Katastrophe Afghanistan
In Afghanistan besteht die Gefahr, dass Millionen von Menschen in wenigen Wochen dem Hungertod ausgesetzt sein werden. Die US-Angriffe haben die Lage der notleidenden Bevölkerung drastisch verschlechtert und machen humanitäre Hilfe fast unmöglich. Eine humanitäre Katastrophe ist kaum mehr abzuwenden, sagen Schweizer Fachleute.
Seit den amerikanischen und britischen Angriffen auf Afghanistan hat sich die Lage der Bewohnerinnen und Bewohner des Landes drastisch verschlechtert. «Eine humanitäre Katastrophe ist unausweichlich», sagt Rudolf Hager, Leiter des Koordinationsbüros der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) im pakistanischen Islamabad gegenüber swissinfo. «Wir sprechen hier von sechs bis sieben Millionen Frauen, Männern und Kinder, die dem Hungertod ausgesetzt sein könnten.»
Wegen der Militärschläge sei es unmöglich, momentan Hilfsgüter zu liefern. Dies habe vor allem negative Auswirkungen auf den nächsten Winter. «In vier bis sechs Wochen beginnt es in Afghanistan zu schneien. Transporte sind dann fast nicht mehr möglich, viele abgelegene Regionen nicht mehr zu erreichen. Wir müssten vorsorgen, Nahrung jetzt liefern. Aber das ist jetzt nicht möglich», erklärt Hager.
Air Drops nur Politische Aktion
Von den «Air Drops» – den 37’000 Lebensmittelrationen, welche von amerikanischen Flugzeugen abgeworfen werden – hält Hager nichts. Sie stellten bloss einen Tropfen auf dem heissen Stein dar. Zudem bestehe die Gefahr, dass die abgeworfenen Säcke Menschen verletzten, gar töteten oder irgendwo auf verminten Land landen. «Das ist nichts weiter als eine politische Aktion», betont Hager. Nach 22 Jahren Krieg und Bürgerkrieg ist in Afghanistan erst ein Bruchteil der Minenfelder geräumt.
Zu den afghanischen Partnern ist die Kommunikation seit Sonntagabend vollkommen zusammengebrochen. Aber auch die pakistanischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind seit der amerikanisch-britischen Attacke grösster Gefahr ausgesetzt. In gewissen Teilen Pakistans, vor allem im Nordwesten und in der Grenzstadt Quetta, herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Kinos wurden neidergebrannt, Banken ausgeraubt.
Die DEZA musste einzelne Büros über Nacht schliessen und das Personal, vor allem Frauen, abziehen. «Extremistischere Gruppen im Lande setzen alles, was aus dem Westen kommt oder vom Westen finanziert wird, mit Amerika gleich», erklärt Hager.
Auch das UNO-Welternährungsprogramm (WFP) hat seine Hilfslieferungen nach Afghanistan wegen der US-Angriffe vorerst aussetzen müssen. Es würden keine Nahrungsmittel mehr verteilt, sagte eine WFP-Sprecherin am Montag in Genf. Ebenso hätten die Lebensmittel-Transporte aus den Nachbarstaaten Afghanistans gestoppt werden müssen. Die UNO habe ihre rund 350 Mitarbeiter vor Ort angewiesen, nach den Angriffen ihre Häuser nicht zu verlassen.
Eine Million Menschen irrt hungernd umher
7,5 Millionen Menschen, ein Drittel der Bevölkerung Afghanistans, ist auf Unterstützung angewiesen. Mehr als eine Million Menschen irren nach einer der schlimmsten Dürren der vergangenen Jahrzehnte und anhaltenden Kämpfen hungernd durchs Land. Jedes vierte Kind in Afghanistan stirbt, bevor es fünf Jahre alt wird. Seit der jüngsten Krise hat sich die Situation noch mehr zugespitzt.
Nach der ersten Angriffswelle der USA auf Ziele in Afghanistan flüchteten viele Afghanen Richtung iranische und pakistanische Grenze, die jedoch noch immer geschlossen sind. Die EU-Kommission rechnet mit einem wachsenden Strom afghanischer Flüchtlinge in den nächsten Tagen und Wochen. «Die Europäische Kommission wird alle Anstrengungen unternehmen, um den Bedürftigen Hilfe zu leisten», versicherte Kommissions-Präsident Romano Prodi am Montag in Brüssel.
Zum Umfang der Hilfeleistung erklärte die Kommission: «Es kann zusätzliche Anforderungen in den kommenden Wochen geben, wenn der Strom der Flüchtlinge und intern Vertriebenen anschwillt.» Bisher hätten die EU-Kommission und die Mitgliedsstaaten für diese Zwecke rund 460 Mio. Franken bereitgestellt. Die Kommission bat das Europa-Parlament und den Rat, rasch die nötigen Entscheidungen zur Freigabe weiterer 37 Mio. Franken zu treffen.
Operationelle Hilfe
Auch die Schweiz hat vor wenigen Tagen die humanitäre Hilfe zu Gunsten der afghanischen Zivilbevölkerung um fünf auf 17.5 Mio. Franken erhöht. Zudem leistet die DEZA operationelle Hilfe vor Ort. Laut Toni Frisch, Leiter Abteilung Humanitäre Hilfe und Schweizerisches Katastrophenhilfswerk (HH + SKH)der DEZA, sind Mitarbeiter der DEZA in Pakistan, Usbekistan und Turkmenistan.
Das Internationale Rote Kreuz, welches mit rund 1’000 afghanischen Mitarbeitern in Kontakt ist, konzentriert sich auf medizinische Versorgung. Als äusserst schwierig stellt sich aber auch hier die Erreichbarkeit dar. Viele Afghanen flüchten in die Berge, wo sie kaum mehr zu erreichen sind. Das UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) hat indessen entlang der Grenze zu Pakistan Zelte für rund 100’000 Flüchtlinge aufgebaut.
Carole Gürtler
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