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Warum Verschwörungstheorien so attraktiv sind

In der Pandemie ranken sich viele Verschwörungstheorien um den Milliardär Bill Gates. Auf dem Foto eine Demonstration in Berlin. Copyright 2020 The Associated Press. All Rights Reserved

Laut einer Studie der Universität Basel glauben 30% der Befragten in Deutschland und der Deutschschweiz zumindest teilweise an eine Verschwörungstheorie im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie. Wie ist das möglich? Wir haben einen Professor für Sozialpsychologie gefragt.

Dieser Inhalt wurde am 29. April 2021 - 16:00 publiziert

Das Coronavirus wurde in einem Labor erzeugt und verbreitet, weil eine kleine Elite die Kontrolle über die Bevölkerung erlangen will.

Ach was! Das Virus existiert gar nicht. Das wahre Motiv für den Lockdown ist, die Einwanderung zu stoppen oder ein System der Massenüberwachung einzuführen.

So ein Quatsch! Es ist klar, dass Bill Gates das Virus geschaffen hat, um die Weltbevölkerung zu reduzieren. Wenn nicht, so ist es eine Waffe von Ausserirdischen, welche die Menschheit ausrotten wollen.

10 Prozent der befragten Personen glauben fest an mindestens eine der eben aufgeführten Verschwörungstheorien. An der Online-UmfrageExterner Link des Teams um Sarah Kuhn und Thea Zander-Schellenberg von der Universität Basel beteiligten sich rund 1600 Personen in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz.

Die Untersuchung zeigte zudem, dass weitere 20 Prozent der Befragten eine dieser Theorien zumindest zu einem gewissen Grad stützen, während 70 Prozent nicht daran glauben.

SRF mySchool, 27.02.2021, Verschwörungstheorien:

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"Das sind keine überraschenden Zahlen", sagt Pascal Wagner-Egger, der als Professor an der Universität Freiburg Verschwörungstheorien aus sozialpsychologischer Sicht untersucht.

Ähnliche Befragungen zu Beginn der Pandemie ergaben gleiche Prozentsätze: 10 Prozent sind vom Wahrheitsgehalt einer Verschwörungstheorie überzeugt und 20 Prozent glauben zumindest ein wenig daran. Schon vor dem Aufkommen des Coronavirus zeigten Studien über Verschwörungstheorien die gleichen, wenn nicht sogar höhere Zahlen.

"Nach einem Jahr Pandemie bin ich eher überrascht, dass die Prozentsätze nicht gestiegen sind. Vielleicht ist das eine gute Nachricht", sagt Wagner-Egger, der dennoch vor dieser Art von Daten warnt.

So interessant und verführerisch sie aus journalistischer und politischer Sicht auch sind, es ist heikel, in diesem Bereich über Proportionen zu sprechen. Die Wissenschaft setzt kein grosses Vertrauen in solche Befragungen.

Wenn jemand mit "Ich glaube es" antwortet, ist es immer schwierig zu beurteilen, was genau die Person meint.

Pascal Wagner-Egger ist Professor für Sozialpsychologie und Statistik an der Universität Freiburg. Seit zwanzig Jahren beschäftigt er sich mit Verschwörungstheorien. Sein erstes Buch zu diesem Thema wird am 6. Mai auf Französisch erscheinen: "Psychologie des croyances aux théories du complot" (PUG editions). Università di Friburgo

Wie gefährlich sind Verschwörungstheorien?

Doch auch ohne Studien reicht ein Blick auf die sozialen Medien, um zu sehen, wie verbreitet das Phänomen ist. Gerade bei Nachrichten über das Coronavirus ist es schwer, nicht mindestens einen Kommentar mit einer Verschwörungstheorie unter dem Bericht zu finden.

Und das ist alles andere als harmlos: "In unseren Studien stellen wir fest, dass diese Überzeugungen häufig mit anti-wissenschaftlichen Einstellungen und Impfgegnerschaft einhergehen. Während einer Pandemie ist das natürlich problematisch, weil wir mit Impfungen die Pandemie beenden wollen", sagt Wagner-Egger.

Es gibt auch negative Folgen für Politik und Demokratie. Wenn man glaubt, die meisten Medienschaffenden, Politikerinnen und Politiker sowie Forschende seien korrupt, verliert man das Vertrauen in Institutionen. Dies wiederum geht mit gewalttätigen und subversiven politischen Tendenzen einher.

Es ist kein Zufall, dass Verschwörungstheorien an den äusseren Rändern des politischen Spektrums verbreitet sind. Vor allem bei der extremen Rechten, aber auch bei der extremen Linken finden sich aufrührerische Diskurse gegen das System, das man stürzen will.

Praktisch Diffamierung

An diesem Punkt ist es wichtig, eine Unterscheidung zu machen: Wir sprechen davon, dass das Glauben an eine Verschwörungstheorie gefährlich ist. Die Geschichte und auch aktuelle Ereignisse zeigen, dass es in der Realität durchaus Verschwörungen und Komplotte gibt. Oder Dinge, die nicht gut laufen.

Aber daraus können wir nicht schliessen, dass der Glaube an eine Verschwörungstheorie legitim ist. Zumal Beweise in der Regel fehlen. "Diese Art des Glaubens führt zu nichts und ist kontraproduktiv, auch wenn man gegen das System ist. Denn dieser Glaube beruht in der Regel auf keinerlei Beweisen und hat somit gute Chancen, falsch zu sein", sagt Wagner-Egger.

Mit anderen Worten: Vermutete Verschwörungen können sich als wahr herausstellen (auch wenn die Mehrheit es nicht ist), aber Verschwörungsvorwürfe zu erheben, ohne konkrete Beweise vorzulegen, ist nichts anderes als Verleumdung.

"Wenn sich eine Verschwörung als wahr herausstellt, dann nur dank der Arbeit von echten Ermittlerinnen und Ermittlern oder Forschenden, sicher nicht dank Leuten im Internet, die an jede mögliche und vorstellbare Verschwörung glauben", so Wagner-Egger.

Woher kommen Verschwörungstheorien?

Zwar ist das Phänomen der Verschwörungstheorie heute besonders auffallend und heiss diskutiert. Aber eigentlich sind Verschwörungstheorien sehr alt. "Sie entstanden, als Gesellschaften sesshaft wurden und der Kampf um Macht begann", erklärt Wagner-Egger. Er nennt drei Faktoren, die den heutigen Erfolg dieser unbegründeten Theorien erklären.

"Die Kluft zwischen den Reichsten und den Ärmsten wächst. Das nährt den Verschwörungsdiskurs."

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Der erste ist der bereits erwähnte gesellschaftspolitische Faktor. Wer den Institutionen und dem heutigen System feindlich gegenübersteht, neigt dazu, sich mit Verschwörungstheorien zu rechtfertigen.

Befeuert wird das durch reale Ungerechtigkeiten und soziale Ungleichheiten. Verschiedene Studien zeigen: Je höher die Ungleichheit in einem Land ist, desto mehr Nährboden finden Verschwörungstheorien, oft verbunden mit einem Rachediskurs der benachteiligten Gruppen.

"Obwohl die Armut in der Welt reduziert wurde, ist sie noch lange nicht verschwunden, sondern hat mit der Pandemie sogar wieder zugenommen", so Wagner-Egger. "Hinzu kommt, dass die Kluft zwischen den Reichsten und den Ärmsten wächst. Und das nährt den Verschwörungsdiskurs."

Der zweite Faktor ist psychologischer Art. Es liegt in unserer Natur, naiv und unwissenschaftlich zu denken, besonders in angstauslösenden Situationen wie bei einem Terroranschlag oder einer Pandemie.

Wagner-Egger nennt als Beispiel einen Menschen, der nachts allein im Wald spazieren geht: Wenn die Person ein Geräusch hört, wird sie sofort denken, dass es sich um ein Raubtier handelt oder jemanden, der ihr Schaden zufügen will.

Das liegt daran, dass sich unser Gehirn so entwickelt hat. Es waren unsere paranoidesten Vorfahren, die überlebt haben. Sofort an das Schlimmste zu denken, konnte einem früher das Leben retten. Heute ist das nicht mehr so, aber die Eigenschaft ist geblieben.

"Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass kognitive Verzerrungen, also diese Art des Überlegens, um zu überleben, nicht nur den Glauben an Verschwörungen, sondern auch an das Paranormale verstärken: Geister sehen oder menschliche Absichten wahrnehmen, wo keine sind. All das kommt von der Vergangenheit unserer Spezies", erklärt Wagner-Egger.

Der dritte Faktor ist das Internet: Nicht nur können sich dort diese Theorien mit enormer Geschwindigkeit verbreiten, sondern es gerät auch nichts in Vergessenheit. Auf der Suche nach Informationen über eine Verschwörungstheorie stösst man leicht auf ähnliche ältere Inhalte, die dann wieder ausgebuddelt werden und ein Comeback erleben. Ohne das Web wären sie in Vergessenheit geraten.

Rückkehr zur Normalität

Um Verschwörungstheorien zu bekämpfen, muss man bei den Ursachen ansetzen: Soziale Ungleichheiten verringern, Korruption bekämpfen, einen unparteiischen Journalismus sowie Gewaltenteilung sicherstellen. Das sind nützliche Methoden zur Bekämpfung des Phänomens.

Aus psychologischer Sicht ist laut Wagner-Egger Bildung das effektivste Mittel: Jungen Menschen beibringen, kritisch zu denken, nicht alles sofort zu glauben und Informationen zu überprüfen. Das Seltsame und Unbekannte sei zwar faszinierend und könne Spass machen, aber ohne konkrete Beweise liefen wir Gefahr, in eine Falle zu tappen.

Auch wenn mit dem Ende der Pandemie auch ein Rückgang von Verschwörungstheorien im Netz zu erwarten ist, werden "Fake News" als Problem noch eine ganze Weile bestehen bleiben. Soziale Netzwerke ergreifen bereits Gegenmassnahmen, durch Algorithmen oder durch Sperrung von Personenprofilen, die problematische Inhalte verbreiten.

"Zensur ist nie schön", sagt Wagner-Egger. "Aber im Falle von Twitter oder Facebook kann man wohl nicht von echter Zensur sprechen." Es handle sich um private Dienste und die gesperrten Personen könnten auf andere Netzwerke ausweichen. "Es geht darum, diese Ideen aus dem öffentlichen Diskurs zu verbannen und sie dorthin zurückzubringen, wo sie vor dem Internet waren: in New-Age-Büchern und Nischenpublikationen."

Es wäre eine Rückkehr zur Normalität. Laut Wagner-Egger haben Verschwörungstheorien in der heutigen Ausnahmesituation durch die grosse Aufmerksamkeit mehr Gewicht erhalten, als sie eigentlich haben.

Wie spricht man mit einem Verschwörungstheoretiker?

Wie soll man mit Kommentaren umgehen, die Verschwörungstheorien verbreiten?

Pascal Wagner-Egger kommuniziert häufig mit Verschwörungstheoretikern auf sozialen Medien und gibt zu, dass es in der Regel unmöglich ist, jemanden umzustimmen. "Es ist, als ob man mit einem religiösen Fanatiker streitet. Wenn Sie ihm zur Widerlegung des Kreationismus sagen, dass es Dinosaurierfossilien gibt, wird er antworten, dass der Teufel sie dort hingelegt hat, um uns glauben zu machen, dass das, was in der Bibel steht, falsch ist.  Es ist unmöglich, die Meinung von jemandem zu ändern, der radikalisiert ist", sagt er.

Trotzdem sucht Wagner-Egger weiterhin im Internet den Dialog mit diesen Menschen, weist sie auf Fehler in ihrer Argumentation hin und macht sie darauf aufmerksam, wenn sie sehr schwere Anschuldigungen ohne Beweise erheben.

Auch wenn die Meinung des Gesprächspartners in der Regel nicht geändert werden kann, findet Wagner-Egger die Übung dennoch positiv. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens können beim Verschwörungstheoretiker leise Zweifel im Unterbewusstsein gesät werden, und zweitens ist die Debatte für die Zuschauenden gewinnbringend. "Wer eher eine gemässigte Position vertritt, findet die Übertreibungen eines Verschwörungsdiskurses entlarvend", sagt er.

Schwieriger ist die Situation, wenn es sich bei dem Verschwörungstheoretiker um eine nahestehende Person handelt, etwa ein Familienmitglied oder eine Bekannte. Bestimmte Themen können nicht mehr angesprochen werden, ohne dass ein Konflikt entsteht.

In diesem Fall können Techniken angewandt werden wie das "epistemische Interview", eine Art sokratischer Dialog. Die Kunst dieser Technik besteht darin, zu diskutieren, ohne die eigene Meinung zu äussern. Man sagt nicht, ob man für oder gegen eine Idee ist, sondern stellt dem Gesprächspartner Fragen. So bringt man den Verschwörungstheoretiker oder die Verschwörungstheoretikerin dazu, zu erläutern, warum die Person etwas glaubt und wie sie das rechtfertigt.

"Sehr oft erkennen diese Menschen selbst, dass ihr Glaube eine brüchige Basis hat", erklärt Wagner-Egger. "Epistemische Interviews werden in der humanistischen Psychologie verwendet und sind sehr respektvoll gegenüber der anderen Person. Das sieht man selten in sozialen Netzwerken, wo es leicht zu Beleidigungen kommt."

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