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KI und Migration: Big Business an der Grenze?

Ein Zaun mit Stacheldraht
Heutiger Grenzzaun an der griechisch-nordmazedonischen Grenze. Bald soll hier ein neuer, undurchdringlicher High-Tech-Wall entstehen. Alexandros Avramidis

Ausnahmeregelungen für Forschung und ein europaweiter Trend zur Militarisierung im Asylbereich schaffen Profite. Für Rüstungsunternehmen, und zunehmend für Forschungsinstitute. Auch in der Schweiz.

Bisher verliessen sich die griechischen Grenzwächterinnen und Grenzwächter an der Grenze zu Nordmazedonien auf ein ungewöhnliches Frühwarnsystem. Flogen die Störche von ihren Ruhepositionen auf der Brücke über dem Axios-Fluss aufgescheucht auf, wussten sie: Da bewegt sich jemand im Gebüsch. Oft Migrant:innen beim Versuch, Griechenland zu verlassen und via die Balkanroute weiter nach Nordeuropa zu gelangen.

Eine Brücke
Brücke über dem Axios-Fluss, der durchs Grenzgebiet zwischen Griechenland und Nordmazedonien fliesst. Alexandros Avramidis

Die langbeinigen Vögel werden bald ersetzt: durch Kameras, Radars und Drohnen. Griechenland baut von hier bis nach Albanien das «Evros-Modell» nach, den hochtechnologisierten, KI-unterstützten Grenzwall zur Türkei. Die Länder in Nordeuropa, allen voran Deutschland, wollen weniger Asylsuchende und die Europäische Union stellt für neue Technologien viel Geld zur Verfügung – wie das mit 35,4 Millionen Euro finanzierte «E-Surveillance»-Programm.

Fehlende demokratische Kontrolle

Migration wird europaweit zunehmend als Sicherheitsrisiko definiert. «Alles, was die Grenzen betrifft, wird mehr und mehr der demokratischen Kontrolle, Verantwortlichkeit und Transparenz entzogen», erklärt Bram Vranken vom Corporate Europe Observatory, einer Beobachtungsstelle in Brüssel, die Lobbyarbeit im Tech- und Verteidigungsbereich untersucht.

Dieser Artikel ist ein Resultat der Arbeit eines internationalen Rechercheteams von fünf Journalist:innen aus Griechenland, Deutschland, Grossbritannien und der Schweiz.

Für die Publikationspartner Swissinfo (Schweiz), Die Tageszeitung taz (Deutschland), Solomon (Griechenland) und Inkstick Media (US) wurden acht Länder untersucht.

Es wurden mehr als zwei Dutzend Interviews mit Beamt:innen, Insidern und Grenzwächter:innen geführt sowie vor Ort recherchiert. Ebenso hunderte Seiten von öffentlichen Quellen durchforstet sowie interne Dokumente, Öffentlichkeitsgesetz-Gesuche, Beschaffungsunterlagen und technische Unterlagen analysiert.

Diese mehrmonatige Recherche wurde von IJ4EU Externer Linksowie dem Pulitzer CenterExterner Link unterstützt.

Diese Verschiebung von Migrationspolitik in den Bereich Militär und Verteidigung ist – vor dem Hintergrund vager Datenregulierungen, Geheimhaltungsklauseln und wenig öffentlicher Kontrolle – auch: Ein Geschäftsfeld mit einer einflussreichen Lobby in Brüssel im Rücken. Denn von diesem neuen KI-Ökosystem profitieren Rüstungskonzerne, Sicherheitsfirmen und zunehmend Forschungsinstitute. Auch in der Schweiz.

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Im Walliser Städtchen Martigny steht beispielsweise das Forschungsinstitut Idiap. Finanziert wird es aus privaten und öffentlichen Mitteln, es gilt als «Forschungseinrichtung von nationaler Bedeutung»Externer Link. Der Fokus liegt auf der Grundlagenforschung der künstlichen Intelligenz – zum Beispiel bei der Verwendung von medizinischen Prothesen, der Integration in demokratische Prozesse oder bei der Erkennung von digitalen Fälschungen. Das Institut fördert gemäss WebsiteExterner Link aktiv die Kollaboration mit der Privatwirtschaft und legt Wert auf die Kreation von Startups.

Wie eine Datenbank zur Gangart-Erkennung entsteht

Hier gibt es auch eine Biometrie-Forschungsgruppe, geleitet von Professor Sébastien Marcel. Im Herbst 2025 erhielt sie den Zuschlag einer ForschungsförderungExterner Link von Frontex, der europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache. Damit wird gemäss Projektbeschrieb zunächst ein Datensatz von simulierten Bildern und Videos von «herausfordernden Szenarien bei Grenzübertritten» erstellt.

Daraus wird in einem zweiten Schritt ein grösserer Datensatz von mehr als 10’000 synthetischen, also nicht echten, Identitäten generiert. Danach sollen echte und synthetische Daten auf ihre Eignung hin verglichen werden. Es wird also ein «multispektraler Datensatz für die Gang- und Gesichtserkennung an den Grenzen» erstellt – aus Bildern, die fürs Auge sowohl sichtbar als auch unsichtbar sind, wie beispielsweise durch Infrarot oder Wärmebild. Damit sollen Menschen anhand ihrer Gesichtsmerkmale, Bewegungen und Gangart erkannt werden können.

«Dieses Projekt wurde vom Idiap im Rahmen einer offenen Ausschreibung von Frontex eingereicht, um den Bedarf in Forschungsprojekten wie CarMen oder PopEye zu decken», erklärt Marcel auf Anfrage. Die beiden Projekte sind Teil von Horizon Europe – dem wichtigsten Förderprogramm der EU für Forschung und Innovation, bei dem auch die Schweiz dabei Externer Linkist. Sowohl CarMenExterner Link und PopEyeExterner Link bestehen aus international zusammengesetzten Konsortien und beschäftigen sich mit biometrischen Anwendungen.

Die Aufnahmen des Frontex-Projektes sollen nur auf dem Grundstück des Forschungsinstitutes gemacht werden, erklärt Marcel. Innerhalb des Projektes, das auf zehn Monate angelegt ist, würde nur die Forschungsgruppe mit den gesammelten und generierten Daten trainieren, so Marcel. «Idiap behält die Kontrolle über die Daten.»

Sebastien Marcel und eine Puppe
Sébastian Marcel leitet am Idiap die Forschungsgruppe «Biometrics Security & Privacy». Im Bild eine Präsentation zur Gründung des europaweit ersten solchen Projektes 2014. Jean-Christophe Bott / Keystone

Was jedoch nach Abschluss des Projektes mit dem Datensatz und den Erkenntnissen geschieht, bleibt vage. «Er wird von Idiap und seinen Partnern für akademische Forschungszwecke und zum Benchmarking von Technologien genutzt werden.» Wer diese Partner einst sein werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht «genau» bekannt, erklärt Marcel. «Grundsätzlich sind es Forschungseinrichtungen, die bereit sind, eine Lizenzvereinbarung mit uns zu unterzeichnen.»

Das Idiap habe ein internes Ethikkomitee für datengetriebene Forschung, das über alle Projekte informiert sei, beantwortet Marcel die Frage nach der ethischen Aufsicht. «Es gibt auch interne Richtlinien und Verfahren zur Regelung der Datenerfassung für Forschungsprojekte am Idiap.» Was in diesen Richtlinien steht? «Dieses Dokument ist nicht öffentlich zugänglich.»

Armee oder Asylwesen – technisch ähnlich

Die Wege von KI-Grundlagenforschung hin zum Einsatz im Migrationsbereich sind oft verworren und nach aussen intransparent. Bei den daraus entstehenden Anwendungen zeigt sich ein starker Trend zur Militarisierung. Armeen benutzen dieselben Systeme, die nun auch zur Migrationsabwehr eingesetzt werden.

Im September 2025 nahmen hochrangige EU-Grenzbeamte an einer internen Innovations-Sitzung im Warschauer Hauptquartier von Frontex teil, wie diese Recherche ergeben hat. Dort wurde ein von Frontex getestetes Drohnenüberwachungs-Netzwerk des US-Rüstungsunternehmen Shield AI vorgestellt. Die Firma wird von einem ehemaligen US-Elitesoldaten der Navy SEALS geleitet.

Die senkrecht startenden V-BAT-Drohnen schwebten im 60-tägigen Testlauf entlang der bulgarisch-türkischen Grenze. Und übertrugen Echtzeit-Videos an eine Kommandozentrale, wo ein KI-System die Polizei über Grenzübertrittsversuche von Migrant:innen alarmierte.

Gemäss Frontex hat das Pilotprojekt «zu einer sichtbaren Verringerung (…) krimineller Aktivitäten beigetragen» – inklusive «umfassender Garantien für die Grundrechte». Bulgarien wird regelmässig für die Verletzung der Rechte von Asylbewerbenden kritisiert. Shield AI lehnte es ab, Fragen zum System, dem Einsatz, den Kosten oder der Nutzung der Daten zu beantworten.

Wo endet ein Testprojekt?

Das Pilotprojekt veranschaulicht die KI-Strategie von Frontex an den Aussengrenzen der EU – und zeigt auf, wie schwer es sein kann, zwischen Pilotprojekten und operativen Einsätzen zu unterscheiden. Eine Unterscheidung, die Niovi Vavoula zunehmend für unmöglich hält. Die Professorin für Recht und Cyberpolitik an der Universität Luxemburg hat sich intensiv mit den KI-Regulierungen in Europa auseinandergesetzt.

Sobald Systeme an realen Personen in unkontrollierten Umgebungen – wie mit Shield AI in Bulgarien – getestet würden, könne man nicht mehr von «Testphase im Forschungsbereich» sprechen. Denn der Einsatz habe, trotz Pilotprojekt-Etikette, konkrete Konsequenzen für echte Menschen. «Forschungsausnahmen sollten dafür nicht mehr gelten», so Vavoula.

In der EU ist im August 2024 der AI Act in Kraft getreten – das europaweite Regelwerk zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Bis August 2026 soll es vollumfänglich in allen Bereichen angewandt werden können. Es basiert auf einer risikobasierten EinschätzungExterner Link der Anwendungen: geringes, begrenztes, hohes und unannehmbares Risiko. Als unannehmbares Risiko gilt zum Beispiel ein Social-Scoring-System wie in China oder flächendeckende Gesichtserkennung im öffentlichen Raum.

Der AI Act beschäftigt sich mit Hochrisiko-Anwendungen, dazu zählenExterner Link auch KI-unterstützte biometrische Klassifizierungssysteme. Anwendungen im Bereich der nationalen Sicherheit sind ausgenommen. Und: Auch für die Forschung gibt es Ausnahmen.

In einer schriftlichen Antwort erklärte Frontex, dass es «keine risikoreichen KI-Systeme betreibt oder einsetzt». Die griechische Küstenwache erklärte ebenfalls, dass sie «keine Systeme mit künstlicher Intelligenz betreibt» und dass alle Beschaffungen Datenschutzklauseln enthalten – auch wenn sie einräumte, von der EU bereitgestellte «elektronische Plattformen mit einem KI-Mechanismus» zu nutzen.

Ein verlassener Wachturm
Analog und ausser Betrieb – baufälliger griechischer Wachturm. Alexandros Avramidis

Die Wortwahl ist kein Zufall, denn die Behörden sprechen lieber von «Algorithmen», «Automatisierung» oder «Innovation», sagt Vavoula. «Sie verstecken sich hinter allgemeinen Begriffen.» So könnten sie sich einer genauen Prüfung entziehen – und die Systeme weiterentwickeln, «ohne sie als KI bezeichnen» zu müssen.

Was eigentlich gemäss EU-Verordnung insbesondere im Bereich Migration, Asyl und Grenzkontrolle der Fall sein müsste – denn es betrifft «Personen, die sich oft in prekären Situationen befinden». Und KI-Systeme sollten «unter keinen Umständen» dazu verwendet werden, die Rechte von Asylsuchenden zu umgehen – indem sie beispielsweise mithilfe von KI-Drohnen und Sensoren aufgespürt und zurückgedrängt werden, noch bevor sie überhaupt einen Asylantrag stellen können.

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Die Schweiz hinkt mit ihrer eigenen KI-Regulierung der EU hinterher. Sie hat sich dem AI Act nicht angeschlossen – eine Schweizer RegulierungExterner Link wird erst in einigen Jahren erwartet. Sie wird sich jedoch aus wirtschaftlichen und juristischen Kompatibilitätsgründen vermutlich an das EU-Regelwerk anlehnen.

Das Bundesamt für Justiz hat Anfang 2025 eine AuslegeordnungExterner Link zuhanden des Bundesrates erstellt, in der auf die Konvention des Europarates verwiesen wird. Auch hier wird festgehalten, dass der Bereich Verteidigung «vom Geltungsbereich der Konvention ausgenommen» ist – ebenso der Bereich «Forschung und Entwicklung».

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Unterdessen stockte im Mai 2025 die Europäische Kommission den BMVI-Fonds auf – der Schengen-Topf für den Bereich Grenzverwaltung und Visumspolitik. Mit der Aufstockung des Fonds um eine Milliarde Euro erhöht sich auch die Beteiligung der Schweiz als Schengen-Mitglied. «Bis 2027 rechnet der Bundesrat mit einem zusätzlichen Schweizer Beitrag von rund 15 Millionen Franken», so die MedienmitteilungExterner Link des Bundes. «Der Gesamtbeitrag für die siebenjährige Laufzeit erhöht sich dadurch auf rund 315 Millionen Franken.»

Aus diesem Topf werden Projekte in der Infrastruktur, Ausrüstung, IT-Systeme sowie «Massnahmen zur Bewältigung von Migrations- und Sicherheitsherausforderungen» finanziert. «Die zusätzlichen Mittel stehen insbesondere (…) im Bereich Asyl zur Verfügung.» Davon profitiere auch die Schweiz. «Sie kann – abhängig von eingereichten Projektvorschlägen – voraussichtlich rund 22 Millionen Euro aus der Aufstockung für eigene BMVI-Massnahmen abrufen», schreibt der Bundesrat.

Diese Recherche wurde mit folgender Unterstützung ermöglicht:

Investigative Journalism for Europe Fund IJ4EUExterner Link

Pulitzer Center https://pulitzercenter.org/Externer Link

Editiert von Giannis Mavris

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