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Georg Stucky – er war der "Vater des Auslandschweizer-Stimmrechts"

Georg Stucky auf einer Aufnahme von 2006, als er Präsident des Auslandschweizerrats war. Keystone / Yoshiko Kusano

Wenigen verdankt die weltweite Auslandschweizer-Community mehr als ihm: Georg Stucky, Präsident der Auslandschweizer-Organisation von 1998 bis 2007. Ende August ist er kurz vor seinem 90. Geburtstag verstorben. Eine Würdigung.

Dieser Inhalt wurde am 17. September 2020 - 15:00 publiziert
Rudolf Wyder

Ihm steht der Ehrentitel "Vater des Auslandschweizer-Stimmrechts" zu, denn dem Zuger Regierungs- und Nationalrat Georg Stucky ist es zu verdanken, dass Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer 1992 das briefliche Stimm- und Wahlrecht auf Bundesebene erhielten. Politische Mitsprache stand seit Jahrzehnten auf der Wunschliste der Interessenorganisation der Auslandschweizer.

Doch immer wieder wurde das Anliegen auf die lange Bank geschoben. Das drohte erneut 1986, als der Bundesrat angesichts dissonanter Vernehmlassungsantworten drauf und dran war, das Vorhaben zu schubladisieren. Die Vertretung der Auslandschweizer begehrte dagegen auf. Aber es war der ehemalige Auslandschweizer Stucky, der quasi im Alleingang die Deblockierung per Motion erwirkte.

Der Autor Rudolf Wyder leitete die ASO von 1987 bis 2013. Courtesy of ASO

1992 wählte die Auslandschweizer-Organisation (ASO) Stucky zu ihrem Vizepräsidenten, sechs Jahre später zum Präsidenten. Das knappe Jahrzehnt seiner Präsidentschaft wurde zu einer der produktiven Perioden, was die Ausgestaltung der Beziehungen der Schweiz zu ihrer Diaspora und die Rechtsstellung der Auslandschweizer anbelangt.

Die Kommunikation mit der "Fünften Schweiz" wurde, vor allem über Internet, mächtig ausgebaut. Die Zahl der registrierten Stimmberechtigten im Ausland wurde von 14'000 auf 120'000 gebracht. Seit 1999 ist E-Voting strategisches Ziel.

Ein Mann ohne Schnörkel

Erfolgreich wehrte sich die ASO dagegen, dass die Auslandschweizer ganz von der schweizerischen Sozialversicherung abgekoppelt wurden. Erfolgreich war auch der Einsatz für die Schweizerschulen im Ausland und für Swissinfo, den internationalen Dienst der SRG. Die Auslandschweizer engagierten sich für den UNO-Beitritt, die Personenfreizügigkeit, Schengen/Dublin. Für die notleidenden Argentinien-Schweizer wurde eine Hilfsaktion auf die Beine gestellt. In der Bundesversammlung nimmt sich seit 2004 eine Parlamentarische Gruppe "Auslandschweizer" der Belange der immer mobileren Landeskinder an.

Georg Stucky hat an all dem entscheidenden Anteil. Ich habe ihn kennengelernt als Mann der Tat, Pragmagiker, Mann ohne Schnörkel und Allüren: ein unbestechlicher Jurist, die personifizierte Sachlichkeit und Präzision. Einer von wenigen, der sich im Dickicht der Sozialversicherungsgesetzgebung zurechtfand und Behördenvertretern in den peniblen Diskussionen um eine Aufhebung der Versicherungsmöglichkeit für Auslandschweizer die Stange halten konnte … und im entscheidenden Moment mit einer konkreten und mehrheitsfähigen Lösung aufzuwarten wusste.

Er war ein Bergsteiger: nicht nur hat er das Matterhorn und etliche andere Viertausender bestiegen, die Charakteristika des Bergsteigers prägten ihn auch als Politiker. Er kannte sein Ziel, plante den Weg, beobachtete die Wetterlage, versicherte sich seiner Seilschaft, setzte bedacht Schritt vor Schritt. Erfolgreiche Bergsteiger sind Strategen.

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Ein effizienter "Chef d'orchestre"

Ein Dirigent nicht zuletzt: unvergesslich, wie er lustvoll am Pult des Kammerorchesters stand, das dem Musikliebhaber anlässlich einer Geburtstagsfeier anvertraut wurde. Dirigiert hat er auch die heterogene globale ASO. Nicht als Pult-Tyrann, sondern als ein mit natürlicher Autorität ausgestatteter Taktgeber, Inspirator und Koordinator, der seine Partitur und sein Orchester kennt, ein feines Ohr für Misstöne hat, die Balance zwischen den Registern herzustellen weiss, mit leichter Hand und feinem Humor für harmonisches Zusammenwirken sorgt. Der effizienteste Leader ist ein "Chef d’orchestre".

Die Motivation und die Erfahrung für sein erfolgreiches Engagement für die schweizerische Diaspora bezog Stucky aus eigener mehrjähriger Auslanderfahrung. Dass die Auslandschweizer Teil der Nation sind, brauchte ihm niemand zu sagen. Politische Partizipation gehörte für ihn zum Bürgerrecht, für Inland- wie für Auslandschweizer.

Das "empowerment" der Auslandschweizer sollte gewährleisten, dass die spezifischen Interessen der immer zahlreicheren mobilen Schweizer nicht vergessen gehen. Als nicht minder wichtig erschein es Stucky, dass die Schweiz von der internationalen Erfahrung ihrer Landsleute Gebrauch macht. Er war geprägt von der Erfahrung der internationalen Interdependenz. Er sah in den Auslandschweizern eine wichtige Ressource des Landes.

Dialog mit der Schweizer Diaspora

Die Einführung des Auslandschweizer-Korrespondenzstimmrechts war für Georg Stucky ein erster Schritt. Das strategische Ziel war der Einbezug der Auslandschweizer in den politischen Diskurs, die Kommunikation zwischen Landsleuten im In- und Ausland. Folgerichtig rief er 1992 eine internationale Sektion seiner Partei ins Leben, die Inland- und Auslandschweizer zusammenführen soll.

Das Beispiel der FDP International machte Schule: reihum ahmten die grösseren Parteien das Beispiel dieser ersten Auslandschweizer-Partei nach – ganz im Sinne des Erfinders, des weltoffenen Liberalen Stucky.

Die Fünfte Schweiz hat allen Anlass, sich dieses luziden Freundes und verdienten Förderers zu erinnern.

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