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Suizid des Swisscom-Konzernchefs "Carsten Schloter war ein Visionär"



Carsten Schloter war während sieben Jahren das Gesicht der Swisscom.

Carsten Schloter war während sieben Jahren das Gesicht der Swisscom.

(Ex-press)

Der vermutete Suizid von Swisscom-Konzernchef Carsten Schloter am Dienstag an seinem Wohnort in der Freiburger Agglomerationsgemeinde Villars-sur-Glâne hat zu grosser Betroffenheit geführt. Die Zeitungen würdigen ihn als Visionär, der neue Standards in der Kommunikation setzte.

"Ein Leben für die Leistung", "Ein Visionär und ein Getriebener", "Carsten Schloter wird der Swisscom fehlen", "Den Wandel mitgeprägt" oder "Mehr als ein erfolgreicher Manager". So und ähnlich würdigen die Schweizer Zeitungen den verstorbenen Swisscom-Chef Carsten Schloter.

"Man erinnert sich an ihn als charismatischen Mann, der jeden persönlich begrüsst, den er kannte, ein Lachen im Gesicht und Schalk in den Augen", schreiben Der Bund und Tages-Anzeiger. Schloter habe den Telekom-Anbieter Swisscom in den letzten Jahren "entscheidend geprägt".

Allerdings habe er auch eine "einzigartige Ausgangslage" vorgefunden, als er vor sieben Jahren die Führung des Blauen Riesen übernommen habe. Die Politik sei sehr freundlich mit der Ex-Monopolistin Swisscom umgegangen und habe ihr "einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz verschafft, den auch ein durchschnittlicher Manager hätte verwalten können".

"Man muss ihm hoch anrechnen, dass er sich damit nicht zufrieden gab. Er traf Entscheidungen, deren Tragweite und visionäre Kraft man erst Jahre später erkennen konnte", so Tagi und Bund. Schloter habe Standards gesetzt – "in der Schweiz wie auch international".

So habe Swisscom als einer der ersten Telekom-Anbieter ein TV-Angebot entwickelt. "Schloters Vision, mit exklusiven Inhalten wie Fussballspielen Kunden zu gewinnen, war so erfolgreich, dass die Kabelnetzanbieter bei der Wettbewerbskommission dagegen klagen."

Branchenprimus als Vorreiter

"Dank Schloter gab es in der Schweiz die groteske Situation, dass nicht die beiden kleinen Konkurrenten Orange und Sunrise den Branchenprimus mit neuen Ideen attackierten, sondern sie die Getriebenen der Swisscom waren", schreibt die Neue Zürcher Zeitung.

Doch Schloter habe sich mit dem Erreichten nie zufrieden gegeben, sondern habe stets neue Ufer angesteuert. "Ohne ihn wäre das von der Swisscom im Sommer vergangenen Jahres eingeführte neue Preismodell, bei dem nicht mehr das Datenvolumen, sondern die Geschwindigkeit der limitierende Faktor ist, undenkbar gewesen. Die Swisscom betrat mit diesem Schritt weltweit Neuland."

Auch für die Basler Zeitung ist klar, dass Schloter ein Manager mit gutem Gespür war. "Der Mann mit der säuselnden Stimme wird als erfolgreicher Swisscom-Stratege und ehrgeiziger Manager in Erinnerung bleiben, der Wert auf Details legte."

Er habe die Zeichen der Zeit früher erkannt als viele andere im Markt, so die BAZ. "Rascher und entschiedener als viele Unternehmen in Europa reagierte die Swisscom unter ihm auf rasant zunehmende Datenmengen und das wachsende Bedürfnis nach mobiler Kommunikation."

"Visionär"

Das St. Galler Tagblatt würdigt den in Frankreich aufgewachsenen Deutschen ebenfalls als "Visionär", der "den Einstieg in neue Geschäftsfelder wie Informatik oder TV vorangetrieben" habe.

Auch für La Liberté ist ein "Visionär" aus dem Leben geschieden. "In seinem Unternehmen, dessen Interims-Leitung durch seinen Stellvertreter Urs Schaeppi gesichert ist, hat der Tod des charismatischen Chefs den Effekt eines Blitzschlags aus heiterem Himmel gehabt. Nichts hat auf ein solch abruptes Ende hingewiesen."

Der milliardenschwere Abschreiber beim Auslandabenteuer mit der italienischen Fastweb, die unter seiner Führung gekauft worden war, habe seine Position nicht geschwächt, obwohl er damals seinen Rücktritt angeboten habe, sind sich die meisten Kommentatoren einig.

"Trotz bisher wenig Fortune im Ausland, auf dem Heimmarkt wusste der einstige Monopolist seine Vormachtstellung stets zu verteidigen. Auch dank Schloter", schreibt Die Südostschweiz.

Er habe mit Swisscom Trends gesetzt und den Blauen Riesen so auf Erfolgskurs gehalten. "Schloter wurde aber auch über die Grenzen der Telekombranche hinaus zu einer prägenden und charismatischen Figur der Schweizer Wirtschaft. Gross ist die Lücke, die er als Manager hinterlässt."

Warum?

Die Westschweizer Zeitungen Tribune de Genève und 24 Heures fragen nach den Gründen für den Suizid: "Zu viel Stress?" Er sei ein "Patron unter Hochspannung und trotzdem nahbar" gewesen, der auch sportlich immer wieder Höchstleistungen von sich selber erwartet habe.

"Schloter selbst nannte Disziplin und Willensstärke als seine herausragenden Eigenschaften", so Tages-Anzeiger und Der Bund. "Trotzdem wirkte er nicht hart. Er hatte im Gegenteil die Fähigkeit, die Menschen einzubinden und zu begeistern - damit sie zu Höchstleistungen aufliefen."

Als seine grösste Niederlage habe Schloter die Trennung von seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern bezeichnet. "Er sei gescheitert im realen Leben. Dieses Erlebnis markierte auch einen Wendepunkt in der Art und Weise, wie Schloter gegen aussen auftrat. Er erklärte öffentlich, dass vielleicht auch sein Egoismus zur Trennung geführt hätte."

Gnadenlose Welt der Manager

Dass er ein Workaholic sei, habe Schloter nicht abgestritten, schreibt die Basler Zeitung. "Er sprach bereitwillig von seinem Einsatz für die Swisscom. Dass deswegen am Ende sogar seine Familie zerbrochen ist, verschwieg er ebenfalls nicht."

Schloter habe sich als Topmanager in einer Welt bewegt, die keine Schwäche dulde, so die Südostschweiz. "Schloter war erfolgreich in dieser Welt, weil er ein Getriebener war. Getrieben von der Jagd nach Höchstleistungen. Zugleich zeigte er in der 'Welt der Starken' Mut, auch einmal Schwäche zuzulassen. Die Schweiz hat nicht nur einen erfolgreichen Manager verloren, sondern auch eine verletzliche Persönlichkeit."

swissinfo.ch


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