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Die Maschine und die Moral

Wie Vertrauen in neue Technologien stärken?

Das Swiss Digital Trust Label will den bewussten Umgang mit neuen Technologien durch einen multilateralen und pragmatischen Ansatz fördern. 123rf.com

Überall müssen wir gegenwärtig unsere Kontaktdaten angeben. Die Coronavirus-Krise macht deutlich, wie wichtig es ist, das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in neue Technologien zu stärken. Das Swiss Digital Trust Label soll diesen Prozess erleichtern.

Dieser Inhalt wurde am 22. September 2020 - 11:00 publiziert

"Vertrauen". Dieser Begriff bestimmt im digitalen Zeitalter die technologische Debatte wie nie zuvor. Um erfolgreich und effektiv zu sein, müssen neue Technologien bei Konsumentinnen und Konsumenten auf Vertrauen stossen. Davon hängen nicht nur die Benützung dieser Technologien ab, sondern auch die tatsächlichen Auswirkungen der Technologie auf die Gesellschaft.

Dieser Mechanismus beeinflusst unweigerlich die Art und Weise, wie innovative Produkte und Dienstleistungen konzipiert und entwickelt werden. Vor allem aber war es die jüngste Gesundheitskrise, die den ewigen Konflikt zwischen Ethik und Innovation wieder ins öffentliche Bewusstsein rückte.

Zum Beispiel die offizielle Coronavirus-Tracing-App: Diese Idee funktioniert nur, wenn ein grosser Teil der Bevölkerung die entsprechende App nutzt. Sonst ist die Wirksamkeit der Nachverfolgung nicht garantiert.

Wie Innovation und Ethik unter einen Hut bringen?

In solchen Fällen wird das Vertrauen zur Voraussetzung für Innovation. Dies bietet die Möglichkeit zu tiefergehenden Überlegungen über die Ethik und Zuverlässigkeit neu entstehender Technologien. Es sind dies zwei Konzepte, die heute untrennbar und unverzichtbar sind, besonders in der Welt der künstlichen Intelligenz und der digitalen Lösungen.

Wie kann man innovative Ideen herausbringen, bei denen die Prinzipien der Ethik von den frühesten Phasen eines neuen Projekts an integriert werden? Welche Kriterien und Regeln sollten eingehalten werden, um die Nutzerinnen und Nutzer zu schützen, ohne den Innovationsprozess zu behindern?

Die Befürchtung, dass "zu viele Regeln" die digitale Transformation der Gesellschaft verhindern und die Innovation erschweren, wird in der akademischen und wirtschaftlich-industriellen Welt diskutiert.

Bereits 2014 veröffentlichte die Europäische Kommission eine StudieExterner Link über die komplexe und zweideutige Beziehung zwischen Regulierung und Innovation. Darin nannte sie die regulatorische Ungewissheit als einen der Faktoren, die unter bestimmten Bedingungen Innovationen gleichzeitig fördern und hemmen können.

Allgemeiner zeigt die Studie jedoch, dass eine mangelnde Sicherheit oder Stabilität des Rechtsrahmens die Innovation erheblich behindern kann. Besonders dann, wenn hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung erforderlich sind.

Jean-Daniel Strub ist Mitbegründer von EthixExterner Link, dem Schweizer Labor für Innovationsethik, das vom Migros-Engagement-FörderfondsExterner Link unterstützt wird. Für ihn verhindern Überlegungen zur Ethik nicht die Innovation, sondern fördern im Gegenteil die Entwicklung nachhaltigerer Technologien. Und sie konfrontieren die Hauptakteure mit den Risiken eines unverantwortlichen Fortschritts in Bezug auf Ansehen, Legalität und Auswirkungen auf die Öffentlichkeit.

"Dieses Etikett zielt darauf ab, die Asymmetrie von Information und Macht auszugleichen, die derzeit zwischen den Menschen und der Wirtschaft besteht."

Niniane Paeffgen, Swiss Digital Initiative

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"Unternehmen kommen heute nicht darum herum, Innovationen aus einer ethischen Perspektive zu betrachten und frühzeitig in diese Richtung zu investieren.

Die Kenntnis des Begriffs der 'ethischen Risiken' ist wesentlich, um mit einer sich ständig weiterentwickelnden Gesellschaft Schritt zu halten", sagt Strub gegenüber swissinfo.ch.

Ein "Risiko" bedeutet beispielsweise eine unbeabsichtigte Diskriminierung bestimmter Nutzergruppen, die zu irreparablen Reputationsschäden führt. "Gerade im Bereich der Innovation schauen Konsumentinnen und Konsumenten den Unternehmen immer mehr auf die Finger", sagt Strub.

Digitales Schweizer Gütesiegel

Kleine, mittlere und grosse Unternehmen müssen heute – zumindest im Westen – einerseits eine pragmatische Einschätzung der Risiken einer technologischen Entwicklung vornehmen, die nicht mit den Werten demokratischer und liberaler Gesellschaften übereinstimmt. Andererseits bleibt die grösste Herausforderung, die Debatte in konkrete Massnahmen umzusetzen, die sich positiv auf das System auswirken.

Ausgehend von diesen Überlegungen wurde am ersten Digital Global Summit der Schweiz im September 2019 die Swiss Digital InitiativeExterner Link vorgestellt. Diese lancierte Ende letzten Jahres ihr erstes Projekt, das Swiss Digital Trust Label. Mit dem Ziel, den bewussten Einsatz neuer Technologien durch einen multilateralen und pragmatischen Ansatz zu fördern.

Die Idee bestehe darin, den Nutzerinnen und Nutzern mehr Informationen über digitale Dienste zu vermitteln, Transparenz zu schaffen und die Achtung ethischer Werte zu gewährleisten. Das sagt Niniane Paeffgen, Direktorin der Swiss Digital Initiative.

"Gleichzeitig soll es dazu beitragen, dass ethisches und verantwortungsbewusstes Verhalten auch zu einem Wettbewerbsvorteil für Unternehmen wird. Dieses Etikett zielt darauf ab, die Asymmetrie von Information und Macht auszugleichen, die derzeit zwischen den Menschen und der Wirtschaft besteht", sagt Paeffgen gegenüber swissinfo.ch.

Vertrauensbeziehung zu Konsumentinnen und Konsumenten aufbauen

Ähnliche Initiativen sind bereits auf internationaler Ebene entstanden. In der Schweiz wurde das Projekt von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) initiiert. Nun wird es dank der interdisziplinären Zusammenarbeit einer Gruppe von Experten der beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen und der Universitäten Genf und Zürich sowie verschiedenen Akteuren aus der Industrie durchgeführt, die dem Netzwerk DigitalswitzerlandExterner Link angehören.

In einem ersten Entwurf nannte die Expertengruppe 120 Kriterien für die Vertrauensbildung in einer digitalen Umgebung. Eckpfeiler sind die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Dienstes, eine faire Datenverwaltung und ein verantwortungsvoller Umgang mit den Nutzerinnen und Nutzern. Die Kriterien wurden durch die Analyse bestehender Normen und Zertifizierungen ausgewählt.

Auch Ethix arbeitet an dem Projekt mit. Es half mit bei der Definition der ethischen Grundlagen. "Die Frage der Transparenz und der damit verbundenen Probleme wird den Nutzerinnen und Nutzern immer bewusster. Das Label zielt darauf ab, ein Vertrauensverhältnis zwischen den Akteuren der digitalen Wirtschaft und den Nutzenden zu schaffen", sagt Ethix-Mitbegründer Strub.

Kann man einem Label vertrauen?

Einerseits könnte damit den Unternehmen ein Anreiz gegeben werden, sich verantwortungsbewusst zu verhalten, um nicht vom Markt abgeschnitten zu werden. Andererseits stellt sich die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass die Initiative nicht zu einem Geschäft wird.

"Die Swiss Digital Initiative ist eine gemeinnützige Organisation. Unsere Aufgabe besteht darin, qualitativ hochwertige Inhalte zu liefern und internationalen Akteuren die Möglichkeit zu geben, diese auf die nächste Stufe zu heben", bekräftigt deren Direktorin Paeffgen. Und weist auf laufende Diskussionen hin zur Schaffung von Synergien mit internationalen Organisationen wie dem IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers), der Europäischen Union oder den Vereinten Nationen.

Das Label befindet sich noch in Entwicklung. Vor kurzem wurde eine öffentliche Konsultation eingeleitet. Auf den geplanten Start hin soll zu einer offenen Debatte aufgerufen werden. Dieser ist für Frühjahr/Sommer 2021 geplant. Es besteht jedoch nach wie vor Ungewissheit über einige nicht unwichtige Fragen. Darunter etwa die Kosten für die Beschaffung, die Reinvestition der Gewinne und die Gewährleistung von Objektivität und Transparenz im Zuteilungsprozess.

Die Swiss Digital Initiative stellt sicher, dass die Erfüllung der Kriterien von einer externen und unabhängigen Prüfstelle zertifiziert wird. Zum Beispiel von der Société Générale de SurveillanceExterner Link (SGS). Das multinationale Schweizer Unternehmen mit Sitz in Genf bietet Inspektions- und Zertifizierungsdienste an. Kann man also einem Label vertrauen?

Initiative kann sehr gut oder sehr schlecht funktionieren

Professorin Effy Vayena, Direktorin des Labors für Ethik und Gesundheitspolitik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), begrüsst die Initiative. Sie betont aber, wie wichtig es sei, die richtigen Kriterien festzulegen, um deren Wirksamkeit zu gewährleisten.

"Bei der Auswahl der Kriterien sind Pragmatismus und Machbarkeit von grundlegender Bedeutung. Initiativen dieser Art können sehr gut oder sehr schlecht funktionieren, je nach Art des Ansatzes. Wir müssen verstehen, wie dieses Label entwickelt wird und ob es einen wirklichen Einfluss auf die Gesellschaft haben kann", sagt Vayena.

Ein weiterer Punkt, den es zu bedenken gilt, ist das bei Skeptikern des Labels "Business" immer noch vorherrschende Misstrauen, begleitet von der Furcht vor erhöhten Kosten für die Konsumentinnen und Konsumenten. "Was ist andererseits die Alternative?", fragt Christoph Heitz, Präsident der Schweizerischen Allianz für datenintensive DiensteExterner Link. Diese leitet das Projekt zur Erstellung eines Ethik-Kodexes für datenbasierte Aktivitäten.

Laut Heitz ist die Prämisse von Labels, eine positive Dynamik innerhalb der Gesellschaft zu erzeugen. Ohne notwendigerweise auf gesetzlichen Zwang zurückgreifen zu müssen. "Labels können Gesetze nicht ersetzen. Aber gleichzeitig kann die Gesetzgebung nicht alle Probleme bewältigen. Ich denke, das Gute ist, dass diese Initiativen Bewusstsein schaffen und Massstäbe setzen", sagt Heitz.

Es ist jedoch nach wie vor schwer zu glauben, dass ethische Initiativen in einem unsicheren oder gar nicht existierenden rechtlichen Rahmen einen echten Wendepunkt für die Gesellschaft bedeuten können. Was würde passieren, wenn gute Ideen mit guten Gesetzen Hand in Hand gehen würden?

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