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Der Preis des Atom-Ausstiegs

Noch sind die Kosten des Ausstiegs aus der Atomenergie nur grob bekannt. Die Gewinne ebenfalls.

(Ex-press)

Der Verzicht auf die Atomenergie hat wirtschaftliche Folgen. Die Strompreise werden wohl steigen. Doch wird es auch zu positiven Effekten kommen. Um klarer zu sehen, braucht es präzisere Vorhersagen.

Der Verzicht auf eine Ausbeute der Nuklearenergie werde "seinen Preis haben", unterstrich Energieministerin Doris Leuthard Mitte Woche.

Sicher, aber wie hoch wird er sein? Vor allem Wirtschaftsvertreter fürchten, er werde zu hoch sein. Andere glauben, er halte sich im Rahmen des Erträglichen.  

Die beste Antwort lautet wohl, dass es zu früh sei, um Aussagen zu machen. Als der Bundesrat Mitte Woche entschied, aus der Atomenergie auszusteigen, wurden auch Zahlen bekannt. "Die wirtschaftlichen Kosten der Transformation und des Baus neuer Kraftwerktypen sowie die Massnahmen, um die Nachfrage abzuschwächen, belaufen sich nach ersten Schätzungen auf 0,4 bis 0,7% des Bruttoinlandprodukts." In Franken und Rappen ausgedrückt, heisst dies jährlich zwischen 2,2 und 3,8 Milliarden Franken.

Eine grobe Schätzung

Mehr als in den Zahlen liegt die Betonung in der offiziellen Meldung des Bundesrats im "summarischen" Charakter. In seinem Bericht präzisiert das Bundesamt für Energie (BFE), dass wegen der kurzen Frist keine detaillierten Schätzmodelle zur Verfügung standen, um den wirtschaftlichen Einfluss der verschiedenen analysierten Varianten vorauszusagen. 

Der Unbekannten sind deshalb noch viele. Zum Beispiel seien "die künftigen Entwicklungen im Bereich erneuerbare Energien schwierig einzuschätzen", so das BFE. Auch die Fragen rund um die Transportnetze für alle drei Varianten konnten nur sehr "grob" kalkuliert werden.

"Die Experten des Bundesamts haben zuerst einige technologischen Szenarien identifiziert, die auf erneuerbaren Energien und auf einer besseren Effizienz des Stromverbrauchs aufbauen, womit sich Atomenergie ersetzen liesse", sagt Massimo Filippini, Ökonomieprofessor an der ETH Zürich und der Universität der Südschweiz.

"Als Folge wurden für jedes Szenario, inklusive jenem, dass ein Weitermachen mit AKW vorsieht, eine Investitionsanalyse und die relativen Gesamtkosten der Produktion gerechnet." Für die Berechnung der Gesamtkosten hätten die Studienautoren folgende Hypothesen gemacht: Anfangs-Investitionen, wahrscheinliche Entwicklung der Brennstoff-Preise, Kapitalkosten, Kosten der Massnahmen für die Effizienzsteigerung, usw.

Es handle sich um eine Erstrechnung, die bald durch eine tiefer gehende Studie ersetzt werde.

Hundert Franken teurer für den Konsumenten

Gemäss den BFE-Berechnungen dürfte der Kilowattpreis nach 2025 zu steigen beginnen. "Die Zunahme dürfte bis 2050 zwischen 3 und 5 Rappen betragen. Dies würde den Preis auf 17,8 Rappen bringen, gegenüber heute eine Erhöhung von 17 bis 20%." Auf einen Haushalt umgerechnet, bedeute dies jährlich rund 100 Franken mehr.

Die Verteuerung des Stroms wird die Unternehmen aber stärker als die Privathaushalte treffen. Die Wirtschaft verbraucht 60% der Gesamtproduktion. Am meisten betroffen sein dürften energieintensive Produktionsbetriebe wie jene in der Metall- und Papierindustrie.

Laut Energieministerin Leuthard wird der Effekt auf die Schweizer Wirtschaft jedoch relativiert durch den Umstand, dass die Strompreise in ganz Europa steigen werden. Dies würde den Einwand der ungleichen Spiesse entkräften.  

"Zur Zeit bleiben die Strompreise aus Atomenergie unterschätzt, weil nicht alle Kosten darin enthalten sind", sagt Filippini und spricht das Externalitätenproblem an: Versicherungs- oder Schadenersatzkosten, die sich aus einem Atomunfall ergäben, sind auf eine Milliarde Franken beschränkt.

"Diese Summe wird von vielen als zu klein erachtet". Bei einem grösseren Unfall fiele die Rechnung sicher höher aus, und der Staat müsste mit öffentlichen Mitteln einspringen. Filippini vergleicht die Situation mit einem Produzent von Feuerwerken, der diese unter dem Preis verkaufen könnte, weil er sich die Versicherungsprämien eingespart hat.

Auch positive Folgen

Wirtschaftlich gesehen hätte die neue Energiepolitik, wie sie der Bundesrat vorgezeichnet hat, nicht nur negative Folgen. "Effizienzsteigerung, neue Technologie und neue Produkte könnten sich als eine Lokomotive für künftige Wertschöpfung herausstellen", so der Bundesrat. Dies würde vor allem den mittelständischen und KMU-Sektoren zu Gute kommen. Zur Zeit lasse sich dieser Effekt aber kaum quantifizieren, sagt das Bundesamt. 

Dieselbe Frage beschäftigt auch die Eidgenössische Technische Hochschule ETH in Zürich, die Modelle konstruiert, die "nicht nur die statischen, sondern auch die dynamischen Effekte bewerten, die sich aus neuen Investitionen in erneuerbare Energie und effizienterer Ausnützung ergeben". 

Eigentlich sei dies der interessante Aspekt des bundesrätlichen Entscheids von letzten Mittwoch, sagt Filippini: "Eine neue Energiepolitik hat strukturelle Folgen für die Wirtschaft, zum Beispiel in Form von Arbeitsplätzen und Wachstum, welche heute gar noch nicht quantifizierbar sind." 

Tendenz umdrehen

Falls die Energiepolitik nicht ändert, dürfte der Stromverbrauch bis ins Jahr 2050 weiter wachsen, trotz Gebrauch von immer energieeffizienteren Anwendungen und Apparaten, sagt das Bundesamt für Energie (BFE).

Dieses Wachstum wäre auf die Zunahme der Bevölkerung und die Anzahl Apparate oder Fahrzeuge zurückzuführen.

Die Produktion würde somit von 2010 fast 60 Milliarden kWh auf 90 Mrd. im Jahr 2050 steigen.

Die vom Bundesrat am Mittwoch vorgeschlagene Energiepolitik möchte diese Tendenz umkehren. Sie basiert auf Effizienzsteigerung und erneuerbaren Energien.

Mit der neuen Strategie dürfte "die Stromnachfrage für einige Jahre noch leicht zunehmen, um dann bis 2050 wieder auf rund 54,4 Mrd. Kilowattstunden zu fallen".  

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Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle, swissinfo.ch


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