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Huguenin: «Keine einfache Aufgabe»

Ein Grossteil der Spitäler wurde angegriffen, ausgeraubt und zerstört. Keystone

Nach Ansicht des IKRK-Sprechers in Irak, Roland Huguenin, steht das Land an einer sehr gefährlichen Wegkreuzung.

Es drohe die Gefahr, dass Irak im Chaos versinke, wenn die Infrastruktur nicht rasch in Stand gestellt werde, erklärt Huguenin in einem Interview mit swissinfo.

Als einzige humanitäre Organisation hatte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) während der Angriffe der Koalition ausländisches Personal in Irak im Einsatz.

Huguenin spricht über die Herausforderungen, vor denen die Hilfsorganisationen heute in dem vom Krieg zerstörten Land stehen und über seine persönlichen Erfahrungen während der Kampfhandlungen, bei denen auch einer seiner Kollegen getötet wurde.

swissinfo: Schon vor Kriegsausbruch warnten Hilfsorganisationen vor einer humanitären Katastrophe. Wie schätzen Sie die Lage jetzt ein, wo der Krieg zu Ende zu gehen scheint?

Roland Huguenin: Irak befindet sich an einer entscheidenden und gefährlichen Wegkreuzung. Ein grosser Teil der Infrastruktur muss von Grund auf neu aufgebaut werden. So wurde zum Beispiel das Telefonnetz des Landes völlig zerstört, was das soziale und ökonomische Leben lähmt. Das hat dramatische Folgen für die Bevölkerung.

Auch das Stromnetz wurde zerstört. Wir wissen nicht, wie und wann die Versorgung wieder hergestellt werden wird. Zudem gibt es Probleme mit dem Wasser, das System wurde sehr schwer beschädigt.

Zudem wurden praktisch alle Ministerien abgebrannt. Einzige Ausnahme ist das Ölministerium, das von US-Truppen beschützt wurde.

Wir müssen also das ganze Land wieder zum Laufen bringen: Wenn die Menschen nicht rasch greifbare Zeichen bekommen, dass etwas in Bewegung gesetzt wird, könnte es sehr gefährlich werden. Es drohen ernsthafte soziale Konflikte.

Ich hoffe, dass das Land aus dieser Situation herauskommt und schliesslich tatsächlich besseren Zeiten entgegenschauen kann.

Was sind die schlimmsten Probleme, vor denen die irakische Bevölkerung und die Hilfswerke stehen?

R. H. : Gewisse Probleme müssen sofort angegangen werden, weil alle anderen Arbeiten von ihnen abhängen. Das ganze Land muss nach den unglaublichen Bombardierungswellen von Grund auf neu organisiert werden.

Ohne die Basis-Dienstleistungen wie Strom- und Wasserversorgung ist es aber unmöglich, das Land wieder zum Laufen zu bringen. Deshalb werden wir unsere Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Wiederherstellung von Trinkwasser-Anlagen und die Bereitstellung von temporären Wasserquellen für lebenswichtige Einrichtungen wie Spitäler konzentrieren.

Das wird uns viel Anstrengung kosten. Das IKRK befasst sich seit 12 Jahren mit der irakischen Wasserversorgung. Wir können auf viel Erfahrung zurückgreifen. So können wir vor Ort mit Vertretern der öffentlichen Dienste zusammenarbeiten und die Wasserversorgung wieder in Stand stellen. Dies wird helfen, den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern.

In Basra zum Beispiel konnte die massiv zerstörte Wasserversorgung wieder mehr oder weniger in Gang gebracht werden. Die Grossstadt Bagdad hat ein sehr kompliziertes, verzweigtes Wassernetz. Dort konzentrieren wir uns zur Zeit auf die zentralen Pumpstationen, über die auch die Vorstädte Bagdads versorgt werden – keine einfache Aufgabe.

Das IKRK hat die Koalition aufgefordert, im Land für Recht und Ordnung zu sorgen. Wie hat sie reagiert?

R.H.: Seit dem ersten Tag der Bagdad-Bodenoffensive standen wir in Kontakt mit den US-Truppen und forderten sie dazu auf, die Spitäler zu schützen.

Es gab ein oder zwei Spitäler, die beschützt werden konnten. Doch ein Grossteil der andern wurde angegriffen, ausgeraubt, zerstört. Zum Teil nahmen die Plünderer alles mit, was nicht niet- und nagelfest war.

Als die US-Truppen damit begannen, sich punktuell in Position zu bringen, gingen die Plünderungen etwas zurück. Tatsache ist, dass die US-Truppen einen Kampfauftrag haben. Sie waren nicht darauf vorbereitet, eine Polizeirolle zu übernehmen. Für Recht und Ordnung zu sorgen gehörte ihrer Ansicht nach nicht zum Auftrag.

Aufgrund der Genfer Konventionen ist eine Besatzungsmacht, wie es die Koalitionstruppen derzeit sind, aber verpflichtet, für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen.

Haben Sie eine Ahnung, wie viele Opfer es unter der Zivilbevölkerung gab?

R.H.: In Bagdad, wo wir die ganze Zeit waren, gab es während der ersten Luftangriffe pro Tag etwa 100 Verletzte. Während der ersten Bodenoffensive wurden es Hunderte pro Stunde. Die Spitäler waren total überfordert.

In der letzten Phase der Bodenoffensive wurden pro Tag mehrere hundert Personen verletzt.

Über die Lage im Rest des Landes haben wir keine verlässlichen Informationen. Aber es ist klar, dass es Tausende irakischer Opfer gab.

Am Dienstag hielt das IKRK in Genf einen Gedenk-Gottesdienst für ihren gefallenen Kollegen, Vatche Arslanian. Er war in Bagdad in ein Kreuzfeuer geraten. Wie verkraften Sie es persönlich, Tag für Tag so viel Leid und Tod zu sehen?

Ich glaube, wir müssen bereit sein, solche Vorgänge zu ertragen. Wer auf eine derartige Mission geht, muss akzeptieren, dass man eine klare Trennlinie ziehen muss zwischen persönlichen Emotionen und den Anforderungen des Berufes. Denn für unsere Arbeit müssen wir möglichst objektiv und pragmatisch bleiben.

Ich muss zugeben, dass es während der letzten Tage der Bodenoffensive in Bagdad sehr schwierig war. So gab es den direkten Angriff auf das Hotel, in dem die meisten internationalen Journalisten untergebracht waren. Fünf Journalisten wurden bei dem Angriff schwer verwundet, zwei von ihnen starben später.

Am gleichen Tag wurde auch unser Kollege getötet. Die Situation war wirklich sehr, sehr schwierig. Wir waren in ständiger Bedrohung.

Sie blieben während des ganzen Konflikts in Irak und haben sowohl als Sprecher wie als Helfer gearbeitet. Wie waren ihre persönlichen Erfahrungen in diesem Krieg?

Ich war zum IKRK gegangen, weil ich Irak kenne. Ich hatte in den 80er und 90er Jahren in verschiedenen Projekten im Land gearbeitet. Ich habe persönliche Bindungen zum Land und zu den Leuten, das ist der Grund, weshalb ich hierher kam.

Als die Inspektoren (der UNO) ihre Arbeit aufnahmen, hoffte ich, dass es für die Irak-Krise schlussendlich eine diplomatische Lösung geben würde. Ich hoffte wirklich, dass es keinen Krieg geben werde, auch wenn ich zugeben muss, dass das Wunschdenken war.

Als der Krieg wirklich anfing, war es eine total andere Sache. Wir arbeiteten unter sehr hohem Druck. Wir waren ein kleines Kernteam von Delegierten und hatten uns selbst bereit erklärt, während des Konflikts im Land zu bleiben. Doch plötzlich waren wir in einer konstanten Notlage, was eine ganz andere Erfahrung war.

Was waren die grössten Probleme, die sich aus dem Krieg für ihre Arbeit ergaben?

Es war schwierig im Auge zu behalten, was im ganzen Land vor sich ging. Wir hoffen, dass wir dort, wo wir waren zumindest für einige Menschen einen Unterschied machen konnten, etwa dadurch, dass wir Spitäler ausrüsten konnten. Nach einigen Tagen aber geriet die Situation völlig ausser Kontrolle.

Die Tatsache, dass es keine Telefon-Verbindungen mehr gab, wurde für Millionen von Menschen problematisch, da sie keine Möglichkeit mehr hatten, mit ihren Familien und Freunden Kontakt aufzunehmen. Damit war nicht gerechnet worden -und wir konnten auch nicht einspringen und Kommunikationsmöglichkeiten gegen aussen aufbauen. Denn wir hatten nur einige wenige Satellitentelefone.

Dass die feindlichen Aktivitäten eine solche Dimension annahmen, erschwerte die Lage zusätzlich. So gab es zum Beispiel zu dem, was in Nadschaf, Kerbala und Nasiriya passierte nur wenig internationale Berichte. Was dort passiert ist, wird man noch herausfinden müssen.

Zufälligerweise hatte sich eine IKRK-Delegation nach Al Hillah, etwa 100km südlich von Bagdad, begeben, als es dort bei einem Grossangriff unter der zivilen Bevölkerung hunderte von Opfern gegeben hatte. Wir brachten diese Information dann auch an die Öffentlichkeit. Ich sprach von einem Horror, und meine Aussagen lösten eine weltweite Medienreaktion aus.

Aber ich weiss bis heute nicht, was an anderen Orten passiert ist. Ich wünsche mir, dass wir eine breitere Sicht auf die Ereignisse im ganzen Land hätten haben können. Doch es war schlicht nicht möglich.

swissinfo, Anna Nelson, Frédéric Burnand und Mohamed Chérif, Genf

Der Chef-Sprecher des IKRK in Irak, Roland Huguenin, warnt vor einem drohenden Chaos im Irak, wenn die zerstörten Infrastruktur-Einrichtungen wie Wasser und Strom nicht rasch in Stand gestellt werden.

Huguenin schätzt, dass bei den Bombardierungen der Koalitions-Truppen und der anschliessenden Bodenoffensive Tausende von Zivilpersonen verletzt und getötet wurden.

Die Mehrheit der irakischen Regierungsgebäude wurde ein Raub der Flammen. Nur das Ölministerium blieb verschont.

Das soziale und wirtschaftliche Fundament des Landes ist zerstört.

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