The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

Herausforderung Altersbetreuung

In 30 Jahren sind ein Viertel der Schweizer älter als 65 Jahre. RTS

Je älter ein Mensch wird, desto grösser wird sein Bedürfnis, sein Umfeld mitzubestimmen. Unsere Gesellschaft drängt Alte aber oft an den Rand.

Gegenstrategien werden erprobt.

Mehr als 1’100’000 Menschen in der Schweiz sind heute über 65 Jahre alt. Die Zahl der über 64-Jährigen hat sich damit seit 1950 mehr als verdoppelt, jene der 80-Jährigen und älteren sogar gut vervierfacht. Das hat das Bundesamt für Statistik errechnet.

An den Rand gedrängt

Viele dieser Menschen werden an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt. «Wir beobachten schon, dass die Gesellschaft auseinander fällt», konstatiert Regula Dannecker, Bereichsleiterin «Alter» der Stadtberner Direktion für soziale Sicherheit. Ziel ihres Bereiches ist es, alte Menschen wieder besser in der Gesellschaft zu integrieren.

Glück für Alte

Das ist nötig: «In unserer Gesellschaft ist es leider so, dass Menschen, die nicht mehr erwerbstätig sind, nicht den gleichen Stellenwert haben wie Erwerbstätige», sagt André Rothenbühler vom GfS-Forschungsinstitut in Zürich.

Rothenbühler hat im Auftrag einer Schweizer Versicherung versucht, herauszufinden, welche Faktoren zum Glück der Schweizerinnen und Schweizer beitragen. Insgesamt wurden 853 Personen zwischen 16 und 76 Jahren befragt. Unter anderem wollten die Interviewer wissen, wie wichtig den Befragten die politische Mitbestimmung sei.

Je älter, desto politisierter

«Die politische Partizipation wird von der Gesamtbevölkerung für
das persönliche Glück als ziemlich unwichtig bezeichnet», sagt Rothenbühler. «Aber sie wird wichtiger, je älter jemand wird. Umso wichtiger sind daher institutionalisierte Mitsprache-Möglichkeiten.»

«Ältere Menschen beteiligen sich stark an den politischen Entscheidungen. Vor allem sind sie treue Stimmbürger, die wenige Urnengänge verpassen», sagt auch Angeline Fankhauser, alt Nationalrätin und Co-Präsidentin des Schweizerischen Seniorinnen- und Seniorenrates (SSR).

Verfassungskonforme «Alters-Guillotine»

Doch gerade die politische Mitgestaltung wird älteren Menschen immer öfter aberkannt. Im Mai hat die Berner Gemeinde Madiswil eine Altersbeschränkung fürs passive Wahlrecht eingeführt: Wer älter als 70 Jahre ist, darf nicht mehr in Gemeinderat und Kommissionen sitzen. Begründung: Junge sollten gefördert und Sesselkleber entfernt werden.

Der Kanton segnete diese Regelung als verfassungskonform ab. Madiswil ist kein Einzelfall, es gibt mindestens fünf weitere Gemeinden im Kanton Bern, die eine Alterslimite kennen.

Der SSR und die Alters-Organisation Pro Senectute haben juristische Mittel dagegen ergriffen. «In der Schweiz werden mit Alterslimiten Menschen ausgegrenzt. Das widerspricht dem Prinzip ‚eine Person, eine Stimme'», erklärt Fankhauser.

Kinderkrippen in Altersheimen

Alte Menschen sollen nicht an den Rand gedrängt werden, das haben auch die Behörden erkannt. «Statt nur Altersheimplätze zur Verfügung zu stellen, versuchen wir, auch integrative Massnahmen zu ergreifen», sagt Dannecker. So werden offene Cafeterias eingerichtet oder Kinderkrippen und Tagesschulen in Altersheimen integriert.

«Es ist sehr wichtig, dass die Angebote niederschwellig sind: Besucher müssen sich wohlfühlen, wie auch die älteren Menschen.» Das funktioniere bei einigen Quartier-Treffs sehr gut. Es gebe aber Probleme, sobald das Altersheim etwas ausserhalb der Stadt liege, ergänzt sie.

Steuerzahler und Lückenbüsser

Bisher griff unsere Gesellschaft nur auf die Alten zurück, wenn sie gebraucht wurden. «Die älteren Menschen sind sehr willkommen als Kaufkraft, als Besucher von Veranstaltungen und als Steuerzahlende. Auch als Helfer in der Not, manchmal auch als Arbeitskraft, aber nur wenn es keine Jungen hat», meint die 66-jährige Fankhauser. «Sie sind weniger willkommen, wenn sie Ansprüche stellen.»

Mit dem SSR will sie das Bild der Alten korrigieren: «Alte sind nicht nur pflege- und hilfsbedürftige Leute. Das sind selbstbestimmte Menschen, die oft gesund und munter durchs Alter gehen.»

Alters-Bombe tickt

Unsere Gesellschaft wird die neuen Wege für alte Menschen finden müssen: In 33 Jahren wird laut BFS ein Viertel der Schweizer Bevölkerung über 65 Jahre alt sein.

Philippe Kropf

Älter als 65:
2000: 1’1 Mio. (ca. 14%)
2060: 1,7 Mio. (Schätzung BFS)

Der Anteil alter Menschen an der Schweizer Bevölkerung wird immer grösser. In 30 Jahren wird ein Viertel über 65 Jahre alt sein.

Statt die Alten auszugrenzen, sind neue Modelle gefragt, die sie integrieren. Erste Ansätze sind gemacht.

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft