätzlich ein Wellenbad eingerichtet.

Die Wiedereröffnung wird von einem Kulturprogramm umrahmt, das bis zum 20. Juni andauert. Ausstellungen, geführte Spaziergänge, namentlich zur Bäderkultur der Stadt Zürich, Filmvorführungen und eine Video-Installation von Pipilotti Rist werden angeboten.

swissinfo, Ariane Gigon Bormann, Zürich
(Übertragung aus dem Französischen: Christine Fuhrer)

Die Stadt Zürich zählt 25 Bäder: 7 Hallenbäder, 6 See- oder Strandbäder, 5 Flussbäder und 7 künstlich angelegte Freibäder.

Dazu kommen 8 Lehrschwimmbecken, die am Abend für die Öffentlichkeit zugänglich sind.

Die meisten Bäder an natürlichen Gewässern wurden zwischen 1893 und 1896 erbaut.

Das erste künstlich angelegte Beckenbad unter freiem Himmel, das Freibad Allenmoos in Oerlikon, wurde 1939 eröffnet.

Das von Max Frisch erbaute Letzibad (Kosten 4,5 Mio. Franken) war das zweite künstlich angelegte Schwimmbad.

Nach einer Totalsanierung (Kosten 26,8 Mio. Franken) wurde das Bad Mitte Mai wieder eröffnet.

Geboren 1911 in Zürich, der Vater war Architekt, die Mutter stammte aus einer Künstlerfamilie.

Anfang der 30er Jahre unternimmt er als Journalist verschiedene Reisen, vor allem nach Deutschland. Sein erstes Buch erscheint 1934.

1940 erhält er das Diplom als Architekt der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.

Mitte der 1950er-Jahre wendet er sich endgültig von der Architektur ab, um sich voll und ganz auf die Schriftstellerei zu konzentrieren.

1991 stirbt Max Frisch in Zürich.

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