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Nur Schweizer Metzger bekommen Hühnerhaut

Metzger, Fleischer, Schlachter oder Fleischhacker? Keystone

Forscherteams der Universitäten Basel, Duisburg, Essen und Innsbruck haben die Umgangssprachen der deutschsprachigen Länder auf Varianten untersucht.

Dieser Inhalt wurde am 03. Januar 2005 - 13:42 publiziert

Im "Variantenwörterbuch des Deutschen" werden jetzt die Ergebnisse präsentiert.

Der Beruf, der in der Schweiz, in Süd- und Mitteldeutschland und in Westösterreich "Metzger" heisst, wird in Nord- und Ostdeutschland "Fleischer" genannt, in Norddeutschland zusätzlich "Schlachter" und im östlichen Österreich "Fleischhacker".

Wer in Österreich ständig "tachiniert" (sich vor der Arbeit drückt), beginnt sich vielleicht mit der Zeit zu "fadisieren" (sich langweilen), weshalb er zur Abwechslung "saunieren" geht (in die Sauna geht).

Viele Helvetismen

Umgekehrt ist man sich in der Schweiz kaum bewusst, dass Wörter wie "innert", "figurieren" und "sec" oder die Redensart "jemandem in die Schuhe blasen" ausserhalb der Landesgrenzen unbekannt sind.

Auch "Hühnerhaut" ist ein so genannter Helvetismus – im übrigen deutschsprachigen Gebiet bekommt man eine "Gänsehaut". Also: Nur in der Schweiz können Metzger "Hühnerhaut" bekommen.

Die schweizerische "Betreibung" ist eine ungemütliche Sache, ebenso wie die gleichbedeutende deutsche "Pfändung". So richtig zur Geltung kommt der Ernst der Lage aber erst in Österreich: Da heisst der Vorgang brutal "Exekution".

Sieben Jahre Forschungsarbeit

Das sind nur einige von 12'000 Wörtern und Wendungen aus deutschsprachigen Ländern, die im jetzt erschienenen "Variantenwörterbuch des Deutschen" des Duisburger Linguisten Prof. Ulrich Ammon zu finden sind.

Sieben Jahre lang haben deutsche, schweizerische und österreichische Forscherteams Zeitungen und sonstige Texte der jeweils anderen Länder nach Ausdrücken durchsucht, die es im je eigenen Deutsch nicht gibt.

Nicht Dialekt, sondern Standardsprachen

Dann ging es darum, Standardsprache von Dialekt zu trennen. Dazu wurde nach der Verwendung der Ausdrücke mit einer eigens entwickelten Software im Internet gefahndet. "Wenn ein Ausdruck Dutzende Male in öffentlichen Texten verwendet wurde, konnte er als Standard-Sprache aufgenommen werden", erläutert Ammon.

So ist der bundesdeutsche "Korinthenkacker" in Österreich ganz offiziell ein "Tüpferlreiter" und in der Schweiz ein "Tüpflischeisser". Und während sich Deutsche und Österreicher bei der "Abschiebung" sprachlich einig sind, sprechen die Schweizer von "Ausschaffung" oder "Rückweisung".

Ebenso ist der österreichische "Untergriff" eine bundesdeutsche "Beleidigung" und die "Unterfertigung" in Deutschland und der Schweiz die "Unterschrift".

Absolute Novität

"Unser Hauptmotiv war, der deutschen Arroganz entgegen zu wirken, welche die Standardsprache in Österreich und in der Schweiz in der Regel als Dialekt belächelt", sagt Ammon. "Das Wörterbuch soll die sprachlichen Beziehungen zwischen den deutschsprachigen Ländern verbessern."

Herausgekommen ist ein bislang einmaliges "Variantenwörterbuch", das es laut Ammon bislang noch für keine andere Sprache der Welt gibt.

Interesse gibt es allerdings bereits. Die Redaktion des Oxford-English Dictionary hat sich bereits in Duisburg gemeldet: Denn auch für die zahlreichen Länder mit Englisch als Amtssprache gibt es noch nichts Vergleichbares.

swissinfo und Klaus Peters (dpa)

Fakten

Ulrich Ammon u.a., "Variantenwörterbuch des Deutschen"

Verlag De Gruyter, Berlin 2004

960 Seiten, gebunden 109 Fr., broschiert 48 Fr.

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In Kürze

Nach sieben Jahren Forschungsarbeit an den Universitäten Basel, Duisburg, Essen und Innsbruck ist ein neuartiges Wörterbuch der deutschen Standardsprache erschienen: das "Variantenwörterbuch des Deutschen".

Es enthält jenen Teil des Wortschatzes, der zwar zum Hochdeutschen gehört, aber nicht im gesamten deutschen Sprachgebiet, sondern nur in einzelnen Regionen oder Ländern gebräuchlich ist.

Dieses Wörterbuch behandelt erstmals alle nationalen oder regionalen Ausprägungen der Standardsprache als gleichwertige Varianten – ein solches Werk gibt es bisher für keine andere Sprache.

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