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Vor 50 Jahren Der geschmolzene Schweizer Kernreaktor Marke Eigenbau

Ein Team des Betriebspersonals betritt nach dem Reaktorunfall die Kaverne Lucens mit Strahlenschutz-Ausrüstung

Ein Team des Betriebspersonals betritt nach dem Reaktorunfall die Kaverne Lucens mit Strahlenschutz-Ausrüstung.

(Keystone)

Am 21. Januar 1969 ereignete sich in der Schweiz einer der schwersten Atomunfälle der Geschichte. Doch warum blieb der Reaktorunfall von Lucens ohne Folgen?

Lucens

Video: Als die Schweiz knapp einer Atomkatastrophe entging

SRF 10vor10 vom 21.1.2019: Als die Schweiz knapp einer Atomkatastrophe entging

Vor 50 Jahren lief aus einem Atomkraftwerk im waadtländischen Lucens strahlendes Wasser aus Sandfelsen, Männer mit Gasmasken und Kautschukanzügen rannten hektisch herum: Am 21. Januar 1969 brannten die Brennstäbe des ersten selber gebauten Schweizer Atom-Reaktors durch.

Die Dekontaminations-Arbeiten dauerten mehr als vier Jahre, 250 Fässer radioaktiv verstrahltes Material warteten auf ihre Entsorgung. Das Ereignis in Lucens rangiert weltweit unter den 20 gefährlichsten Unfällen der Kernenergie – auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) wird es mit einer 5 eingestuft, Fukushima und Tschernobyl waren eine 7.

Lucens blieb aber ohne grösseren Effekt. Auch für den Schlussbericht über die Havarie schien es keine politische Eile zu geben – er wurde erst ein stolzes Jahrzehnt später, 1979, veröffentlicht.

Die Presse berichtete zwar schon 1969 über die Katastrophe, doch die Weiterentwicklung der Kernenergie in der Schweiz wurde durch das Ereignis nicht in Frage gestellt: Wenige Monate später ging das erste kommerzielle Kernkraftwerk der Schweiz ans Netz – Beznau I. Warum fand der grösste atomare Zwischenfall in der Schweiz so wenig Resonanz?

Auf der Suche nach eidgenössischer Energie

Lucens stand für den Traum einer autarken Schweizer Atomenergie. Einerseits sah sich die Schweizer Maschinenindustrie Mitte der 1950er-Jahre bedroht: Die USA hatten die ersten Atom-U-Boote vom Stapel gelassen, und man befürchtete, die Lokomotiven und Frachtschiffe, die z.B. die Schweizer Firma Sulzer für den Weltmarkt herstellte, würden wohl bald auch mit Atomkraft laufen. 1961 wurde deswegen mit der finanziellen Unterstützung des Bundes die Nationale Gesellschaft zur Förderung der Atomtechnologie gegründet.

Eingangsgebäude zur Kaverne des Versuchsreaktors in Lucens, Kanton Waadt

Das Eingangsgebäude zur Kaverne des Versuchsreaktors in Lucens, Kanton Waadt.

(Keystone)

Mit der Entwicklung eines eigenen Reaktors sollte aber auch erreicht werden, dass die Schweiz im Kriegsfall bezüglich der Energie nicht technisch vom Ausland abhängig wäre. 1964 wurde das Modell von Lucens stolz an der Landesausstellung gezeigt, Schulklassen bewunderten den Fortschritt der Atomenergie "Made in Switzerland".

Ab 1968 produzierte der Versuchsreaktor auch Strom. Wie jedes patriotische Grosswerk in der Schweiz war dieser in den Fels gebaut worden – etwas, was sonst nirgendwo auf der Welt vorkam. Wohl aus guten Gründen: Nicht zuletzt führte der angeblich schützende Sandstein zu Problemen: Ständig floss Wasser ins Kraftwerk, und – weit problematischer – 1969, nach dem Durchbrennen der Brennstäbe, auch wieder hinaus.

Mit dem Unfall in Lucens hatte sich der Traum vom eidgenössischen Kraftwerk erledigt – der Kernenergie auf schweizerischem Boden konnte er allerdings nichts anhaben: Der Start der kommerziellen Kernenergie begann im September 1969 mit dem Kernkraftwerk in Beznau, das die Nordostschweiz Kraftwerke AG – die heutige Axpo AG – baute. Man startete mit einem in den in den USA gekauften Reaktor.

Zu früh für die Politik

Im Jahresbericht der "Schweizerischen Vereinigung für Atomenergie" äusserte man sich beruhigt darüber, dass beim Vorfall von Lucens niemand vom Personal "beschädigt" wurde – die Sicherheitsvorkehrungen hätten sich als wirksam bestätigt. Man stellte den Unfall in Lucens als Lehrstück dar.

Die Öffentlichkeit enervierte sich über die Kosten, die das Projekt verursacht hatte – als Sicherheitsrisiko wurde Lucens kaum skandalisiert. Warum geriet der grösste Atomkraftwerk-Unfall fast in Vergessenheit? Weil man nichts über die Gefahren der Atomkraft wusste?

Daran kann es nicht gelegen haben: "Man hat in der Schweiz wie in vielen anderen Ländern bereits ab Mitte der 1950er-Jahre über die Gefahr nuklearer Strahlung diskutiert", meint die Historikerin Sibylle Marti, die sich mit der Geschichte der Strahlenforschung beschäftigt. "Damals ging es um die Wasserstoffbomben-Tests im Pazifik, deren radioaktiver Fall-Out auch hier in der Schweiz gemessen werden konnte."

Kommandoraum des Versuchsreaktors

Im Kommandoraum des Versuchsreaktors.

(Keystone)

Doch ab 1963 konnten sich die Grossmächte des Kalten Kriegs darauf einigen, künftig keine oberirdischen Atombomben-Tests mehr durchzuführen, der Kalte Krieg befand sich in einer Tauwetterphase: Mitte der 1960er schlief die Diskussion um die Strahlung in der Schweiz ein. Denn die Diskussion um Strahlung fokussierte lange auf die militärische Verwendung der Atomkraft. Deren friedliche Verwendung zur Energiegewinnung und für die Energie blieb lange unproblematisiert – diente sie doch dem Wohl der Menschheit.

Doch Anfang der 1970er-Jahre zerbrach der Glaube in den Fortschritt innert kürzester Zeit. In Kaiseraugst, wo am Rhein oberhalb von Basel ein Atomkraftwerk gebaut werden sollte, stiess die Energiewirtschaft erstmals auf Widerstand. Die Schweizerische Anti-AKW-Bewegung formierte sich – die entscheidenden Treiber waren Sorgen um die Gewässer und Anliegen des Landschaftsschutzes.

Erst angesichts dieses Protestes kam die Diskussion der Gefährlichkeit der Strahlung wieder auf. Der Vorfall in Lucens spielte dabei kaum eine Rolle. Marti betont: "Es gab beim Unfall von Lucens noch keine politischen Akteure, welche die Gefahr hätten thematisieren können." Die Katastrophe im ersten und letzten rein schweizerischen Atomkraftwerk kam schlicht etwas zu früh.

Atomenergie-Abstimmungen in der Schweiz

Die Atomenergie beschäftigt die Schweiz seit den 1970er-Jahren – auch an der Urne.

1979 Die Volksinitiative "zur Wahrung der Volksrechte und der Sicherheit beim Bau und Betrieb von Atomanlagen" fordert Mitbestimmungsrechte der Bevölkerung beim Bau von Atomkraftwerken und scheitert mit 48,8% Ja-Stimmen knapp.

1984 Die Initiativen "für eine Zukunft ohne Kernkraftwerke" (45% Ja) und "Für eine sichere, sparsame und umweltgerechte Energieversorgung" werden abgelehnt (46% Ja).

1990 Die Initiative "für den Ausstieg aus der Atomenergie" wird abgelehnt (47,1%, Ja) – doch Tschernobyl zeigt Wirkung: Mit der Annahme der Initiative "Stopp dem Atomkraftwerkbau" (54,5% Ja) wird ein Moratorium ausgesprochen: Es dürfen für 10 Jahre keine neuen Atomkraftwerke gebaut werden.

2003 "Strom ohne Atom“ wird abgelehnt (33,7% Ja). Die Initiative forderte, die schweizerischen Atomkraftwerke bis 2033 abzuschalten. Auch die Forderung nach der Verlängerung des Atomkraftwerkbau-Moratoriums wird abgelehnt.

2016 wird die Atomausstiegs-Initiative, die forderte, dass Kernkraftwerke nach 45 Jahren Betriebszeit ausgeschaltet werden müssen, abgelehnt. (45,8% Ja). Drei von insgesamt fünf Kraftwerken hätten bereits ein Jahr später vom Netz genommen werden müssen.

2017: Die Wählerschaft akzeptiert das neue Energiegesetz (Energiestrategie 2050), das die schrittweise Stilllegung bestehender Kraftwerke vorsieht und den Bau neuer Anlagen verbietet.

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