Interview mit der stellvertretenden Schweizer Botschafterin in Moskau
Die Schweizer Botschaft in Moskau hat sich am Wochenende um fünf Ex-Geiseln gekümmert - drei Frauen, einen Mann und ein Mädchen. Vor allem die Nummer zwei der Botschaft, Anne Bauty, hat sich stark für die Schweizer Geiseln eingesetzt.
Henri Roth und Gaetan Vannay haben mit ihr in Moskau gesprochen.
swissinfo: Wurden Sie am Freitag Abend informiert, dass eine Aktion vorbereitet wurde?
Anne Bauty: Wir hatten an diesem Abend eine Vermutung, dass die zweite Phase des Dramas dem Ende zuging. Das heisst, die Phase, in der man versuchte, mit Verhandlungen zu einem unblutigen Ende der Geiselnahme zu kommen.
Als man merkte, dass diese Verhandlungen zu keinem Resultat führten, spürten wir als Beobachter der Situation, dass nun eine dritte Phase begann.
In diesem Moment wussten wir, dass mit dem Samstag wohl auch die angedrohte Erschiessung von Geiseln beginnen würde, falls sich die russischen Truppen nicht aus Tschetschenien zurückziehen würden.
Ich habe die Nacht vor dem Fernseher zugebracht, weil ich erwartete, dass nun etwas geschehen wird.
Nach offizieller Version sind die beiden Geiseln vor der Erstürmung des Theaters erschossen worden. Hier gibt es Zweifel von verschiedenen Seiten.
Ich kann dies nicht beurteilen. Ich denke aber, dass im heutigen Russland die Wahrheit bald schon in den Zeitungen stehen wird.
Welche Informationen über Opfer, Hospitalisierte und den Ablauf der Aktion haben die Boschaften seit der Stürmung des Theaters erhalten?
Wir sind auf effiziente Art und Weise informiert worden, hauptsächlich durch den Aussenminister.
Wir haben jederzeit Informationen erhalten, wenn wir danach gefragt hatten. Ausserdem haben uns die Eltern von Geiseln informiert, und die Firma, welche zwei der Geiseln mit Schweizer Bezug beschäftigt.
Und am Samstag haben wir uns um 15 Uhr mit dem Aussenminister getroffen.
Hat man Ihnen zu diesem Zeitpunkt gesagt, dass keine Ausländer unter den Opfern waren?
Ja, das hat man uns gesagt.
Wie geht es den befreiten Schweizer Geiseln?
Ein Doppelbürger mit Schweizer und Deutschem Pass, der in Deutschland lebt, konnte schon am Samstag ausgeflogen werden.
Zwei Frauen sind bei einer Schweizer Firma beschäftigt. Sie sind derzeit noch im Spital.
Dann war noch eine kleine Familie, eine Mutter und ihre Tochter. Die Kleine wurde vorher schon mit einer Gruppe von Kindern freigelassen. Die Mutter wurde zusammen mit den andern Geiseln befreit. Die beiden befinden sich noch im Spital.
Konnten Sie einige der hospitalisierten Personen besuchen?
Wir haben das 10-jährige Mädchen im Moment seiner Freilassung getroffen, und sie ins Haus gebracht, in dem die Diplomaten während der Geiselnahme waren. Das war ein grosser Moment. Denn wir hatten nicht damit gerechnet, sie ohne eine grosse Suchaktion zu finden.
Wir hatten auch Kontakt zum Doppelbürger. Der Konsul ging ins Spital, doch der Mann schlief während seines Besuchs. Wir konnten daher nicht mit ihm sprechen.
Mit den andern Personen hatten Sie keinen Kontakt?
Die beiden Damen und die Mutter des Kindes konnten wir noch nicht sehen. Im Spital hat man uns gesagt, sie wären am Schlafen, und wir wollten nicht insistieren.
Doch es ist klar, dass wir dieses Dossier erst schliessen, wenn wir wissen, dass diese Personen nicht mehr im Spital sind, und dass es ihnen gut geht.
Viele Angehörige beschweren sich, nicht zu ihren Verwandten gelangen zu können. Hatten Sie als Diplomatin auch solche Schwierigkeiten?
Ganz im Gegenteil. Die russischen Behörden waren sehr kooperativ, effizient und anständig mit uns. Das hat mich erstaunt. Wir hatten keine derartigen Probleme.
Vieleicht hatten einige diese Probleme, weil ihre Verwandten noch nicht bei Bewusstsein waren, und es daher schwierig war, sie zu identifizieren.
swissinfo, Henri Roth und Gaetan Vannay, Moskau
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