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BRIC-Staaten und das neue globale Gleichgewicht

DIE BRIC-Staaten könnten 2030 rund 47 Prozent des Welt-Bruttoinlandprodukts erwirtschaften.

Während Europa kriselt, befinden sich die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) im Aufwind. Werden sie bald den Ton in der Weltwirtschaft angeben? Darüber sprach swissinfo.ch mit Pietro Veglio, ehemaliger Exekutivdirektor bei der Weltbank.

Der 67-jährige Ökonom Pietro Veglio kennt  das Potential der BRIC-Staaten aus zwei ganz unterschiedlichen  Erfahrungen. Zum einen war der Tessiner  früher Exekutivdirektor der Weltbank, zum anderen ist er heute Präsident des Verbandes der Nichtregierungsorganisationen der italienischen Schweiz (Fosit).

swissinfo.ch: Die Schweiz ist vor allem mit den traditionellen Industrieländern als Handelspartner verbunden. Sollte sich die Schweiz in einem Moment, in dem Europa und die USA in einer Krise stecken, stärker auf die BRIC-Staaten konzentrieren?

Pietro Veglio: Der Schweizer Aussenhandel entwickelt sich bereits in diese Richtung, wie sich bei den Bestimmungsländern der Exporte zeigt. Schwellen- und Entwicklungsländer werden als Handelspartner immer wichtiger, insbesondere im asiatischen Raum.

Dies zeigt meiner Meinung nach, dass die Schweizer Exportwirtschaft aus der jüngsten Finanzkrise und der Krise der Eurozone die richtigen Schlüsse gezogen hat.

swissinfo.ch: Was vereint eigentlich die BRIC-Staaten?

P.V.: Diese Staaten sind zu einem politischen Subjekt geworden. Bei der UNO stimmen sie häufig sehr ähnlich ab. Sie treffen sich untereinander. Und sie sehen sich als Protagonisten einer neuen Welt, in der sie die Vorherrschaft haben. Die Allianz spielt teilweise schon, etwa in der internationalen Klimapolitik. Oder wenn es um Afrika geht. Oder bei der Frage, Südafrika anzubinden, um aus den BRIC-Staaten die BRICS-Staaten werden zu lassen.

  

Die internationale politische Landkarte hat sich geändert. Und man kann verfolgen, wie sich ein neues internationales Gleichgewicht entwickelt.

Unter rein ökonomischen Gesichtspunkten erreicht das Bruttoinlandprodukt (BIP) der BRIC-Staaten 17 Prozent des weltweiten BIP.

China könnte die USA in Bezug auf das BIP 2027 überholen, während etwa Brasilien bereits an Italien vorbei gezogen ist. Im Jahr 2030 könnte das BIP der BRIC-Staaten 47 Prozent des Welt-Bruttoinlandprodukts betragen.

Zudem hat diese Gruppe von Staaten anderen Ländern den Weg gewiesen, etwa Südafrika, Kolumbien, Indonesien, Vietnam, Ägypten, Türkei und Chile.

swissinfo.ch: Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen diesen Staaten finden?

P.V.: Die BRIC-Staaten sind keine homogenen Länder. In China fusst die Entwicklung der letzten 30 Jahre auf einer expansiven Exportindustrie und auf Investitionen in grosse staatliche Betriebe. Das Land muss unbedingt den internen Konsum sowie kleine und mittlere Unternehmen fördern, um mehr Gleichgewicht zu erhalten.

In Brasilien belaufen sich die Investitionen auf 19 Prozent des BIP. Diese Rate ist tiefer als in China und vielen industrialisierten Ländern. Sie widerspiegelt den Mangel an heimischen Ersparnissen.

In Brasilien gibt es umgekehrt einen sehr hohen Inlandkonsum (61 Prozent des  BIP). Das ist auf Dauer keine haltbare Situation. Der Konsum muss zurückgefahren werden, um die Sparquote zu erhöhen. Dies wiederum ist nötig, um eine bisher unzureichende Infrastruktur zu finanzieren. Die Erschliessung neuer off-shore Erdölvorkommen könnte Brasilien diese Möglichkeit einräumen.

Indien befindet sich im Vergleich zu den genannten Ländern auf halber Strecke. Die Investitionen belaufen sich auf 38 Prozent des BIP und werden grösstenteils durch die Industrie getätigt, überwiegend ohne die Hilfe von Banken. Aber auch Indien muss seine Infrastruktur verbessern.

Russland wiederum ist zu einem bedeutenden Exporteur von Erdöl und Erdgas geworden. Das Land scheint aber immer noch mit seiner Vergangenheit zu kämpfen und weist gravierende Probleme bei der Regierungsführung auf.

swissinfo.ch: Wenn man von Schwellenländern spricht, wird in der Regel auf das Wirtschaftswachstum und das Marktpotential verwiesen. Inwiefern basieren diese Zuwachsraten auf der Verletzung von Rechten am Arbeitsplatz oder einer Vernachlässigung der Umwelt?

P.V.: Wirtschaftswachstum kann einen grossen Beitrag zur Verbesserung des Lebensstandards leisten. Aber es sollte kein Selbstzweck sein, sondern als Mittel für gute und wichtige Ziele eingesetzt werden. Und alle BRIC-Staaten haben grosse soziale und umweltpolitische Herausforderungen zu meistern.

In China haben die sozialen Unterschiede zwischen Armen und Reichen sowie den Regionen zugenommen. Die Entscheidungen werden fast ausschliesslich von der Führungsschicht der kommunistischen Partei getroffen – weitgehend ohne demokratischen Druck von der Basis.

Es gibt wie in anderen Ländern Probleme mit der Umwelt, etwa die Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden. Die Regierung hat dies gemerkt. Deshalb ist China stark im Bereich der erneuerbaren Energien engagiert und könnte sogar ein weltweiter Leader in diesem Bereich werden.

Indien muss noch wesentlich gravierendere Herausforderungen im Sozial- und Umweltbereich lösen.

P.V.: Aber in Indien gibt es die Informationsfreiheit, ausserdem eine sehr lebendige Presse, die häufig mit den Regierenden hart ins Gericht geht. Auch die schwächsten Glieder der Bevölkerung können am sozialen und politischen Leben teilhaben.

In Brasilien ist die historische Ungleichheit zwischen Arm und Reich dank diverser sozialer Reformen in den letzten 10 Jahren leicht zurückgegangen.  Vom nationalen Welfare-Programm "Bolsa familia" profitierten fast 50 Millionen Personen. Arme Mütter und Familien erhielten Unterstützung; dafür mussten diese sicherstellen, dass ihre Kinder die Schule besuchen und sich regelmässig Gesundheitskontrollen unterziehen.

swissinfo.ch: Kann Bern im Rahmen der Aushandlung der Freihandelsabkommen mit den BRIC-Staaten erreichen, dass es in diesen Ländern einen besseren Respekt der Grund- und Menschenrechte gibt?

P.V.: Die Schweiz kann in dieser Hinsicht nicht viel machen. China akzeptiert nicht einmal ein Eintreten auf die Materie in dieser Angelegenheit. Und die anderen Länder sehen darin in der Regel einen Schachzug der Schweiz, um die eigenen Handelsinteressen zu schützen.

Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung wird es erlauben, dass die Zivilgesellschaft wachsen kann und damit auch der Respekt für die Menschenrechte. In dieser Hinsicht darf man vorsichtig optimistisch sein. Damit ist aber nicht ein Verordnen von Standards gemeint, welche die Industrieländer früher selbst nicht eingehalten haben.

swissinfo.ch: Was fehlt den BRIC-Staaten noch, um zu einer Supermacht zu werden? Ist es nur eine Frage der Zeit?

P.V.: Schwierig zu sagen. Der Übergang von der Ökonomie eines Schwellenlandes in einen reichen industrialisierten Staat ist jedenfalls schwieriger als der Übergang von einem armen Land in ein Schwellenland.

BRIC-Staaten

Der Begriff BRIC wurde 2001 geschaffen, um eine Gruppe von Schwellenländern zu bezeichnen, welche eines Tages die Weltwirtschaft beherrschen würden.

Im April 2011 nahm auch Südafrika als Mitglied am jährlichen Treffen der Staatengruppe teil, die sich fortan BRICS nannte. 

Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika (BRICS) verfügen nicht nur über ein bedeutendes Wirtschaftswachstum, sondern auch über eine enorme Bevölkerung, ein riesiges Territorium und gewaltige Bodenschätze.

Die zunehmende Wichtigkeit dieser Staaten für die Schweizer Wirtschaft veranlasste die Eidgenossenschaft im Jahr 2006, eine Strategie für die Handelsbeziehungen zu entwickeln.

Mit China, Indien und Russland finden Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen im Rahmen der Europäischen Freihandelsassoziation statt. Mit Brasilien befindet man sich erst in einer Vorphase.

Mit Südafrika haben die EFTA-Staaten, zu denen die Schweiz gehört, ein Freihandelsabkommen abgeschlossen. 

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Pietro Veglio

Pietro Veglio wurde 1944 im Tessin geboren. Er studierte in Freiburg Wirtschaftswissenschaften.

1969 begann er im Dienst für technische Zusammenarbeit, der heutigen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) im Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Dort war er in verschiedenen Funktionen tätig.

Von 1992 bis 1997 war Veglio Berater des Exekutivdirektors der Schweiz bei der Weltbank in Washington (USA). Von 1998 bis 2001 war er Direktor der Abteilung für politische Analyse und Entwicklung bei der OECD in Paris.

Von 2002 bis 2006 war er Exekutivdirektor der Schweiz bei der Weltbank und vertrat dort auch Aserbeidschan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan, Polen und Serbien Montenegro.

Pietro Veglio unterrichtet an der Fakultät für Kommunikationswissenschaft der Universität der italienischen Schweiz sowie der Universität St. Gallen.

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(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch


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