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Schweizerische Nationalbank Wer bei den Negativzinsen gewinnt – und wer verliert

Geld

Im Zentrum der geldpolitischen Strategie der SNB steht nach wie vor der Kampf gegen den Aufwertungsdruck des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro.

(© Keystone / Ti-press / Alessandro Crinari)

Sie haben zunehmend gewichtige wirtschaftliche und soziale Auswirkungen. Die vor fünf Jahren von der Nationalbank eingeführten Negativzinsen. Trotz aller Kritik will die Bank diese Massnahme nicht aufheben. Sie erachtet dies als unerlässlich, um einer übermässigen Aufwertung des Schweizer Frankens entgegenzuwirken.

Warum hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) Negativzinsen eingeführt?

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In der Folge der internationalen Finanzkrise von 2008 ergriffen zahlreiche Nationalbanken eine beispiellose Reihe von Massnahmen, um den Bankensektor über Wasser zu halten und die Gefahr einer wirtschaftlichen Depression abzuwenden. Darunter waren auch historische Zinssenkungen: In den Vereinigten Staaten und im Euroraum sanken die Zinsen vor einigen Jahren fast auf null.

Weil der Schweizer Franken in Krisenzeiten regelmässig als Fluchtwährung genutzt wird, sah sich die SNB gezwungen, sogar unter null zu gehen. Vor fünf Jahren senkte die Nationalbank ihren Leitzins auf -0,75%, um eine weitere Aufwertung des Frankens gegenüber den anderen wichtigen Währungen, besonders dem Euro, zu vermeiden.

Was bezwecken negative Zinssätze?

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In erster Linie dienen niedrige oder sogar negative Zinssätze dazu, Banken und andere Investoren zu ermutigen, ihr verfügbares Kapital in die Wirtschaft zu investieren, statt es bei Zentralbanken zu "parkieren". Wer also einen Gewinn erzielen will, ist gezwungen, sein Geld anderswo zu investieren. Weil die Kosten für Geld niedrig sind, können Unternehmen gleichzeitig leichter Kredite von Banken aufnehmen, um neue Projekte zu finanzieren.

Im Fall der SNB haben die Negativzinsen zum Hauptziel, den Franken weniger attraktiv zu machen und damit ausländische Investoren zu entmutigen, in die Schweizer Währung zu investieren. Die Nationalbank nutzte zudem kontinuierlich ihre Währungsreserven, die insgesamt 800 Milliarden Franken betragen, um auf dem Devisenmarkt zu intervenieren und eine übermässige Aufwertung der Währung zu verhindern.

Wem bringt diese Massnahme etwas?

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Unternehmen: Weil Negativzinsen dazu beitragen, den Wert des Schweizer Frankens in gewissen Grenzen zu halten, kommen diese in erster Linie der Exportindustrie und dem Tourismussektor zugut. Exportierende Unternehmen werden im Vergleich zu Konkurrenten in anderen Ländern nicht durch einen starken Franken übermässig benachteiligt.

Angesichts der Tatsache, dass die Schweiz fast jeden zweiten Franken im Ausland verdient, wirkt sich eine gute Exportleistung positiv auf die gesamte Wirtschaft aus. Auch Unternehmen, die nur auf dem Inlandmarkt tätig sind, profitieren von niedrigen Zinssätzen, um günstige Kredite aufzunehmen und neue produktive Aktivitäten zu entwickeln.

Staat: Mit einer Gesamtverschuldung von fast 200 Milliarden Franken profitierten Bund, Kantone und Gemeinden weitgehend von den niedrigen Kosten des Geldes. Die tiefen Zinsen halfen beispielsweise der Eidgenossenschaft, im letzten Jahrzehnt Milliarden-Überschüsse zu erzielen, die zum Schuldenabbau verwendet werden können.

Die Staatsverschuldung fiel von über 120 Milliarden Franken im Jahr 2008 auf 96 Milliarden Franken im Jahr 2019. Die positive Entwicklung der öffentlichen Finanzen kam auch den Steuerzahlenden (Einzelpersonen und Unternehmen) zugute, bis zu einem gewissen Grad durch eine Senkung der Steuerlast oder weniger grosse Steuererhöhungen.

Überschüsse der Eidgenossenschaft

Grafik: Überschüsse der Eidgenossenschaft

Immobilienbesitzer: Weil die Hypothekarzinsen seit mehreren Jahren auf ein beispielloses Niveau gesunken sind, profitieren auch die Immobilienbesitzer von den Negativzinsen. Gleichzeitig haben sich die Preise für Häuser und Wohnungen in vielen Regionen der Schweiz innerhalb eines Jahrzehnts praktisch verdoppelt. Andererseits führte die Senkung der Hypothekarzinsen nicht zu einer signifikanten Senkung der Mieten.

Wer verliert?

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Banken: Finanzinstitute mussten 2019 rund zwei Milliarden Franken aufwenden, um die Negativzinsen auf den von ihnen bei der SNB angelegten Gelder zu bezahlen. Angesichts der Verringerung ihrer Margen fingen einige Banken an, auch auf den Konten ihrer eigenen Kundschaft negative Zinsen zu verlangen. Bisher betrifft diese Praxis jedoch nur Vermögenswerte über 100'000 Franken. Die Banken kompensierten die Verluste auch durch eine Vervielfachung der Kontoführungs-Gebühren, die sie der Kundschaft berechnen.

Sparende: Schon seit einigen Jahren werden Ersparnisse zu Zinssätzen von nur noch knapp über null verzinst. Anfang der 1990er-Jahre erhielten Personen, die 10'000 auf einem Bankkonto hatten, noch bis zu 500 Franken Zinsen pro Jahr. Heute muss man sich im besten Fall mit ein paar Dutzend Franken begnügen, die oft durch die Kosten der Kontoführung wieder aufgebraucht werden. Es ist jedoch zu beachten, dass die Inflationsrate im Vergleich zu den 1990er Jahren ebenfalls auf ein sehr niedriges Niveau gesunken ist.

Pensionskassen: Bis vor einem Jahrzehnt konnten die Pensionskassen erhebliche Zinsen an ihre Versicherungsnehmenden zahlen, was massgeblich zur Erhöhung ihres Altersvermögens beitrug. Das ist heute nicht mehr der Fall. Die Kassen sehen sich gezwungen, zumindest einen Teil ihrer Gelder in sicheren Anlagen, wie z.B. Anleihen, zu deponieren. Dadurch erzielen Pensionskassen heute ein wesentlich geringeres Einkommen, das nur teilweise durch Investitionen in Aktien und Immobilien ausgeglichen werden kann.

Die Banken haben zudem begonnen, negative Zinssätze auf die von den Pensionskassen eingelegten Gelder zu erheben. Auch die Alters- und Invalidenversicherung (AHV) steht vor ähnlichen Problemen, wenn auch in geringerem Umfang.

Wie lange wird die Negativzins-Phase noch dauern?

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Die SNB sieht derzeit noch keine Alternative. Die Nationalbank sieht sich gezwungen, sich an die Geldpolitik der anderen Zentralbanken anzupassen, angefangen bei der europäischen EZB. Die Situation in der Eurozone ist nach wie vor recht fragil und unsicher. Letzten Herbst haben mehrere grosse Zentralbanken signalisiert, dass sie ihre Referenzzinssätze wahrscheinlich für einen längeren Zeitraum auf einem niedrigen Niveau belassen werden.

In den letzten Jahren musste die SNB in Bezug auf die negativen Zinssätze harte Kritik einstecken. Die Gewerkschaften verlangen von der Zentralbank, einen Teil der Mittel für AHV und Pensionskassen einzusetzen, die durch die Negativzins-Strategie bestraft würden.

SNB-Präsident Thomas Jordan erinnerte daran, die Aufgabe der Zentralbank bestehe nicht darin, Sozialpolitik zu betreiben, sondern das allgemeine Interesse des Landes zu verfolgen. Die Schweizer Wirtschaft konnte in den letzten Jahren im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern ein recht gutes Wachstum verzeichnen, während die Arbeitslosigkeit Ende 2019 auf 2,3% sank.


(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)

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