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Der Baum als Denkfigur

einfach - komplex - Bildbäume und Baumbilder in der Wissenschaft. Museum für Gestaltung, Zürich

"Gewissen und Bewusstsein": Mit diesem Thema setzen sich Forscher und Künstler am "Festival Science et Cité + Woche des Gehirns/BrainFair" auseinander.

Landesweit finden zahlreiche Veranstaltungen statt. In Zürich taucht eine Ausstellung in die Welt der Bäume ein.

«Wir organisieren ein Fest und nicht eine elitäre Veranstaltung», erklärt die Präsidentin der Stiftung «Science et Cité», alt Ständerätin Christine Beerli. Das erste Festival im Jahr 2001 war von verschiedener Seite als «zu elitär» kritisiert worden.

Die zweite Ausgabe wendet sich an ein breites Publikum, wie Stiftungsdirektorin Elisabeth Veya darlegt. So habe man das Festival nicht nur für Wissenschafter, sondern auch für Kunstschaffende geöffnet.

Dialog zwischen Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft

Forscher und Künstler sollen sich in Vorträgen, Gesprächsrunden und Diskussionen, in Ausstellungen und Filmen, in Theater-, Musik und Tanzvorführungen mit Fragen über Bewusstsein, Gewissen und deren Manipulierbarkeit auseinandersetzen. Es soll ein Dialog zwischen Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft entstehen.

Die Wissenschaft wird ihre neusten Forschungen zu dem Thema präsentieren. Die Künstler wollen sich mit der moralischen Dimension von Gewissen und Bewusstsein auseinandersetzen. Dabei sollen auch Zweifel an den Wissenschaften und ihrem Fortschrittsglauben erlaubt sein.

«einfach komplex»

Im Museum für Gestaltung in Zürich befasst sich die Ausstellung «einfach komplex» mit «Bildbäumen und Baumbildern» in Wissenschaft und Kunst.

«Der Baum ist auf der einen Seite eine Figur, die allen Menschen unmittelbar vertraut ist, weil sie auf der ganzen Welt vorkommt und eine ganz wichtige Bedeutung hat für das Leben insgesamt auf diesem Planeten», so der Kurator der Ausstellung, Andres Janser, gegenüber swissinfo.

«Auf der anderen Seite ist der Baum eine Figur, die dafür steht, dass Dinge hierarchisch geordnet werden: Es gibt ein Zentrum, Verzweigungen, Verästelungen, die immer feiner werden. Es ist immer eine hierarchische Denkfigur, vom Einfachen zum Komplexen, vom Zentrum zur Verästelung.»

Vom Schneekristall zum Stammbaum

Der Baum sei eine der häufigsten und auffälligsten Bildfiguren der Wissenschaft, erklärt Janser. «Baumbilder» machten Strukturprinzipien in unterschiedlichsten Grössenordnungen sichtbar.

Das in der Ausstellung gezeigte Spektrum reicht von Computerbildern aus dem Nanobereich über Fotos von charakteristisch verästelten Schneekristallen bis hin zur Satellitenaufnahme von Flussläufen auf fernen Himmelskörpern.

Anders funktionieren dagegen die «Bildbäume». Sie dienen als Metapher oder Symbol und machen so Ungreifbares sichtbar: Gesellschaftliche Strukturen werden als Baumdiagramm dargestellt und historische Konstellationen mit Hilfe von Stammbäumen interpretiert.

Künstlerische Interventionen zum wissenschaftlichen Bild

Die Ausstellung zeigt zudem Werke zeitgenössischer Kunstschaffender, die sich mit der scheinbaren Natürlichkeit der wissenschaftlichen Baumfiguren beschäftigen. Diese Arbeiten fordern dazu auf, den eigenen Standpunkt in Bezug auf wissenschaftliche Bilder kritisch zu klären und allenfalls zu überdenken.

«Es gibt gegenseitig ein grosses Interesse, mehr über den anderen Bereich zu erfahren», sagt Kurator Janser. «Die Wissenschafter wollen von den Künstlern etwas erfahren, vielleicht sogar lernen. Umgekehrt interessieren sich Künstler für wissenschaftliche Verfahren, Versuchsanordnungen, Prozesse, wie in den Wissenschaften Bilder kreiert werden.»

Laut Janser kann gar von «ästhetischen Strategien» in den Wissenschaften gesprochen werden. «Es ist für die Wissenschafter in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger geworden, mit Bildern zu arbeiten. Und da bietet die Kunst, die Kunstgeschichte ein grosses Repetoire an zur Frage, wie man mit Bildern umgeht, wie man sie aufbaut und gestaltet.»

Wissenschaft populärer machen

Mit der Ausstellung «einfach komplex» soll versucht werden, Wissenschaft populärer zu machen. Die Wissenschaft beobachte indessen sorgfältig, wie weit man in diese Richtung gehen könne, erklärt Janser. «Letztlich ist es ein innerer Widerspruch, der nicht gelöst werden kann: Wie populär kann man etwas darstellen, und wie wissenschaftlich soll es aber noch bleiben.»

Und der Kurator weiter: «Diesem Widerspruch stellen wir uns gerne und glauben, dass es mit dieser verständlichen Figur des Baumes möglich ist, zu ganz verschiedenen Wissensfeldern und zur Art und Weise des Einsetzens von Bildern einen Zugang zu finden.»

Ein Zugang der Wissenschaft zu einem breiten Publikum, aber auch ein Zugang des breiten Publikums zur Wissenschaft, in beide Richtungen die Zugängigkeit verbessern: Das sei das Ziel der Veranstaltungen des «Festivals Science et Cité + Woche des Gehirns/BrainFair», so Janser.

swissinfo, Jean-Michel Berthoud, Zürich

19. Mai bis 5. Juni: 2. «Festival Science et Cité + Woche des Gehirns/BrainFair».

Rund 500 Veranstaltungen in 19 Orten, die meisten davon in der Westschweiz.

Budget: 4,8 Mio. Fr. (die Hälfte des Budgets von 2001). 1,9 Mio. trägt die Stiftung «Science et Cité» bei, den Rest Pro Helvetia und das Bundesamt für Kultur sowie die Loterie Romande und Private.

Die Stiftung «Science et Cité» wurde 1998 von den vier wissenschaftlichen Akademien der Schweiz, dem Schweizerischen Nationalfonds, dem Wirtschaftsdachverband economiesuisse sowie der privaten Stiftung Silva Casa, gegründet.

Die Stiftung strebt eine an Wissenschaft interessierte Gesellschaft und eine in der Gesellschaft verankerte Wissenschaft an. Deshalb will die Stiftung den langfristigen Dialog fördern.

Sie entwickelt, fördert und regt Projekte an, die den Austausch zwischen Gesellschaft und Wissenschaft ermöglichen oder verstärken. Die Stiftung sucht die Zusammenarbeit mit öffentlichen und privaten Partnern.

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