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Ai Weiwei: Demokratische Welle der letzten 40 Jahre ist vorbei

In seiner Heimat China Persona non grata: Ai Weiwei lebt heute im Exil in Portugal und malt ein düsteres Bild der Zukunft, für die Menschheit wie für die Demokratie. © Camera Press

Am Wochenende zeigt das Internationale Genfer Filmfestival und Forum für MenschenrechteExterner Link Ai Weiweis Film "Coronation". Das ist umso bemerkenswerter, weil alle grossen Festivals und Streaming-Plattformen vor dem Druck Pekings einknickten und das Werk des chinesischen Künstlers und Dissidenten ablehnten. swissinfo.ch hat Weiwei in seinem portugiesischen Exil getroffen.

Dieser Inhalt wurde am 12. März 2021 - 13:45 publiziert
Jamil Chade

Die Welt wird wahrscheinlich nie erfahren, was vor etwas mehr als einem Jahr in der chinesischen Stadt Wuhan – wo die Pandemie ihren Ursprung hat – wirklich geschah.

Die Warnung kommt von Ai Weiwei, einem chinesischen Künstler und scharfen Kritiker des chinesischen Regimes. Nachdem er sein langjähriges Exil in Berlin verlassen hat, lebt er jetzt in Portugal.

Mit seinem Film "Coronation" fokussiert Weiwei schonungslos auf die Gesundheitskrise in China. Aber Weiwei musste bald entdecken, dass die Zensur nicht auf die Kommunistische Partei Chinas beschränkt ist.

Die grossen Filmfestivals in Europa und Nordamerika weigerten sich, den Film zu zeigen. Auch die grossen Plattformen wie Netflix und Amazon liessen die Finger davon.

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Nicht so die Schweiz, die sich dem chinesischen Druck verweigerte: Das Internationale Genfer Filmfestival und Forum für Menschenrechte zeigt den Film an diesem Wochenende.

Für Weiwei ist das aber höchstens eine symbolische Geste, denn er glaubt nicht, dass die Schweiz irgendeinen Einfluss ausüben könnte. Im Interview mit swissinfo.ch malt Weiwei eine äusserst düstere Vision der Gegenwart und Zukunft: Die demokratische Welle der letzten 40 Jahre sieht er für beendet. Und in der post-pandemischen Welt werde die Zensur die Regel sein.

swissinfo.ch: Sie sind in China nicht willkommen. Wie haben Sie es trotzdem geschafft, in Wuhan zu filmen?

Ai Weiwei: Ich hatte 2003 bereits die erste Pandemie gefilmt, als in China Sars auftrat. Es ist also nicht das erste Mal, dass ich mich mit diesem Thema beschäftige. Ich mache schon sehr lange investigative Filme in China, was mich in Schwierigkeiten bringt. Ich weiss, wie man filmt und was man filmt. Wir hatten Kollegen und Künstler, die in Wuhan eingeschlossen waren.

Wir wussten, dass es eine dramatische und traurige Geschichte werden würde. Aber ich hatte nie vorhergesehen, dass sie zur globalen Explosion werden würde. Heute, ein Jahr danach, sind wir immer noch in derselben Situation, dass jeden Tag Tausende von Menschen sterben. Und es gibt keine Anzeichen, dass die Pandemie verschwinden wird.

Ich kontaktierte die Menschen, die ich kenne und denen ich vertraue. Sie schickten mir Bilder, und ich gab ihnen jeden Tag Anweisungen. Wegen des Lockdowns war das unglaublich schwierig, denn die Menschen konnten sich nicht mehr frei bewegen. Aber wir hatten Personen in sechs Spitälern und in provisorischen Kriegsbaracken, die als mobile Spitäler aufgestellt wurden, um dort Patienten zu behandeln.

Um was ging es Ihnen genau?

Wir haben versucht, verschiedene Perspektiven zu zeigen. Nicht nur die Spitäler, sondern auch das Leben der Menschen. Wir wollten gerade auch Menschen zeigen, die verlassen waren und vergessen gingen. Die grosse Mehrheit der Menschen hat keine Stimme. Wenn Du keine Stimme hast, zählst Du nicht. Oder man ist nur noch eine Nummer. Emotionen und Werte sind nicht mehr relevant.

Sie werden Ihren Film dieses Wochenende am Genfer Filmfestival für Menschenrechte zeigen. Die grossen globale Streaming-Plattformen dagegen nahmen ihn nicht in ihre Programme auf. Was sagt das über Chinas Einfluss aus?

Ich bin sehr stolz auf das, was wir gemacht haben, denn es ist wahrscheinlich der wichtigste Film über die Pandemie und über China. Ich wollte zeigen, wie China in der politischen Welt auftritt. Und wie die Welt China versteht.

Ironischerweise kam die erste Lektion, die ich erhielt, nicht aus China, sondern aus dem Westen. Alle grossen Filmfestivals in der Welt, auf denen wir den Film zeigen wollten, Toronto, New York und grosse Streaming-Plattformen wie Netflix und Amazon – sie alle mochten den Film. Aber am Ende war die Antwort, die wir bekamen: 'Sorry, wir können Ihren Film nicht nehmen.'

Still aus Ai Weiwei's neuem Film "Coronation". screenshot/DW.com

Wie haben Sie reagiert?

Ich verstehe die Situation. Der Filmmarkt ist jetzt chinesisch. Erst letzten Monat hat China die USA als grössten Filmmarkt der Welt überholt. Was die Festivals betrifft, stehen sie entweder unter Selbstzensur oder unter Druck aus China. Sie können nur Filme zeigen, die mit dem 'Drachen-Siegel' versehen sind – gleichbedeutend mit der Freigabe durch die Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei Chinas.

Aber dieses Siegel zu erhalten, ist praktisch unmöglich. Viele meiner Kollegen in China haben es jahrelang versucht – vergeblich.

Also, selbst wenn ich China nicht kritisiere, dürfen die Filmfestivals und Online-Distributions-Plattformen nicht mit meinem Namen in Verbindung gebracht werden. Wäre ich dort sichtbar, würden sie ihr kommerzielles Potenzial in China kompromittieren, weil der Staat der einzige Käufer ist.

Aber auch die private Filmindustrie im Westen weigerte sich, meinen Film in Berlin zu zeigen. Ich habe verstanden, dass sie in China stark vertreten sind und mein Werk deswegen nicht zeigen können. Sie können es sich nicht leisten, ihr dortiges Geschäft zu verlieren. Es ist keine Frage von richtig oder falsch – der Westen hat seine Freiheiten für die Bedürfnisse von Kapital und Profit aufgegeben.

Sie sehen die Meinungsfreiheit also nicht nur in China unterdrückt, sondern auch im Westen unter Druck. Wie wird die Welt aus der Pandemie hervorgehen?

Wenn wir über Meinungsfreiheit sprechen, wissen wir alle, dass wir künftig unter viel schlechteren Bedingungen leben werden. Überall. In China stehen wir unter ständiger und intensiver Kontrolle und Überwachung durch die Regierung – wie in einem Science-Fiction-Film, nur dass dieser sehr real ist.

Aber im Westen haben wir gerade gehört, wie grosse Unternehmen Informationen über Nutzerinnen und Nutzer an chinesische Unternehmen weitergegeben haben. In China ist alles unter staatlicher Kontrolle. Also kann Peking auch im Westen die Daten von Einzelpersonen kontrollieren.

Das ist die neue Realität. Aufgrund der Globalisierung sind die digitalen Tech-Riesen eng mit China verstrickt – es gibt keine Grenze mehr, keine Ideologie oder irgendeine Art von Argument. Nur Profite. Schulter an Schulter mit China sind sie strategische Gewinner.

Wie beurteilen Sie die Reaktion des Westens auf diese Situation?

Der Westen hat keine klaren Werte. Wenn ein Journalist der Washington Post in einer Botschaft getötet wird, tut die amerikanische Regierung so, als ob nichts geschehen wäre. Wenn der Westen das akzeptieren kann, hat er keine moralische Position mehr zu vertreten.

Julian Assange ist immer noch im Gefängnis. Er hat nur eine Plattform geboten, um einige Staatsgeheimnisse zu enthüllen. Aber wenn man so etwas zulässt, ist die so genannte Redefreiheit ein Witz. Du darfst nur sagen, was sie akzeptieren werden. Sie werden Dich nie etwas wirklich Entscheidendes sagen oder das Establishment in Frage stellen lassen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Mission nach Wuhan geschickt. Aber denken Sie, dass wir eines Tages wirklich wissen werden, wie vor einem Jahr die Pandemie ausgebrochen ist?

Nein, das glaube ich nicht. Das kommunistische Regime ist sehr mächtig, und die Bewahrung dieses Geheimnisses steht ganz oben auf seiner Agenda. Der Besuch der WHO war sehr oberflächlich. Sie sollte zudem auch die Verantwortung übernehmen, dass sie nach Ausbruch der Krise sofort behaupteten, die Krankheit sei nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Das ist verrückt. Wir haben es mit einem Monster zu tun.

Was wird in geopolitischer Hinsicht auf dem Planeten nach der Pandemie geschehen?

Wir leben in einem sehr fragilen Moment. Ich glaube nicht, dass die Pandemie die Menschen tatsächlich in einem Mass erschreckt, dass sie eine klare Strategie entwickeln, um mit dem umzugehen, was die menschliche Gesellschaft künftig erwartet.

In vielerlei Hinsicht haben wir es mit Realitäten zu tun, die für die Gesellschaft beispiellos sind. Technologie, mächtige Staaten wie China und die Unfähigkeit des Westens, mit diesem autoritären Staat umzugehen, dazu die riesigen Klimaprobleme: All das stellt unsere menschliche Zukunft in Frage.

Wie wird sich das auf die Demokratie auswirken?

Die Welle von 30 oder 40 Jahren der Demokratisierung geht zu Ende. Wenn man sich anschaut, was in den USA, in Brasilien und vielen anderen Staaten passiert, gibt es einen riesigen Backlash in Bezug auf die Demokratie und den liberalen Staat. Viele dieser Länder befinden sich in innenpolitischen Krisen. Und das verschafft den autoritären Staaten einen grossen Vorteil.

Führer wie Jair Bolsonaro, Wladimir Putin oder Xi Jinping sind starke Männer, die es geschickt geschafft haben, das zu bekommen, was sie wollen. Ich denke, sie werden noch lange Zeit durchhalten, und es scheint, dass es keine Möglichkeit gibt, sie zu stoppen.

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