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Was der IKRK-Delegierte Frédérick Bieri zu Beginn des Koreakrieges verrät

Gefangenenlager Nr. 100 in Südkorea am 26. Juli 1950, einen Monat nach Beginn des Koreakrieges. Es waren 245 registrierte Kriegsgefangene. Frédérick Bieri (rechts) beobachtet die Verwundeten in der vom IKRK eingerichteten Krankenstation. ©ICRC

Der Koreakrieg, der am 25. Juni 1950 zwischen dem Norden und Süden ausbrach, ist offiziell immer noch nicht beendet – die Spannungen nach wie vor riesig. Vor 70 Jahren unternahm das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf (IKRK) sofort Anstrengungen zur Betreuung von Kriegsgefangenen. Was den Norden betraf, war es praktisch eine "Mission Impossible". Dies zeigen die Dokumente von Frédérick Bieri, des damaligen Delegierten für Südkorea, aus dem IKRK-Archiv in Genf.

Dieser Inhalt wurde am 25. August 2020 - 10:30 publiziert

"Genf, 26. Juni 1950. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes gab heute Abend bekannt, dass es seine Dienste als Vermittler für die Regierungen Nord- und Südkoreas angeboten hat", berichtete die englischsprachige Presse. Und über die Mission des Schweizer Vertreters vor Ort, es war dies Frédérick Bieri: "Der Hauptzweck seines Besuchs in Südkorea besteht darin, mit dem Norden und dem Süden Kontakt aufzunehmen und ihnen seine Dienste anzubieten."

Frédérick Bieri war der damalige IKRK-Delegierte in Hongkong. Er sammelte erst Presseberichte und schickte sie an das IKRK-Hauptquartier in Genf.

Beim Vermittlungsangebot handelte es sich jedoch bloss um ein Gerücht. Das Mandat des IKRK besteht aus humanitären Aktionen sowie Schutzmassnahmen für Gefangene und die Zivilbevölkerung. Nord- und Südkorea hatten die Genfer Konventionen von 1949 nicht unterzeichnet.

Am 26. Juni gibt Südkorea grünes Licht. Unverzüglich leitet das IKRK die notwendigen Schritte ein. IKRK-Präsident Paul Ruegger sandte auch ein Telegramm an den nordkoreanischen Aussenminister, um die Dienste seiner Organisation anzubieten. Aber er erhielt keine Antwort.

Jacques de Reynier, der zum IKRK-Delegierten für Nordkorea ernannt wurde, darf nicht ins Land einreisen. Er versucht sein Glück aus der Sowjetunion heraus, die er durchreist. Ein weiterer Delegierter, Jean Courvoisier, reiste nach Hongkong, um dort ein Visum für Nordkorea zu erhalten. Aber beide scheitern. Eine Woche nach Kriegsbeginn konnte Frédérick Bieri nach Südkorea einreisen. Erst zwei Monate später stiess de Reynier dazu.

Frédérick Bieri

Er wurde am 24. Februar 1889 in London geboren.

Zwischen 1944 und den 1960er-Jahren war er IKRK-Delegierter in London, Hongkong, Tokio und Südkorea. Vom 1. Juli 1950 bis 30. Juni 1952 war er IKRK-Delegierter für Südkorea.

Quelle: ACICR, B RH 1991.000-075

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Ankunft in Südkorea

Bieri wurde am 1. Juli offiziell IKRK-Delegierter für Südkorea. Am 3. Juli flog er nach Seoul. In der Hauptstadt wurde er sofort vom koreanischen Präsidenten Syngman Rhee empfangen, der ihm seine volle Unterstützung für die Arbeit des IKRK im Namen der Opfer des Konflikts zusicherte. Kurz zuvor hat er einen Teil von den Genfer Konventionen von 1949 zugesagt.

10. August 1950. Von links nach rechts: IKRK-Delegierter Frédérick Bieri, der Präsident von Südkorea, Dr. Syngman Rhee, Professor Yung Tai Pyun, Präsident des Koreanischen Roten Kreuzes. ©ICRC

Bieri hat jetzt seinen Sitz sowohl in Seoul als auch in Tokio, zieht aber ein Jahr später gänzlich nach Tokio um. "Tokio ist das politische Zentrum. Es wäre falsch gewesen, in Pusan oder an einem anderen Ort in Korea zu bleiben und zu versuchen, alle notwendigen Informationen über das Verfahren zu erhalten", schrieb er am 10. Juli. Japan war unter der amerikanischen Besatzung wichtig für die medizinische Versorgung von Kriegsopfern. Der Luftwaffenstützpunkt Yokota, das Zentrum der US-Streitkräfte am Stadtrand von Tokio, war auch das Hauptquartier des Kommandos der UNO-Truppen in KoreaExterner Link, das zu dieser Zeit US-General Douglas MacArthur unterstand.

IKRK-Aktivitäten vor Ort

Nach zwei Monaten Krieg gibt es 17'000 Verwundete, wie Bieris Austausch mit einem Chirurgen der südkoreanischen Armee zu entnehmen ist. Es fehlt an Ärzten, Krankenschwestern, Medikamenten und Decken für den nahenden Winter.

Detaillierte Berichte des IKRK vom 13. August über die Bedingungen von nordkoreanischen Gefangenen in Südkorea lassen auch Rückschlüsse auf die Situation in Nordkorea zu. In einem Gespräch mit gefangenen jungen Soldaten, die meisten sind zwischen 18 und 20 Jahre alt, stellt Bieri fest, dass sie kaum mehr als eine Woche militärisches Training und ein bis zwei Wochen politische Bildung aufweisen. Die meisten gingen unbewaffnet in den Kampf. Wenn sie gefangen genommen wurden, wurden sie oft gefoltert oder getötet, sagt Bieri.

Frédérick Bieri inspiziert am 5. September 1950 als IKRK-Delegierter das Kriegsgefangenenlager Pusan. ©ICRC

Der IKRK-Delegierte versucht, sie mit Reis, Gerste oder Zigaretten zu versorgen.

Umgekehrt erhält Bieri über Kampfpiloten und Ärzte auch Informationen über Kriegsgefangene in Nordkorea. So schreibt er zum Beispiel am 11. August, dass dort am 22. Juli eine "Parade" von 150 bis 200 amerikanischen Gefangenen stattgefunden habe und dass einige von ihnen ein antikapitalistisches Transparent tragen mussten. Sein Eindruck: alle Gefangenen waren in einem sehr schlechten Zustand. Einige sahen gar aus, als seien sie geschlagen worden, hält er fest.

In einem weiteren Bericht vom 11. August beschreibt Bieri die Verhältnisse der Flüchtlinge: "Es gibt etwa 60 Familien, die unterstützt werden müssen. Das kostet rund fünf US-Dollar pro Monat und Familie. Das ist ein Fünftel der derzeitigen Lebenshaltungskosten, aber es hält sie am Leben."

Pusan. EUSAK-Kriegsgefangenenlager Nr. 1. Ein nordkoreanischer kriegsgefangener Leutnant erhält 120 koreanische Zigaretten. ©ICRC

In einem Telegramm berichtet er, dass es weniger Kriegsgefangene gebe, als den Medien kolportiert. Aber die Lager seien noch nicht vollständig organisiert. Und es mangle an Unterkünften für das Aufsichtspersonal.

Vertrauliche Dokumente und Misstrauen gegenüber den Medien

Bieri informiert das IKRK, dass die Situation vor Ort ganz anders sei als in den Medien dargestellt. Propaganda sei häufig. Als Vorsichtsmassnahme vernichtet der Delegierte selbst alle sensiblen Dokumente, die er erhält.

Am 21. Juli schreibt Bieri: "Alle in der Presse veröffentlichten Zahlen über Massenhinrichtungen sollten als blosse Vermutungen behandelt werden. Ich glaube nicht, dass irgendjemand genau weiss, was passiert ist." Und er fährt fort: "Nach dem, was ich gehört habe, scheinen beide Seiten vor den Feindseligkeiten sehr schiesswütig gewesen zu sein, und noch mehr nach den Feindseligkeiten. Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass viele Menschen aus politischen Gründen eliminiert wurden. Die Massaker an Familien wurden jedoch nur an den von den Nordkoreanern besetzten Orten beobachtet".

Eine Notiz von Frédérick Bieri an das IKRK in Genf vom 10. August 1950 in EUSAK (Eighth US Army for Korea) . ©swissinfo.ch /ICRC archive

Bieri dazu: "Bitte beachten Sie, dass ich Ihre gesamte Post (Briefe oder Kabel) vernichte, solange die Situation unklar ist und ich kein ständiges Büro habe. Ich behalte nur die Angelegenheiten, die nicht geregelt sind oder die aus anderen Gründen aufbewahrt werden müssen. Mein 'Büro' ist meine Aktentasche, die ich immer mitnehme, und es gibt darin keinen Platz für die 'Delegationsmappe'!"

Heute sind die Archive des IKRK mit den Dokumenten aus der Zeit des Koreakrieges öffentlich zugänglich. Es fehlen aber einige Stücke, darunter auch Korrespondenz, die am IKRK-Hauptsitz in Genf eingegangen ist.

Der Koreakrieg

Der Koreakrieg zwischen der Republik Korea (Südkorea) und der kommunistischen Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) begann am 25. Juni 1950. Damals griff der Norden den Süden an. Ziel war die Wiedervereinigung des geteilten Landes. Dies war anderthalb Jahre nachdem der 38. Breitengrad als Grenze zwischen den beiden Ländern festgelegt worden war. Es war dies die Trennlinie zwischen der sowjetischen Besatzung im Norden und den Amerikanern im Süden.

Am 28. Juni 1950 stimmten die Vereinten Nationen (UNO) in Abwesenheit der Sowjetunion für die Verhängung militärischer Sanktionen gegen Nordkorea und forderten die Mitgliedsländer auf, Südkorea zu unterstützen. Mit der Resolution Nummer 84 des UNO-SicherheitsratesExterner Link wurde das Kommando der UNO-Truppen den Vereinigten Staaten unterstellt.

Am 27. Juli 1953 wurde ein militärischer Waffenstillstand unterzeichnet. Bis heute wurde aber nie ein Friedensvertrag abgeschlossen. Offiziell dauert der Krieg also bis heute an. Auch nach 70 Jahren ist die Kommunikation zwischen Nord- und Südkorea immer noch sehr schwierig.  Nordkorea sprengte 2020 das 2018 eröffnete Verbindungsbüro in Kaesong nahe der Grenze. Der latente Krieg findet vor dem Hintergrund des Ringens zwischen den Grossmächten USA und China statt. Der Konflikt wird durch Atomwaffen, die Nordkorea erworben hat, noch verschärft.

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