Weiterhin Trauer in Zug
Zwei Tage nach der Bluttat in Zug lagen am Samstag noch 14 Menschen im Spital. Der Zustand einer Person blieb kritisch. Noch immer strömen zahlreiche Menschen vor das Regierungsgebäude in Zug, um ihrer Trauer Ausdruck zu geben. Bundesrat Kaspar Villiger warnte vor einer "Sicherheits-Hysterie".
Eine der am Donnerstag bei der Schiesserei verletzten Personen konnte das Spital am Samstag verlassen, wie die Kantonspolizei Zug mitteilte. Bei 13 Verletzten stabilisierte sich der Gesundheitszustand, während eine Person weiter um ihr Leben ringt.
Tausende von Menschen haben sich schon in das Kondolenzbuch eingetragen, das beim Regierungsgebäude in Zug aufgelegt ist. Auch am Samstag legten wieder zahlreiche Menschen Blumen nieder, zündeten Kerzen an oder verharrten schlicht in Ruhe. Rund 4’000 Personen sind am Samstagabend mit Fakeln nach Zug marschiert und haben so der Opfer des Amoklaufs gedacht.
Die psychologische Betreuung für Angehörige und anderweitig direkt von dem Anschlag Betroffenen geht weiter.
Sicherheits-Diskussionen – Warnung vor Hysterie
Seit dem blutigen Anschlag von Zug wurden bereits vielerorts die Sicherheits-Massnahmen deutlich verstärkt, so beim Parlamentsgebäude in Bern, wo ab Montag ein Metall-Detektor am Eingang steht. Auch bei mehreren kantonalen Einrichtungen wurden vorsorglich weitere Massnahmen ergriffen.
Mehrere Mitglieder der Landesregierung äusserten sich am Samstag in Schweizer Medien zu den Ereignissen in Zug. Bundesrat Kaspar Villiger warnte in der «Samstags-Rundschau» von Schweizer Radio DRS vor einer «Sicherheits-Hysterie».
Das Ereignis habe alle erschüttert. «Wir müssen jetzt trotz allem aufpassen, dass wir nicht in Hysterie ausbrechen.» Zwischen der offenen Gesellschaft und der totalen Sicherheit gebe es fast immer einen unüberwindbaren Zielkonflikt. Es mache ihm schon Sorgen, dass in letzter Zeit die Diffamierung gegenüber der Classe politique zugenommen habe. Aber es gebe keinen totalen Schutz, sagte Villiger weiter.
«Demokratie schlägt nicht zurück»
Dass angestaute Wut gegenüber Behörden und Politikern den Amokläufer in Zug nach Ansicht von Fachleuten zu seiner Gewalttat bewegten, beunruhigt auch Bundesrätin Ruth Dreifuss. Ihre Nähe zum Volk will sich Dreifuss aber nach dem Amoklauf von Zug nicht nehmen lassen, wie sie in einem Interview mit dem Zürcher «Tages-Anzeiger» sagte.
Der Amoklauf sei ein Angriff auf die Demokratie gewesen, zitierte Dreifuss Bundespräsident Moritz Leuenberger. «Die Demokratie schlägt aber nicht zurück – sonst ist sie keine mehr.» Die Demokratie sei zerbrechlich, gerade das mache sie so kostbar.
Und Bundesrat Samuel Schmid forderte in einem Interview mit der «Neuen Luzerner Zeitung», dass es auch nach dem Anschlag von Zug nicht zu einer Entfremdung zwischen Bürgern und Politik kommen dürfe. In der Tradition der Schweizer Milizarmee, deren Angehörige das Gewehr zu Hause zu haben, sieht der Verteidigungsminister auch nach dem Amoklauf keine Bedrohung für die Gesellschaft.
Rückkehr zur Normalität
Der Zuger Regierungsrat Robert Bisig hofft derweil, dass der Kanton Zug möglichst bald wieder zur Normalität zurückkehren kann. Die Tat werde in ihm aber grosse Narben hinterlassen, sagte er in einem Interview mit der «Neuen Zuger Zeitung» vom Samstag.
Auf die Frage, wie er damit umgehe, dass er und Regierungsrätin Ruth Schwerzmann den Anschlag als einzige Mitglieder der Exekutive unverletzt überlebten, erklärte Bisig, er könne das fast nicht verarbeiten. «Es ist eine derart schwierige Situation, dass ich nicht die richtigen Worte finde.» Die weltweite Anteilnahme tue jedoch gut und gebe ihm Kraft.
Bisig steht derzeit als Amstältester der Regierung vor, die aber nicht beschlussfähig ist. Um die Krise dennoch bewältigen zu können, haben Bisig und Schwerzmann eine Task Force eingesetzt, um die wichtigsten Aufgaben an die Hand zu nehmen.
Trauerwoche
Der Kanton Zug hat die Woche vom 1. bis 7. Oktober zur Trauerwoche erklärt. Die Fahnen bleiben während der Zeit auf Halbmast gesetzt.
Am Montag bleiben im ganzen Kanton Verwaltung und Schulen geschlossen. Um 10 Uhr findet in der Kirche St. Michael der offizielle Trauergottesdienst statt. Dazu werden auch Mitglieder des Bundesrats, mehrerer Kantonsregierungen sowie Trauergäste aus dem Ausland erwartet. Um 10 Uhr soll im ganzen Land mit einer Schweigeminute der Opfer gedacht werden.
Auch die Kirche schliesst sich dem Trauertag an. In der ganzen Schweiz sollen um 12 Uhr die Glocken der Kirchen als Zeichen der Anteilnahme und der Betroffenheit läuten. Dies gaben die Schweizerische Bischofs-Konferenz und der Schweizerische Evangelische Kirchenbund am Samstag bekannt.
swissinfo und Agenturen
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch