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Nationalrat Maspoli vor dem Kadi

Der Tessiner Nationalrat Flavio Maspoli - hier im Saal des Nationalrats im Bundeshaus in Bern. Keystone Archive

Für die Konkurse der ehemaligen Tageszeitung "L'altra notizia" und zweier Firmen muss sich der Tessiner Lega-Nationalrat Flavio Maspoli diese Woche vor Gericht verantworten.

Mitschuldig an seinem Debakel war der verstorbene Denner-Chef Karl Schweri.

Für den 52-jährigen Maspoli wird der auf eine Woche angesetzte Prozess in Lugano zur Aufarbeitung seiner wilden 90er Jahre. Das Schlamassel begann mit der Tageszeitung «L’altra notizia», die ihm 1995 als Sprungbrett für die Wahl in den Staatsrat dienen sollte.

Er verfehlte nicht nur dieses Ziel und musste die Zeitung einstellen, sondern hinterliess auch einen Schuldenberg von zwei Millionen Franken.

Gut sieben Jahre nach dem abrupten Ende der Zeitung muss sich Maspoli in dieser Geschichte für leichtsinnigen Konkurs und unterlassene Buchführung verantworten.

Seite an Seite ins Debakel

Nicht besser kam es nach 1995, als Maspoli mit der Denner AG zusammenarbeitete – mit dessen Gründer Karl Schweri ihn stets eine ideele Nähe verband. Seite an Seite und mit Erfolg hatten sie sich für das Blauhelm-Referendum eingesetzt.

Denner vertraute Maspoli den Einkauf von Lebensmitteln aus Italien an und überliess ihm auch die Werbeaktivitäten. Maspoli gründete 1996 die Firma Deag für den Zwischenhandel von Produkten – vom Ketchup bis zum WC-Papier. Die Firma Medeag diente als PR-Agentur.

Die Geschäftsaktivitäten beider Firmen führten zu einem Debakel. Bei der Deag wurden Zwischenfirmen umgangen und Lieferanten nicht bezahlt. Das Loch erreichte mehr als fünf Mio. Franken. Der Konkurs erfolgte 1999, wurde allerdings schliesslich zugunsten eines Nachlassvertrags aufgehoben. In Bezug auf die Deag wirft ihm die Anklage denn auch «nur» mangelhafte Geschäftsführung vor.

Anders im Fall der im Jahr 2000 Pleite gegangenen Medeag AG. «Betrügerischer Konkurs» lautet hier der mutmassliche Straftatbestand, den Maspoli im Prozess widerlegen will:

«Ich habe Fehler gemacht, aber nie absichtlich betrogen.» Gemäss Staatsanwalt Stauffer ist Denner-Gründer Karl Schweri teilweise für den Konkurs der beiden Gesellschaften Maspolis mitverantwortlich gewesen. Die Ermittlungen wurden durch den Tod Schweris aber hinfällig.

Kein unbeschriebenes Blatt

Maspoli sieht dem einwöchigen Prozess mit einer gewissen Erleichterung entgegen. Er könne so endlich einen Schlussstrich unter diesen Lebensabschnitt ziehen. Die persönlichen Lehren habe er schon gezogen. «Zum Geschäftsmann bin ich nicht geeignet», sagte er gegenüber swissinfo.

Der schwer-gewichtige Lega-Mann, seit 1991 Nationalrat für die rechtspopulistische Bewegung Lega, steht erstmals öffentlich vor Gericht, auch wenn er in seiner politischen Karriere häufiger mit der Justiz zu tun hatte.

1993 wurde er wegen Verleumdung und Beschimpfung des damaligen Tessiner Krankenkassen-Präsidenten zu einer Busse von 7000 Franken verurteilt.

Im Sommer 1996 wurde er wegen übler Nachrede und Verleumdung per Strafmandat zu 20 Tagen Haft verknurrt. Erst durch einen Vergleich mit den beiden klagenden FDP-Politikern Dick Marty und Sergio Salvioni konnte Maspoli ein Jahr später einen Prozess in dieser Sache verhindern.

Über Jahre war zudem gegen ihn wegen passiver Bestechung durch die Firma Thermoselect ermittelt worden. Das Verfahren wurde allerdings 1998 eingestellt.

Inzwischen ist National- und Kantonsrat Maspoli wieder zu Hundert Prozent als Journalist tätig. Er leitet die seit September erscheinende Gratis-Tageszeitung «Ticino Oggi». Man darf gespannt sein, wie das Blatt über den Prozess gegen den eigenen Chefredaktor berichtet.

swissinfo, Gerhard Lob, Locarno

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