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"Future Cities": Was die Schweiz von Singapur lernen kann

Benoit Decout / laif

Die ETH Zürich forscht in Singapur über Städte der Zukunft. Können begrünte Häuserfassaden Klimaanlagen ersetzen? Wie soll angesichts des Klimawandels gebaut werden? Wir haben den Direktor des Forschungsinstituts gefragt, was die Schweiz vom tropischen Singapur lernen kann.

Dieser Inhalt wurde am 16. Juli 2020 - 09:00 publiziert

Future Cities Laboratory

2010 gründete die ETH zusammen mit der National Research Foundation in Singapur das Future Cities Laboratory als erstes Programm des Singapore-ETH Centre for Global Environmental Sustainability (SEC).

Das Laboratory forscht unter anderem über die Stadt der Zukunft, Resilienz oder darüber, wie man Städte kühlen kann. Es wird zu 90% vom Staat Singapur finanziert.

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swissinfo.ch: Was kann die Schweiz von Singapur lernen, und umgekehrt?

Gerhard Schmitt: Singapur hat es fertiggebracht, vielen verschiedenen Kulturen und Religionen auf engstem Platz ein sicheres und friedliches Miteinander zu schaffen.  Für eine kleine Insel von der Grösse des Genfersees mit fünfeinhalb Millionen Einwohnern, dem zweitgrössten Hafen der Welt und einem Flughafen für 70 Millionen Passagiere ist dies eine grosse Leistung.

Umgekehrt ist die direkte Demokratie der Schweiz, ihre sprachliche Vielfalt und breit abgestützte Regierung, ihre Innovationskraft und ihre grosse Wettbewerbskraft, vor allem aber ihr Bildungssystem etwas, was sich Singapur stets als Vorbild nimmt.

Ganz konkret: Was kann die Schweiz von Singapur im Hinblick auf Hochhäuser, Klimaanlagen und Verdichtung lernen?

Sehr viel. Singapur hat eine eigene Hochhauskultur geschaffen, die weltweit einzigartig ist. Die Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen und Kulturen spiegelt sich in der Bewohnerschaft der Hochhäuser.

Vom Einsatz der Klimaanlagen in einfach verglasten und ungedämmten Siedlungen und Bürobauten sollten wir lieber nicht lernen. Doch bei der Verdichtung mit gleichzeitiger Integration und wachsender Lebensqualität setzt Singapur Massstäbe.

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Schon lange fällt Touristen auf, wie grün Singapur ist. Welche Erfahrungen hat man mit der Begrünung hinsichtlich Luft- und Lebensqualität gemacht?

Singapur ist eine Stadt im Garten. Schon der Gründer Lee Kuan Yew begründete diese Strategie, die stets fortgesetzt wird. Sie verbessert die Luftqualität und vor allem die Lebensqualität.

So sah Singapur 1942 aus. Keystone / Frank Noel

Trotz der extrem hohen Dichte von mehr als 7000 Menschen pro Quadratkilometer gibt es überall Flächen zum Entspannen und schattenspendende Bäume, was in einem Klima mit mehr als 28°C Durchschnittstemperatur und mehr als 90% Luftfeuchtigkeit absolut notwendig ist.

Sollten wir also nur noch begrünte Häuser bauen?

Sicher wird Begrünung der Fassaden immer wichtiger, im tropisch heissen und feuchten Klima Singapurs ist dies einfacher und auch notwendiger als in unseren Breitengraden. Doch auch in Europa und besonders in der Schweiz kann und muss sich eine Kultur der Fassadenbegrünung entwickeln, da sie gegenüber den bestehenden Lösungen viele Vorteile bietet.

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Die Stadt Zürich hat wegen des Klimawandels Handlungsansätze zur Hitzeminderung entwickelt. Was halten Sie davon?

Ich finde diese super, denn sie sind in basisdemokratischer Vorgehensweise entstanden und gute Beispiele für eine Responsive City (Einbezug der Bevölkerung in die Stadtplanung, A.d.R).

Was wir von Singapur mitbringen können, ist die starke Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Massnahmen. In Singapur stehen die Massnahmen am Ende einer langen Kette von Ideen, Simulationen, Vergleichen, wissenschaftlichen Grundüberlegungen, Zukunftsvisionen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten.

Insofern ist man in der Schweiz oft mutiger, direkt etwas auszuprobieren, obwohl es noch keine Grundlagenforschung dazu vorher gegeben hat. Und trotzdem kann das Ergebnis besser sein. Durch analoge Massnahmen, die eine lange Geschichte in der Stadt haben, ist Zürich zu der lebenswerten und hochqualitativen Metropole geworden, die sie heute ist.

Supertress in den Gardens by the Bay. Thomas Linkel / laif
Aussicht vom Singapur Flyer, dem Riesenrad, auf die Gardens by the Bay. Daniela Schwebke / Oneworld Picture
Innerhalb eines Glasdomes wächst ein angesetzter Regenwald, mit dem höchsten, 35m hohen, künstlichen Wasserfall der Welt. Thomas Linkel / laif
Begrünte Fassade in Singapur. Pavel Sipachev
Tiong Bahru, ein Stadtviertel der in den 1930er Jahren entstanden ist. Thomas Linkel/laif

Wie werden wir in Zukunft – auch im Hinblick auf den Klimawandel – bauen und Städte planen?

Vernünftigerweise werden wir wesentlich leichter bauen und flexiblere Bau-Schritte planen. Wir werden die Funktionen der Stadt und der einzelnen Gebäude stärker koordinieren und durchmischen müssen, um unnötige Pendlerströme zu vermeiden.

Die Gebäude selbst werden den Baustoff Holz wesentlich häufiger nutzen, sowohl innen wie auch aussen und damit extrem viel CO2-Emissionen vermeiden. Vor allem die Simulation der Städte, die die Konsequenzen von Planungsentscheiden vor ihrer Umsetzung zeigen, wird an Bedeutung gewinnen.

Wie unterscheidet sich die Stadtplanung in der Schweiz, die keine Metropolen hat, von anderen Ländern?

Die Stadtplanung der Schweiz ist basisdemokratischer und passiert oft in kleinen Schritten, dafür aber ist sie nachhaltiger und dauerhafter als in anderen Ländern.

Wie unterschiedlich entwickeln sich Städte in verschiedenen Weltregionen, und wo steht die Schweiz im Vergleich?

Schweizer Städte wachsen im weltweiten Vergleich langsam aber stetig, mit wenigen Ausnahmen. Städte im Osten Europas und in Amerika schrumpfen in einigen Gegenden, in anderen gibt es schnell wachsende Konzentrationen, wie im Rhein-Main Gebiet.

Dies ist aber kein Vergleich zu der Entwicklung in Asien und besonders in Afrika, wo inzwischen mehr als 80% der weltweiten Stadtentwicklung stattfindet. In wenigen Jahren wird dort auch der überwältigende Teil der Weltbevölkerung leben: In den nächsten 25 Jahren werden zwei Milliarden Menschen mehr in den bestehenden und neuen Städten leben.

Staatlich subventionierter Wohnraum in Singapur. Alberto Bernasconi / laif

Welche Fehler wurden bisher bei der Stadtplanung gemacht?

In den tropischen und subtropischen Breitengraden haben wir zu viele Muster aus den kühleren Klimazonen übernommen und gebaut. Es fehlte das Verständnis für den grundlegend anderen Metabolismus einer tropischen Stadt gegenüber einer europäischen Stadt. Dies führte zu überhöhtem Energieverbrauch, Luftverschmutzung und riesigen Verkehrsproblemen.

Es ist also für jede Stadt notwendig, die lokalen Bedingungen zu verstehen, in Simulationsprogrammen zu verarbeiten und damit die grössten Probleme zu vermeiden, bevor die Stadt gebaut wird und nachträglich verbessert werden muss, was fast nie funktioniert.

Das Interview wurde schriftlich geführt.


Serie Raumplanung

In einer Serie gehen wir aktuellen raumplanerischen Fragen in der Schweiz nach, hier die anderen Beiträge: 

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