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Flut: Keine grosse Solidaritätswelle

Die Schweiz lieferte 540'000 Sandsäcke nach Deutschland. Keystone

Die Schweiz leistet Hilfe für die überfluteten Gebiete in Europa und Asien. Eine ausserordentliche Solidaritäts-Welle ist nicht angelaufen.

Auch nicht für den Nachbarn Deutschland.

540’000 Sandsäcke wurden in den Osten Deutschlands spediert, der Pharma-Riese Novartis spendet fast 1,5 Mio. Franken, die Schweizer Hilfswerke helfen ebenfalls mit einer Million. Die Basler Regierung entschied am Dienstag, 200’000 Franken zu spenden; St. Gallen will mit einer halben Million den Wiederaufbau unterstützen.

Die Schweiz hilft damit in einem Umfang, der als üblich bezeichnet werden könnte. Aber auf der emotionalen Ebene ist die Schweiz noch weit entfernt von der Solidaritäts-Welle, wie sie sie nach dem Erdrutsch in Gondo erfasst hatte.

Ende 2000 waren Teile dieses Walliser Bergdorfs von einem Erdrutsch weggerissen worden; die Glückskette hatte damals das Rekordergebnis von 74 Mio. Franken gesammelt.

Glückskette eröffnet Konto

Die Glückskette, das Hilfswerk der SSR SRG idée suisse, hat am letzten Mittwoch ein Konto für die Flutgebiete in Europa und Asien eröffnet. Bis Anfang Woche sind dort über 200’000 Franken einbezahlt worden.

«Das ist eine angemessene Summe», sagt Catherine Baud-Lavigne, Kampagnen-Verantwortliche der Glückskette, gegenüber swissinfo. Einen speziellen Sammeltag, wie beispielsweise für Gondo, plant das Hilfswerk nicht.

Das meiste Geld wurde für die Gebiete in Mittel-Europa gespendet. Die Glückskette finanziert vor allem Projekte in Tschechien. «Deutschland hat schon die Unterstützung der Europäischen Union», erklärt Baud-Lavigne. Auch bestünden in Deutschland genügend Hilfsorganisationen. «Die andern betroffenen Regionen brauchen unsere Hilfe noch dringender.»

Auch der «Blick», auflagenstärkste Schweizer Zeitung, plante bisher keinen Spenden-Aufruf. Die Schwesterzeitung in Ungarn habe jedoch gesammelt und das Verlagshaus habe Immobilien für Vertriebene zur Verfügung gestellt, wurde swissinfo ausgerichtet.

DEZA hilft

Die Hilfe der offiziellen Schweiz für Europa ist am Wochenende angelaufen. Insgesamt beläuft sie sich bisher auf 1,2 Mio. Franken. Neben den Sandsäcken für Deutschland lieferte die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) Wasserpumpen und Entfeuchter nach Tschechien. «Das Telefon für die Sandsäcke kam um 10 Uhr abends. Da haben wir die Nacht durchgearbeitet», sagt DEZA-Direktor Walter Fust gegenüber swissinfo. Insgesamt wurden laut dem Deutschen Technischen Hilfswerks (THW) bisher 10 Mio. Sandsäcke verbaut.

Mit den Sandsäcken – eine Tranche wurde per Helikopter nach Deutschland geflogen – gingen auch zwei Spezialisten ins Überschwemmungs-Gebiet. Die Schweiz hat weiter angeboten, Militär-Helikopter zu entsenden. Auch im Bereich des Kulturgüterschutzes könnte sie umgehend aktiv werden. «Wir halten unser Hilfsangebot für Deutschland weiter aufrecht», erklärt Fust.

Nicht an die grosse Glocke hängen

Inländische Beobachter beurteilen die Hilfe der Schweiz wohlwollend. «Unsere Diplomaten arbeiten mit den Hauptstädten der betroffenen Länder sehr gut zusammen», sagt zum Beispiel Kommunikationsberater Klaus J. Stöhlker, selber gebürtiger Deutscher, gegenüber swissinfo. «Man muss solche Hilfe auch nicht an die grosse Glocke hängen», ergänzt er.

Er spendet Bern Lob für die Hilfe und wie sie kommuniziert worden sei, besonders nach dem die Beziehungen zwischen der Schweiz und Nachbar Deutschland nach dem Flugzeugabsturz am Bodensee etwas gespannt waren. «In Bern hat man aus Überlingen gelernt», meint Stöhlker.

Schelte für Villiger nach Überlingen

Nach dem Flugzeugabsturz in der Nähe von Überlingen, bei dem über 80 Menschen ums Leben gekommen waren, hatte Bern nicht genügend schnell und glaubwürdig reagiert. Publizist Roger de Weck hatte die Schweizer Reaktion in der Sonntags-Zeitung vom 14. Juli so kommentiert: «Nach der Flugkatastrophe hat Bundespräsident Kaspar Villiger nicht alles unternommen, Zeichen des Mitgefühls und der Freundschaft (…) zu setzen.»

Diesmal äusserte sich Bundespräsident Kaspar Villiger umgehend wenn auch knapp in einer Solidaritätsbotschaft am deutschen Fernsehen: «Im Namen des Schweizervolkes möchte ich Ihnen versichern, dass wir uns in diesen Stunden der Not mit den hart geprüften Mitmenschen in den Hochwassergebieten solidarisch fühlen.» Die ARD-«Bild»-Benefizgala erbrachte umgerechnet rund 35 Mio. Franken, die Sat.1-Benefizgala auf rund 11 Mio. Insgesamt sollen in Deutschland selbst bisher rund 80 Mio. Euro (rund 120 Mio. Franken) an Spendengelder eingegangen sein.

swissinfo

Glückskette sammelte 250’000 Franken bis Anfang Woche.
Die Hilfe der Schweiz beläuft sich auf 1,2 Mio. Franken.

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