Die Liste: So wurde Art Basels kleine Schwester zum Sprungbrett für die nächste Generation
Einst eine Randerscheinung, hat sich die Liste Art Fair Basel zu einer unverzichtbaren Plattform für aufstrebende Galerien weltweit entwickelt – und beweist, dass Erfolg auf dem Kunstmessemarkt nicht zwingend nach dem üblichen Drehbuch des Markts verlaufen muss.
Mit einem unbegrenzten Reisebudget könnte man jeden Tag des Jahres auf einer anderen Kunstmesse irgendwo auf der Welt verbringen.
Inzwischen gibt es mehr als 300 davon, die gemeinsam einen Kunstmarkt mit einem Jahresumsatz von 59,6 Milliarden Dollar tragen – leicht unter dem Nachpandemie-Höchststand von 67,8 Milliarden Dollar, aber nach wie vor gestützt durch starke Einzelverkäufe: 41,4 Millionen Transaktionen wurden im Jahr 2025 verzeichnet.
Angeführt von den Giganten Art Basel und Frieze hat sich der Kunstmessenmarkt im vergangenen Jahrzehnt konsolidiert. Die führenden Messen haben sich entweder ausgeweitet oder wurden von grossen Investmentgruppen geschluckt.
Kunstmessen wurden zu Knotenpunkten für alle Marktakteure – Händler, Kuratoren, Sammler, Museumsdirektoren sowie öffentliche und private Sammlungen – mit einer einzigen Ausnahme: den Künstlern selbst.
Doch eine kleine, unerschütterliche unabhängige Kunstmesse stemmt sich gegen diesen globalen Trend. Im Schatten der Art Basel geboren, hat sich die Liste zu einer gemeinnützigen Stiftung entwickelt, die den Grundsätzen treu geblieben ist, die ihre Entstehung vor 30 Jahren geleitet haben – nämlich jungen Künstlern und Galerien, denen prominente Plattformen fehlen, um ihre Werke den grossen Akteuren des Marktes zu präsentieren, Raum und Sichtbarkeit zu bieten.
Sie sei mehr als nur eine weitere Kunstmesse, sagt Nikola Dietrich, die Direktorin der Liste. «Wir verstehen uns in erster Linie als Unterstützungssystem; tatsächlich haben wir verschiedene Unterstützungssysteme», sagt sie in ihrem Büro in der Basler Altstadt.
Neue Kunst fördern
Die Messe stützt sich auf einen Kreis von «Freunden der Liste», um Händler und Künstler zu unterstützen, die ambitioniertere Projekte nach Basel bringen oder aus weniger privilegierten Ländern in Asien, Afrika oder Lateinamerika stammen. «Wir haben leider auch in diesem Jahr nicht so viele Galerien aus diesen Regionen, weil es für sie immer schwieriger wird», erklärt Dietrich.
Dies stellt auch für die etablierteren Galerien im Programm der Art Basel ein Hindernis dar. Neben den Messekosten, Transport und Versicherung müssen sie auch die Lebenshaltungskosten für eine volle Woche in der Schweiz tragen. Dietrich sagt, dass die «Freunde der Liste» mit ihren jährlichen Beiträgen die Teilnahme von rund 12 bis 15 Galerien unterstützen können.
Die Standpreise bei der Liste sind in den letzten Jahren leicht gestiegen und liegen nun zwischen 7500 und 13’000 Franken. Zum Vergleich: Stände bei der Art Basel kosten zwischen 25’000 und über 200’000 Dollar – je nach Messestandort, Grösse der Fläche und dem jeweiligen Ausstellungssektor.
Neuheiten der Liste 2026
Das Konzept vor dem Markt
Als Unterstützungsplattform für jüngere Galerien unterscheidet sich das Auswahlverfahren der Liste nicht grundlegend von anderen Kunstmessen – allerdings wird mehr Gewicht auf die Qualität und den Anspruch der eingereichten Vorschläge gelegt. Selbst Galerien mit langjähriger Präsenz bei der Liste müssen sich jedes Jahr neu bewerben.
«Anstatt sich primär auf die Marktpositionierung zu konzentrieren, bewertet das Auswahlkomitee sorgfältig ausgearbeitete Konzepte, die fast wie kleine Ausstellungskonzepte anmuten», sagt Dietrich und ergänzt, dass die Liste jährlich rund 300 Bewerbungen erhält. In diesem Jahr werden 105 Galerien bei der Liste vertreten sein, gegenüber 96 im Jahr 2025.
Dietrich verfügt ausserdem über ein Team von «Scouts», die Hinweise zu Künstlern und Galerien geben. «Sie reisen in verschiedene Regionen der Welt, zu denen ich möglicherweise keinen Zugang oder kein tieferes, spezifischeres Wissen habe», sagt sie.
«Sie geben mir Input darüber, wen es sich wirklich lohnt, sich anzuschauen. Das können Galerien sein, die gerade eröffnen, oder Galerien, die ihr Programm auf eine interessante oder unkonventionelle Weise verändern, oder Galerien, die mit Künstlern arbeiten, die aus den unterschiedlichsten Gründen übersehen worden sein könnten. Der häufigste Grund ist, dass es sich um Frauen handelt – aber auch Künstler, die nicht in den Zentren der Kunstproduktion sind oder keinen Zugang zu ihnen haben.»
Die im deutschen Radolfzell am Bodensee, nahe der Schweizer Grenze, geborene Nikola Dietrich nahm am renommierten Curatorial Training Programme des de Appel in Amsterdam teil, bevor sie zum noch selektiveren Kuratorenworkshop des Fridericianum in Kassel stiess, geleitet vom Galeristen, Sammler, Verleger und Kurator René Block.
Block, der mit den Nachkriegsavantgarden gearbeitet hatte, insbesondere mit Fluxus, lehrte seine Schüler, «über strenge Formate hinaus zu denken», erinnert sich Dietrich. Von dort übernahm sie die Kuratorschaft des Portikus in Frankfurt («die einflussreichsten 100 Quadratmeter in der zeitgenössischen Kunstwelt»), bevor sie zum Kunstmuseum Basel wechselte, wo sie die Position der Chefkuratorin für zeitgenössische Kunst innehatte (Museum für Gegenwartskunst, 2018–23). Die Liste 2026 ist die zweite Ausgabe der Messe unter ihrer Leitung.
Für eine etablierte Kuratorin zeitgenössischer Kunst mag ein Posten als Direktorin einer Kunstmesse – mit der offensichtlichen Unterordnung unter die Diktate des Marktes – von begrenztem Reiz sein. Bei den meisten Messen, selbst bei jenen, bei denen der künstlerische Direktor früher die Topposition innehatte, wie bei der Art Basel, führen heute CEOs das Ruder. «Ich würde keine andere Kunstmesse leiten, aber die Liste ist eine ganz besondere Messe», sagt sie. «Ich sehe sie nicht als so verschieden von meinen früheren Tätigkeiten, weil ich immer sehr nah an der Produktion von Kunst war.»
Das Zeitalter der wilden Galeristen
Als die Liste 1996 gegründet wurde, gab es noch nicht viele internationale Kunstmessen – nennenswert waren die Art Basel, die Art Chicago und die älteste der Welt, die Art Cologne. Selbst die Frieze war damals noch lediglich ein Kunstmagazin.
Eva Presenhuber, eine der Gründerinnen der Liste, sagt, dass das ursprüngliche Ziel darin bestand, eine eigene Plattform für junge Galerien zu schaffen, die von der Art Basel nicht angenommen wurden.
«Die Idee zur Messe kam mir, als meine Galerie Walcheturm Zürich von der Art Basel abgelehnt wurde – was ich heute verstehe, weil wir schlicht zu jung waren. Inspiriert von einer alternativen Kunstmesse in Köln namens Unfair schlug ich vor, etwas Ähnliches zu machen. Wir nannten es Liste, weil Galerien im Grunde auf einer Warteliste für die Art Basel stehen.»
Die Kunstszene in Zürich in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren war eine ganz andere als heute. Wie Presenhuber sich erinnert: «Viele Menschen waren begeistert von zeitgenössischer Kunst, aber Galerien, die auf dieses Segment ausgerichtet waren, begannen gerade erst zu entstehen. Es lag ein Gefühl des Aufbruchs in der Luft, und das war sehr aufregend. Die Leute veranstalteten auch Kunstausstellungen in ihren Wohnungen. Zum Beispiel zeigte der Schweizer Kunstkurator und -kritiker Hans Ulrich Obrist Fischli/Weiss in seiner Küche in St. Gallen. Es gab auch geheime Bars, in die die Kunstszene zum Trinken ging.»
Eva Presenhuber und der junge Zürcher Galerist Peter Kilchmann taten sich mit dem erfahrenen Basler Kurator Peter Bläuer zusammen, der den ursprünglichen Veranstaltungsort für ihre Schau fand: das Warteck, eine ehemalige Brauerei, die sich in den 1990er Jahren zu einem kreativen Zentrum für Kunst, Handwerk, Design und Performance entwickelt hatte.
Während der Messewoche räumten die Mieter ihre Ateliers, Werkstätten und Büros, um Platz für die Galerien zu schaffen.
Art Basel runzelt die Stirn
«Das Aufsehen um die Eröffnungsausgabe und ihr Erfolg übertrafen alle Erwartungen. David Zwirner, Gavin Brown oder Neugerriemschneider, die heute zu den bedeutendsten Kunsthändlern der Welt gehören, waren alle dabei», sagt Presenhuber.
All diese Galerien sowie Presenhuber und Kilchmann haben sich seitdem prächtig entwickelt und sind heute feste Grössen bei der Art Basel.
«Anfangs war die Art Basel nicht besonders erfreut darüber, dass wir die Liste gegründet hatten, und ich hatte Angst, dass sie uns auf die schwarze Liste setzen würden», sagt Presenhuber. «Nach dem ersten Jahr erkannten sie jedoch, dass die Liste den Druck auf die Hauptmesse milderte, junge Galerien zu früh aufzunehmen, da ihnen oft die nötige finanzielle Stabilität fehlt. In gewisser Weise ergänzten sich Art Basel und Liste perfekt.»
So sehr, dass die Liste bald zu einem unverzichtbaren Teil des Art-Basel-Ökosystems wurde. «Sammler, die zur Art Basel kamen, gingen zur Liste, um Entdeckungen zu machen», sagt Presenhuber.
«1997 lancierte die Art Basel ihre eigene Initiative für junge Galerien namens Statements. Mit kleineren Ständen, Einzelausstellungen und spezialisierten Projekten zog dieses neue Format sofort viele unserer ursprünglichen Teilnehmer an und wurde zu einer Art Brücke von der Liste zur Art Basel.»
Den Raum erobern
Die Covid-19-Pandemie markierte einen Wendepunkt für die Messe. Das Jahr 2020 war ein Totalausfall, und inmitten der vorsichtigen Wiedereröffnung von 2021 zog die Liste vom Warteck in eine riesige Ausstellungsfläche neben der Art Basel: Halle 1.1 der Messe Basel.
«Covid war ein Grund, aber das Warteck-Gebäude hatte auch seine eigenen Schwierigkeiten», sagt Dietrich. «Jedes Jahr mussten wir mit allen verschiedenen Mietern verhandeln, damit sie für zehn Tage ausziehen.»
«Für die Besucher war es natürlich sehr reizvoll», sagt sie. «Aber für die Platzierung der Galerien waren die Slots sehr ungleichmässig. Manche fanden sich im Keller oder unterm Dach wieder, was im Sommer sehr heiss war.»
Seit dem Umzug in die Ausstellungshallen der Messe Basel kann die Liste den Galerien ein anderes räumliches Erlebnis bieten. Die grosszügigen Dimensionen der Hallen ermöglichen es ihnen, ambitioniertere Installationen und ausstellungsartige Präsentationen zu entwickeln – etwas, das viele Teilnehmer besonders zu schätzen wissen.
«In den Hallen besteht die Möglichkeit, auf unterschiedliche Weise mit der Architektur zu arbeiten, sodass die Kunst wirklich zur Geltung kommen kann», sagt Dietrich.
In den ersten Jahren war die Messe um eine kreisförmige Architekturstruktur organisiert, die ein markantes Zentrum schuf und für jene Zeit sehr gut funktionierte. Im Laufe der Zeit begannen Dietrich und ihr Team jedoch, das Layout zu überdenken und die Struktur zu öffnen.
Dietrich beschreibt begeistert, wie sie die Räumlichkeiten bespielt. «Einer der Vorteile der Hallen ist, dass sie uns erlauben, die Organisation der Messe kontinuierlich neu zu denken», sagt sie.
«Wir haben den Kreis geöffnet und neue Möglichkeiten der Kunstpräsentation entdeckt. Plötzlich gab es Stirnwände und neue Sichtachsen, was uns dazu brachte, das zu entwickeln, was wir schlicht die ‚Wall‘ nennen – zehn Meter lange Wände, kuratiert von gemeinnützigen und hybriden Kunsträumen.»
Geopolitik spielt eine Rolle
Was den Kunstmarkt betrifft, ist Politik selten ein Hindernis für das Geschäft. Kunstwerke mit politischen Botschaften provozieren kaum nennenswerte Empörung. Doch Russlands umfassender Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 hatte Auswirkungen auf Basel und löste eine Reaktion aus.
Während viele russische Galerien und Sammler mit Sanktionen belegt wurden, beschloss Liste zudem, zwei russische Galerien aus seinem Programm zu streichen und deren Stände an zwei ukrainische Galerien zu vergeben.
Julia Voloshyna, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Max die Galerie Voloshyn gegründet hat, sagt: «Das Jahr 2022 war nicht nur beruflich ein entscheidender Moment, sondern auch in Bezug darauf, was Kunst unserer Überzeugung nach in Krisenzeiten bewirken kann.» Einige der von Voloshyn ausgestellten Künstler befanden sich an der Front des Kriegs.
«Wir sind zutiefst dankbar für die Kontakte, die Liste zu Sammlern, Kuratoren und anderen Galerien aus aller Welt ermöglicht hat», sagt sie.
Als Swissinfo die Voloshyns 2022 zum ersten Mal traf, waren sie ständig zwischen verschiedenen Ländern unterwegs, arbeiteten an Ausstellungen und Projekten in ganz Europa und den USA und hielten das Galerieprogramm trotz der Umstände am Laufen – die Galerie in Kiew musste zu Beginn der russischen Invasion geschlossen werden und wurde erst im April 2023 wiedereröffnet.
Seitdem haben sie einen neuen Ausstellungsraum in Miami eröffnet und enge Verbindungen zwischen der ukrainischen Kunstszene und dem internationalen Markt aufgebaut.
Und was ist mit den Russen? «Ich habe keine Bewerbung von dort erhalten», sagt Dietrich.
Übertragung aus dem Englischen: Balz Rigendinger
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