Abstimmung: Für oder gegen die Papi-Zeit?

"Staat betrachtet Väter nicht als legitime Betreuungspersonen"

© Keystone / Gaetan Bally

Das Schweizer Stimmvolk befindet am 27. September über die Einführung eines zweiwöchigen Vaterschaftsurlaubs. Jahrzehnte später als praktisch alle anderen westlichen Länder. Die Soziologin Isabel Valarino versucht zu erklären, wieso die Schweiz in diesem Bereich hinterherhinkt.

Dieser Inhalt wurde am 04. August 2020 - 13:00 publiziert

Die Schweiz unterscheidet sich von den meisten anderen westlichen Staaten dadurch, dass sie bisher keinen rechtlich festgelegten Eltern- und Vaterschaftsurlaub hat. In Europa haben alle anderen Länder das eine oder das andere oder auch beide eingeführt. Schweden, einer der Pionierstaaten, führte schon 1974 einen bezahlten Elternurlaub ein.

Und die Europäische Union (EU) hat seit 1996 in diesem Bereich zunehmend verbindlichere Richtlinien erlassen. Ab 2022 müssen die EU-Mitgliedstaaten mindestens zehn Tage bezahlten Vaterschaftsurlaub und vier Monate bezahlten Elternurlaub für jeden Elternteil einführen, von denen zwei Monate nicht auf den andern Elternteil übertragbar sind.

Isabel Valarino arbeitet bei der Forschungsstelle Bildung des Kantons Genf und ist spezialisiert auf Fragen von Vaterschafts- und Elternurlaub.

swissinfo.ch: Wie lässt sich erklären, dass die Schweiz eines der wenigen westlichen Länder ohne Vaterschaftsurlaub ist?

Isabel Valarino: Der Rückstand der Schweiz bei der Einführung von Eltern- und Vaterschaftsurlaub hängt mit der späten Einführung der Mutterschaftsversicherung zusammen. Es hatte 50 Jahre gedauert von der Verankerung dieses Prinzips in der Verfassung bis zur Umsetzung eines Gesetzes im Jahr 2005.

Die Einführung des Mutterschaftsurlaubs hatte daher oberste Priorität, bevor die Einbeziehung der Väter überhaupt in Betracht gezogen wurde. Es gab zwar auch verschiedentlich Vorschläge für Elternurlaub, diese wurden jedoch regelmässig vom Tisch gefegt, und so konzentrierte sich die Debatte letztlich nach allen Misserfolgen auf eine wirklich minimale Mutterschaftsversicherung, die auf Konsens stossen würde.

Isabel Valarino arbeitet zurzeit bei der Forschungsstelle Bildung der Erziehungsdirektion des Kantons Genf. Als Soziologin ist sie auf Fragen des Elternurlaubs und der Familienpolitik spezialisiert. Das Thema ihrer Doktorarbeit war die Entwicklung des Eltern- und Vaterschaftsurlaubs in der Schweiz. Isabel Valarino

Aber auch der späte Einzug der Frauen in die Politik spielte eine Rolle, ebenso wie die halbdirekte Demokratie und der Bundesstaat. Viele Themen kommen in der Schweiz nur sehr langsam voran, weil es für die Verabschiedung eines neuen Gesetzes einen starken Konsens braucht. So wurden im Parlament zwar etliche Vorschläge für Vaterschafts- und Elternurlaub eingebracht, die jedoch jedes Mal abgelehnt wurden.

Lange Zeit waren die Kräfte der Rechten und des Mitte-Rechts-Lagers der Ansicht, es reiche aus, wenn der Vaterschaftsurlaub im Rahmen der Sozialpartnerschaft, d.h. durch Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, geregelt werde. Zudem ist die Schweiz geprägt von einer Ideologie der Eigenverantwortung, und damit einhergehend einer prinzipiellen Zurückhaltung beim Ausbau des Sozialstaats.

Hat die Schweiz noch immer ein sehr traditionelles Familienbild?

Ja, das ist immer noch tief verwurzelt, auch wenn dieses Bild heute teilweise überlagert wird von egalitäreren Darstellungen. Was sich geändert hat, ist, dass die bezahlte Arbeit von Frauen nicht mehr in Frage gestellt wird, sie müssen aber weiter in der Lage sein, sich um Kinder und Familie zu kümmern.

Deshalb ist die Teilzeitarbeit in der Schweiz so wichtig: Die Aufteilung mit einem Mann, der Vollzeit arbeitet und einer Frau, die Teilzeit arbeitet, ist in der Schweiz vom ersten Kind an das gängigste Beschäftigungsmodell.

Die Rollenverteilung in den Haushalten ist nach wie vor geschlechtsspezifisch, wozu auch der fehlende Vaterschaftsurlaub beiträgt. Einerseits betrachtet der Staat durch seine gegenwärtige Politik Väter nicht als legitime Betreuungspersonen. Andererseits haben Väter in der Praxis nicht die Möglichkeit, sich in ihrer Rolle in gleicher Art und Weise wie Mütter einzubringen.

Als ob Vaterschaft vom Staat nicht anerkannt würde?

Ja. Sie wird als eine Option betrachtet, und ihre Rolle ist irgendwie unscharf. Der Staat sieht es als individuelle Entscheidung, für die der Vater Ferientage nutzen kann. Sozialpolitik hat einen Einfluss auf die Darstellung von Individuen und von sozialen Normen und sagt zwischen den Zeilen aus, was als "gerechte" Gesellschaft und "normale" Familie betrachtet wird.

"Väter haben in der Praxis nicht die Möglichkeit, sich in ihrer Rolle in gleicher Art und Weise wie Mütter einzubringen."

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Gibt es keine Regelung für den Vater, dann billigt der Staat, dass es eine individuelle Entscheidung ist, ob ein Vater bei der Geburt anwesend ist oder nicht. Dass nicht jeder die gleichen finanziellen Möglichkeiten hat oder den gleichen Einfluss auf seinen Arbeitgeber, um z.B. unbezahlten Elternurlaub zu nehmen, wo es diesen gibt, wird nicht berücksichtigt.

Man überlässt dem Arbeitnehmer die Verantwortung, selber zu verhandeln, wohl wissend, dass solche Urlaube in unserer Gesellschaft noch immer wenig geschätzt werden und vom Arbeitgeber manchmal nur ungern akzeptiert werden.

Sie folgten Vätern, die für die Stadt Lausanne arbeiten und Vaterschaftsurlaub nehmen konnten. Was haben Sie beobachtet?

Die Väter nahmen den Urlaub auf verschiedene Weise, manchmal als Block bei der Geburt, manchmal verteilt auf ein oder zwei Tage pro Woche. Mir fiel auf, dass sie oft ihr Arbeitspensum und die Meinung ihres Arbeitgebers berücksichtigten. Ist eine Massnahme nicht Teil eines strikten rechtlichen Rahmens, gibt es eher diese Vorstellung, dass man zu den Glücklichen gehört und irgendwie Rechenschaft ablegen muss. Die Beschäftigten wussten nicht wirklich, ob es sich bei dem Urlaub um ein Recht handelte oder ob er wie Ferien vom Vorgesetzten abgesegnet werden musste.

Bei der Mehrheit der Paare, die ich traf, war die Organisation auf lange Sicht betrachtet geschlechtsspezifisch: Es waren die Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzierten, um sich um die Kinder zu kümmern. Mir fiel auf, dass jene Väter, die entschieden hatten, ihren Vaterschaftsurlaub nicht als Block zu nutzen, sondern um Teilzeit zu arbeiten, öfter allein mit dem Kind waren, wodurch ihre Rolle wichtiger und autonomer wurde. Diese wenigen Väter entschieden sich daraufhin auch, langfristig auf Teilzeitarbeit umzusteigen, was für das Paar eine egalitärere Aufteilung der Erwerbsarbeit nach sich zog.

Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub direkt nach der Geburt sind also nicht genug?

Wir befinden uns damit genau an der Schwelle, ab der ein Einfluss auf die Beteiligung der Väter an den familiären Aufgaben beobachtet werden kann. Die Auswirkungen sind bedeutender, wenn der Urlaub länger dauert und nach der Rückkehr der Mutter in den Beruf genommen wird.

"Entscheidend für die Gleichstellung der Geschlechter sind die Dauer des Urlaubs sowie die Tatsache, dass der Vater mit dem Kind allein Zeit verbringt."

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Elternurlaub und Vaterschaftsurlaub ergänzen sich meiner Meinung nach. Für die Zeit um die Geburt herum geht es vor allem um die Unterstützung der Mutter, um Hausarbeit und darum, sich mit der Vaterrolle vertraut zu machen.

Entscheidend für die Gleichstellung der Geschlechter sind die Dauer des Urlaubs sowie die Tatsache, dass der Vater mit dem Kind allein Zeit verbringt. Viele Länder haben dieses Modell des Vaterschaftsurlaubs bei der Geburt und des Elternurlaubs nach dem Mutterschaftsurlaub, bei dem jeder Elternteil Anspruch auf eine bestimmte minimale Anzahl von Tagen hat.

Das heisst also, dass ein minimaler Anteil des Elternurlaubs individuell für den Vater festgelegt werden sollte?

Ja, die Forschung zeigt, dass die überwiegende Mehrheit auf ein traditionelleres Modell zurückgreift, wenn der Elternurlaub übertragbar ist: Die Mutter wird einen langen Urlaub nehmen, der Vater fast nichts. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Ist der Urlaub fakultativ geregelt, hat der Vater vielleicht Angst, er könnte das Bild eines weniger motivierten Mitarbeiters vermitteln.

Damit Väter Urlaub nehmen, muss es sich um ein individuelles, nicht übertragbares und gut bezahltes Recht handeln. Im Wissen, dass es oft die Männer sind, die Vollzeit arbeiten und höhere Löhne haben, stellen Paare eine Berechnung an, wenn es darum geht, den Elternurlaub aufzuteilen, und schliesslich ist es die Mutter, die ihn in Anspruch nimmt.

Sind Sie der Meinung, dass der fehlende Vaterschaftsurlaub in der Schweiz einer besseren Gleichstellung von Mann und Frau sowohl am Arbeitsplatz als auch bei der Hausarbeit im Weg steht?

Der Vaterschaftsurlaub kann zu mehr Gleichstellung beitragen, allein kann er jedoch nicht alles lösen. Er muss Teil einer integrierten und harmonischen Familienpolitik und einer Gesellschaft sein, welche die Beteiligung von jeder und jedem sowohl in der Familie als auch am Arbeitsplatz akzeptiert und schätzt. Die zwei Wochen, über die nun abgestimmt wird, können dazu beitragen, Veränderungen einzuleiten, Dinge anders zu regeln, indem man dieses Recht im Gesetz verankert.

Aber es ist ein langfristiges Problem, und für die Zukunft braucht es weitere Lösungen, wie zum Beispiel Krippenplätze. Die Ankunft des ersten Kinds ist sehr oft der Schlüsselmoment, in dem bei einem Paar Ungleichheit entsteht. Werden mehr Massnahmen ergriffen, die es dem Vater ermöglichen, präsent zu sein und diese Rolle zu übernehmen, kann eine andere Beziehung zum Kind aufgebaut werden. Und diese Erfahrung kann langfristig zu mehr Gleichstellung führen.

(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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