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"Zuwanderer sind Teil des Schweizer Erfolgs"

Marine Lachaud neben einem "Tornado" im Technorama Winterthur. Mattia Lento

Wegen der Personenfreizügigkeit war es für Marine Lachaud einfach, sich mit ihrer Familie in der Schweiz niederzulassen. Für die Französin ist die Begrenzungs-Initiative der SVP ein Angriff auf die Rechte von Ausländern mit EU-Pass – und eine Gefahr für die Schweiz.

Dieser Inhalt wurde am 26. August 2020 - 13:24 publiziert
Mattia Lento, Winterthur

Marine Lachaud empfängt uns in der Lobby des Technorama in Winterthur. Gleich daneben schauen ein Dutzend Kinder und Erwachsenen gebannt auf etwas, das an eine Technikschau aus der Barockzeit erinnert. Es ist eine Ausstellung, in der mit Maschinen und Instrumenten aus dem hauseigenenen Technorama-Labor Blitze und Elektroschocks nachgestellt werden. Das Technorama ist nicht ein klassisches Wissenschaftsmuseum, sondern ein so genanntes Science Center. Hier werden Naturphänomene nicht erklärt, sondern in spielerischer, oft spektakulärer Form vermittelt.

Von der Museumsführerin zur Abteilungsleiterin

Was hier bestaunt wird, das ist auch Marine Lachauds Werk. Sie koordiniert die Führungen, das Programm der Ausstellungen, die Aktivitäten für Besucher sowie diverse Projekte der Institution. Ihre Karriere verlief facettenreich, die Begegnung mit dem Technorama war fast zufällig: "Ich habe eine Ausbildung in IT gemacht und bin jahrelang in diesem Bereich geblieben. Während meines Studiums habe ich jedoch als Ausstellungsführerin in der Cité des sciences et de l'industrie in Paris gearbeitet, und diese Erfahrung hat mir geholfen, hier eine Stelle zu finden."

Ein Besuch im Technorama mit ihrer Familie, ihr Werdegang und das gute Zureden ihres Mannes überzeugten sie, sich hier zu bewerben. Sie begann als Führerin, in wenigen Jahren wurde sie Managerin eines Teams: "Aber ich gebe den Kontakt zur Öffentlichkeit nicht auf. Ich mache immer noch Führungen auf Französisch, wenn nötig auf Deutsch und Englisch."  

Familien-Nomadentum

Marine Lachaud hatte keine Stellenprobleme in Frankreich, als sie beschloss, auszuwandern. "Mein Mann und ich hatten die Pariser Umweltverschmutzung und den Stress in der Metropole satt. Wir wollten neue Welten kennen lernen, unsere Kinder Fremdsprachen lernen lassen. So sind wir 2001 in die Vereinigten Staaten aufgebrochen." Die Erfahrung in Nordamerika war geprägt vom Anschlag auf die Zwillingstürme und der darauffolgenden Wirtschaftskrise, die die Familie zur Rückkehr nach Europa zwang, nach Deutschland. Nach Jahren in Frankfurt erhielt Marines Gatte schliesslich ein Angebot aus der Schweiz, und so brach die Familie 2006 wieder zu einem neuen Abenteuer auf.

Marine Lachaud ist glücklich mit ihrer Arbeit im Technorama, und das nicht nur, weil sie ihre Arbeit liebt. Sie sagt: "Ich schätze die Schweizer Arbeitskultur, die Pünktlichkeit, die Beständigkeit und den starken Respekt vor jeder Person sehr. Diese Art von Arbeit und Umgang passt perfekt zu meiner Persönlichkeit." So gesehen fühle sie sich in der Schweiz perfekt integriert. Sie liebe  auch die Berge. Sie ist Mitglied des Schweizerischen Alpen-Clubs SAC.

Eine Schweiz ohne Ausländer?

Klar äussert sie sich zur Begrenzungsinitiative: "Als Ausländerin bin ich davon direkt betroffen, und es ist nicht das erste Mal, dass dies seit meiner Ankunft hier geschieht."

Die SVP stelle die Rechte von Menschen mit europäischen Pässen in Frag, sagt sie. "Es ist, als ob die SVP den Beitrag, den Ausländer nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht für dieses Land leisten, nicht anerkennen will." Dabei sei eine Schweiz ohne Ausländer undenkbar. Marine Lachaud ist überzeugt:  "Die Schweizer Gesellschaft ist durch Ausländern bereichert worden, und Menschen ohne Pass oder mit Migrationshintergrund sind seit Jahrzehnten Teil des Erfolgs der Schweiz."

Marine ist nicht die einzige Arbeitskraft mit fremdem Pass im Technorama: "In unserem Wissenschaftszentrum arbeiten auch andere Ausländerinnen und Ausländer. Der Leiter unserer Institution zum Beispiel ist Deutscher." Für die Ausländer, die sie hier kenne, sei es wichtig, auch Schweizerdeutsch zu verstehen. Sitzungen werden in Dialekt abgehalten. "Als ich eingestellt wurde, habe ich mich zu Schweizerdeutsch-Kursen angemeldet."

Die Mehrheit der Mitarbeitenden ist Schweizerinnen und Schweizer, doch das Technorama ist nach wie vor eine internationale Institution: "Wir haben viele ausländische Besucherinnen und Besucher, und unser Wissenschaftszentrum arbeitet auch mit anderen Institutionen auf europäischer und internationaler Ebene zusammen."

Dieser Artikel beleuchtet einseitig die Vorteile der Personenfreizügigkeit. swissinfo.ch legt Wert auf eine ausgewogene Berichterstattung. Ein Beitrag, der auch Nachteile der Personenfreizügigkeit aufzeigt, folgt in unserer Berichterstattung zur Begrenzungsinitiative.

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