Blick auf eine Schweizer Geschichte in San Diego
Viele Schweizer, die im 19. und anfangs 20. Jahrhundert nach Kalifornien zogen, waren Bauern und Handwerker. Viele hatten die Heimat aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. Ihre Nachkommen sind mit der Schweiz immer noch verbunden.
Marianne und Walt Egger gehören zu den alteingesessenen Schweizer Familien im kalifornischen San Diego. Walt ist in den 1930er-Jahren in San Diego geboren, seine Frau Marianne lebt seit Ende 1963 hier.
Bis heute haben die Schweiz und ihre Traditionen im Leben der Familie ihren Platz. Walt und Marianne Egger gehören zu den aktiven Mitgliedern der Schweizer Gemeinde in San Diego, die einige Hundert Personen umfasst.
«Die Schweizer Wurzeln sind ein Teil unserer kulturellen Identität», erklärt Marianne Egger. Diese Identität pflegt sie unter anderem mit ihrem Engagement im Schweizer Verein. Daneben hat sie bis heute Kontakte zu Verwandten und alten Bekannten in der Schweiz.
Doch ihr Leben spielt sich klar hier in den USA ab, auch das staatsbürgerliche. Ins Wahlregister für Auslandschweizer hat sie sich nicht eingetragen, auch wenn sie die politischen Entwicklungen in der alten Heimat bis heute mitverfolgt. Die
Politik überlasse sie den Landsleuten in der Schweiz. «Wir führen hier ein sehr ausgefülltes Leben, ich konzentriere mich darauf», sagt die achtfache, quirlige Grossmutter.
Der deutschsprachige Pfarrer
Auch Walts Wurzeln liegen in der Landwirtschaft. Sein Vater Robert war 1925 nach San Diego gekommen, seine Mutter Emma 1928.
Kennen gelernt haben sich Robert und Emma «in einer Kirche, wo der Pfarrer im Gottesdienst Deutsch sprach», schmunzelt Walt Egger und zeigt ein paar Fotos seiner Eltern aus deren frühen Jahren.
Wie viele Schweizer Immigranten aus der damaligen Zeit, waren auch die Eggers Bauern und hatten einen Milchwirtschafts-Betrieb. Sie gehörten zu den Familien, die 1939 den San Diego County Swiss Club gründeten, der sich um den Erhalt von Schweizer Traditionen für die nachkommenden Generationen kümmert.
Das Paar hatte drei Kinder: Bob (1933), Walt (1935) und Mary (1937). Bis heute sind die drei aktive Mitglieder im Swiss Club. Walt hat eine Handorgel und ein Alphorn, mit denen er unter anderem an der 1. August-Feier aufspielt.
Mariannes Kindheitstraum
Walts Schweizerdeutsch hat einen amerikanischen Akzent, aber er verständigt sich problemlos mit Deutschschweizern. Seine Frau Marianne kam im Herbst 1962 in die USA.
Nach ihrer Ausbildung als Hausbeamtin erfüllte sie sich einen Traum aus Kindheitstagen, einen Aufenthalt in den USA, wo sie einen Onkel hatte. «Ich wollte meinen Horizont erweitern, mehr von der Welt sehen, reisen und lernen.»
Sie arbeitete zunächst bei zwei Familien an der Ostküste, in New York und in Connecticut, wo sie vor allem verantwortlich war für die Kinder.
Im Herbst 1963 reiste sie mit zwei anderen Frauen während sechs Wochen von der Ostküste nach Los Angeles und wollte den Winter in Kalifornien verbringen. Da es sie dann plötzlich nach Hause zog, beschloss sie, statt dessen mit dem Bus durch die Südstaaten nach New York zu reisen und von dort nach Europa.
Wie das Leben so spielt
Doch es kam alles anders: «In San Diego besuchte ich mit Bekannten eine Farm, wo ich Walt kennenlernte. Das war das Ende meiner Rückkehr-Pläne», sagt sie und lächelt ihrem Mann zu. Im April 1964 heirateten sie.
Auf einer Farm und mit drei Kindern habe es stets viel zu tun gegeben, sie selber habe aber nie direkt im Betrieb gearbeitet, sagt Marianne Egger.
«Dafür wurde der Garten zu meinem Hobby, vor allem die Fruchtbäume. In diesem Klima hier kann man wirklich alles pflanzen und ernten, Kern- und Steinobst, Zitrusfrüchte oder subtropische Früchte wie Papayas, Bananen und viele andere mehr.»
Von der Farm ins Stadtzentrum
Heute sind Walt und Marianne Egger im Ruhestand. «1987 verkauften wir das Vieh und einiges von der Fahrhabe.» Das Land, etwa 30 Acres (gut 12 Hektaren), gehört Walt und seinen zwei Geschwistern.
Nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe hatten Eggers – so wie viele Bauern in der Schweiz – dazu bewogen, den Betrieb aufzugeben. So war die Quelle der Farm nach Überschwemmungen 1983 versalzt und konnte nicht mehr genutzt werden, was zu hohen Kosten für den Wasserbezug von der Stadt führte. Dazu kamen die steigenden Preise für Futter, Heu, Milchtransport und die Schwierigkeiten bei der Suche nach Personal.
Zudem lag die Farm sehr nahe an der Stadt, und vor allem an Wochenenden kam es wegen der zahlreichen Ausflügler oft zu Problemen mit offenen Weidetoren und entlaufenem Vieh. Oder zu Diebstählen oder Vandalenakten. «In den letzten Jahren machte die Arbeit daher keine grosse Freude mehr.» Dazu kam, dass man als Bauer auch in den USA kaum einen freien Tag hat.
«Heute geniessen wir das einfache und schöne Leben in der Stadt.» Walt und Marianne Egger leben an der Bucht von San Diego in einem Hochhaus mit Sicht auf Teile der Stadt und den Pazifik.
swissinfo, Rita Emch, San Diego
Die Zahl der Amerika-Schweizer wird auf rund 1,2 Millionen geschätzt.
Insgesamt 73’978 Schweizer Staatsangehörige waren Ende 2007 in den USA registriert. Davon 52’415 Doppelbürgerinnen und Doppelbürger.
Im Konsularbezirk Los Angeles, zu dem San Diego gehört, waren Ende 2007 rund 13’200 Schweizer registriert.
Die grösste Dichte von Amerikanern mit Schweizer Wurzeln findet sich in Kalifornien, New York, Ohio, Wisconsin und Pennsylvania.
Der San Diego County Swiss Club wurde 1939 gegründet. Ziel des Clubs ist es, Traditionen und kulturelles Erbe der Schweiz an die kommenden Generationen weiterzugeben.
Der Verein besitzt in Chula Vista, im Süden San Diegos, ein Lokal, den Swiss Park. Das Haus im Chaletstil erinnert an die Schweiz und ist umgeben von einer Parkanlage.
Mindestens zweimal im Jahr – am 1. August und zu Weihnachten – organisiert der Verein ein Fest für Jung und Alt.
Betrieben wird der Swiss Park von einem Gerantenpaar, das dort lebt. Das Lokal wird auch an Aussenstehende vermietet, etwa für Hochzeiten oder Geburtstagsfeste.
Aus dem Verein hervorgegangen ist der «Swiss Mixer». Etwa einmal im Monat organisiert dieser Club einen Stammtisch.
Die Mitglieder sind zu einem grossen Teil Berufstätige und eher Vertreter jener Auslandschweizer, die nicht schon seit Generationen in San Diego leben.
Der Club dient denn auch als Anlaufstelle für Neuzuzüger, die erste Kontakte oder Tips zu Leben und Arbeit hier suchen.
«Wir pflegen unsere Kultur, geniessen die Gesellschaft und sprechen unsere Landessprachen» – steht auf der Website des «Swiss Mixer».
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