Glocke in neuer Hand
Feierstimmung im Bundeshaus: Am ersten Tag der Wintersession wurde die höchste Schweizerin gewählt, die Nationalrats-Präsidentin. Einen Wechsel gab es auch im Ständerat.
Die Sozialdemokratin Liliane Maury Pasquier wird Nationalrats-Präsidentin, der Christdemokrat Anton Cottier wird Ständerats-Präsident: Sie werden beide ein Jahr lang die Sessionen einläuten, Verhandlungen führen, für Ordnung sorgen und bei einem Patt den Stichentscheid fällen.
Eine Westschweizerin geht hoch hinaus
Liliane Maury Pasquier tanzt in mancher Hinsicht aus der Reihe. Nach nur sechs Jahren in der Grossen Kammer und im verhältnismässig jungen Alter von 45 Jahren wird sie auf einen Sessel gehievt, der sonst altgedienten Ratsmitgliedern gern gegönnt wird. Diesen steht sie insofern nicht nach, als dass auch sie bereits Grossmutter ist.
Ihre politische Laufbahn begann 1983 auf Gemeindeebene. 1993 sass sie zwei Jahre lang im Genfer Kantonsparlament, und im Laufschritt ging es dann Richtung Bundesbern. Als Sozialdemokratin engagiert sie sich für gesundheits- und sozialpolitische Anliegen – vor allem für eine Mutterschafts-Versicherung. Nach dem eidgenössischen Nein 1999 setzte sie sich für eine kantonale Lösung ein. Resultat: Der Kanton Genf hat heute eine Mutterschafts-Versicherung.
Eine linke Linke
Ihr Stimmverhalten entlarvt Maury Pasquier als Linke unter den Linken. So lehnte sie vor 10 Tagen die Bundesbeteiligung an der neuen schweizerischen Airline ab – zusammen mit ihren welschen Parteikollegen, die das Fehlen eines Sozialplanes kritisierten.
Im Sommer sagte sie Ja zu einer Schweiz ohne Armee und schloss sich damit der grossmehrheitlichen Parteilinie an. Auch der sozialen Abfederung der Alters- und Hinterlassenenversicherung stimmte sie als Vizepräsidentin des Nationalrates zu – im Gegensatz zum Präsidenten. Per Stichentscheid kürzte Peter Hess damals die Abfederung um 400 Mio. Franken.
Offen deklarierte Mandate
Überhaupt gibt es zwischen der Sozialdemokratin und dem Christdemokraten kaum Parallelen. Als Hebamme wird sich die neue Ratspräsidentin kaum den Vorwurf gefallen lassen müssen, Verwaltungsrats-Mandate zu horten – weder reguläre noch umstrittene. Ihre zwei Mandate hat sie deklariert.
War Peter Hess ein eher farbloser Präsident, so will Maury Pasquier eine «etwas andere Präsidentin» sein. Sie will klar und gerecht führen mit «einer harten Hand in einem Samthandschuh». «Anders» ist sie auch, weil sie drei Minderheiten vertritt: die Romands, die Frauen und die Ratslinke.
Im Ständerat ein halber Welscher
In der Kleinen Kammer übernimmt der Christdemokrat Anton Cottier das Präsidium von der Freisinnigen Françoise Saudan. Anton Cottier wird als typischer Mann der Mitte bezeichnet, als Vermittler. Seine politische Laufbahn begann 1976 im Freiburger Kantonsparlament. Später war er Polizeidirektor der Stadt Freiburg und seit 1987 vertritt er den Kanton im «Stöckli», der Kleinen Kammer.
Cottier ist keine schillernde politische Figur. Zu Wort meldet er sich bei wirtschafts-, sozial- und finanzpolitischen Themen. Als Ratspräsident möchte er dem Schweizer Volk und auch dem Ausland die Stärke des Parlamentes vor Augen führen, indem er den Ratsbetrieb speditiv leitet, gleichzeitig aber Fairplay verlangt. Wichtig ist dem Befürworter eines EU-Beitritts auch, dass der schweizerische Öffnungswille gegen aussen getragen wird.
Der Röstigraben in der Familie
Der Anwalt aus dem zweisprachigen Kanton ist jedoch ein humorvoller und geistreicher Interviewpartner, der oft dafür gelobt wird, dass er gut zuhören kann. Der Röstigraben geht nicht nur durch seinen Kanton, sondern auch durch seine Familie. Doch der deutschsprachige Cottier fühlt sich in seiner Französisch sprechenden Familie nicht benachteiligt. Zusammenarbeit sei zentral, so Cottier.
Rebecca Vermot
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