«Politiker denken kaum über eine Amtszeit hinaus»
Die neue Bundesregierung müsse verstärkt in Solarenergie investieren, sonst drohe Deutschland ein Braindrain, sagt Martha Lux-Steiner. Die Schweizer Physikerin forscht am Helmholtz-Zentrum Berlin und gehört europaweit zu den führenden Photovoltaik-Experten.
Uno ist immer dabei. Meistens döst er unter dem Schreibtisch, mit Blick auf die Tür. Wenn Besucher eintreten, empfängt er sie mit einem freundlichen Schwanzklopfen. Die Institutsmitarbeiter haben sich längst an den zehnjährigen Boxerrüden von Martha Lux-Steiner gewöhnt und stecken ihm ab und zu einen Hundekeks zu.
Die Physikerin leitet die Abteilung für Heterogene Materialsysteme am Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie. Darüber hinaus ist die 59-jährige Schweizerin europaweit eine der führenden Wissenschafterinnen auf dem Gebiet der Dünnschicht-Photovoltaik.
Geht es nach der Sonnenenergie-Expertin, soll die Nutzung der Sonne für die Stromerzeugung dereinst so selbstverständlich sein wie das Trinken von Wasser. Dafür engagiert sich Lux-Steiner im In- und Ausland an wichtigen Schnittstellen von Politik, Forschung und Industrie. Unter anderem ist sie Mitglied der Eidgenössischen Energieforschungs-Kommission CORE.
«Mein Ziel ist, mit effizienten, einfachen und preiswerten Techniken den Durchbruch der Solarenergie in der Stromerzeugung zu schaffen», sagt die gebürtige Bernerin. Das Potenzial, mit Hilfe von Sonnenlicht Strom zu gewinnen, sei noch längst nicht ausgeschöpft. «Nimmt man 15 Minuten lang Sonnenstrahlen, die auf die Erde scheinen, könnte man den Strombedarf der Welt decken», rechnet die Forscherin vor.
Energie-Mix ist sinnvoll
Heute gehöre Deutschland bei der Solarenergie-Technologie weltweit zu den führenden Nationen, so Lux-Steiner. «Bezüglich Produktionsstätten und Forschungs-Institutionen haben wir die Nase vorn.» Aber die Konkurrenz schlafe nicht. So arbeiteten Länder wie die USA, Indien und China mit Hochdruck daran, ebenso innovative Solarmodule auf den Markt zu bringen.
«Wenn die Politik in den nächsten Jahren nicht verstärkt in die Solarenergie investiert, kann Deutschland sowohl in der Forschung als auch in der Produktion seine Vorreiterrolle verlieren», sagt die Schweizerin. Nicht nur Arbeitsplätze würden dann verloren gehen, Deutschland drohe auch ein Braindrain, nämlich die Abwanderung von Wissenschaftern ins Ausland.
Die Physikprofessorin, die 1999 das Bundesverdienstkreuz erhalten hat, ist eine genaue Beobachterin der Energiepolitik des Bundes. Die grosse Koalition habe in mancher Hinsicht auf das richtige Pferd gesetzt, findet Lux-Steiner. Zum Beispiel, was das Erneuerbare-Energien-Gesetz betrifft, das noch von der Vorgängerregierung ins Leben gerufen wurde und Betreibern von Solaranlagen die Einspeisung des selbst erzeugten Stroms in das bundesweite Netz mit kostendeckender Vergütung sichert.
Das Gesetz habe in Deutschland in den vergangenen Jahren zu einem wahren Produktions- und Bauboom von Solaranlagen geführt und sei inzwischen von vielen Staaten übernommen worden. Das klare Nein von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zur Atomenergie begrüsst die Physikerin ebenfalls.
Allerdings zeigt Lux-Steiner auch Verständnis dafür, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängern will. «Für die nächsten Jahre ist dieser Energie-Mix bestimmt sinnvoll», meint sie.
Politisches Theater
Könnte die Auslandschweizerin in Deutschland wählen, würde sie bei der Bundestagswahl am 27. September für die «besten Köpfe» votieren. In Deutschland werde zu viel Wert auf das Parteibuch gelegt, statt eine Person parteiübergreifend nach ihrer Fachkompetenz zu beurteilen, bedauert Lux-Steiner.
«Leider funktioniert das deutsche Wahlsystem nicht so, dass automatisch die fähigsten Politiker zum Zug kommen. Sondern die, die sich am besten verkaufen.» Zum Beispiel in Politshows im Fernsehen: Statt eine Position allein über Sachargumente durchzusetzen, werde in Talkshows lieber auf den Putz gehauen. «Manchmal ist es ein Theater, wie in der deutschen Politik um Macht gekämpft wird», sagt die Physikerin.
Dass die Bundesregierung alle vier Jahre komplett neu gewählt wird, hält Lux-Steiner für eine Verschwendung von Ressourcen. «Da geht wahnsinnig viel Wissen verloren.» Ausserdem führe es dazu, dass die Politiker kaum über eine Amtszeit hinaus denken würden.
Mehr Nachhaltigkeit in der Politik würde Lux-Steiner begrüssen. So könnte die neue Regierung ein langfristiges Förderprogramm für Institutionen beschliessen, die über 50-jährigen Arbeitslosen eine Erwerbsarbeit verschafften, schlägt sie vor. Dies verhindere nicht zuletzt, dass deren Kompetenzen für die Gesellschaft verloren gingen. «An meinem Institut könnte ich ohne weiteres 20 zusätzliche Arbeitskräfte brauchen.»
Paola Carega, Berlin, swissinfo.ch
Die breite Nutzung der Sonnenenergie setzt Techniken voraus, die zu einem grossen Teil noch in den Forschungslaboren stecken. Dies gilt vor allem für die Photovoltaik, mit der sich Sonnenlicht direkt in elektrischen Strom umwandeln lässt.
Das Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie hat sich in den letzten Jahren unter anderem auf die Entwicklung neuer Solarzellen spezialisiert.
Dabei handelt es sich um so genannte Dünnschicht-Photovoltaikzellen: Die auf einkristallinem und multikristallinem Silizium basierenden Solarzellen gelten mit ihren Wirkungsgraden von 25 bis 30% zwar als technisch ausgereift, sind aber sowohl vom Materialaufwand als auch von der Fertigung für eine massenhafte Produktion noch zu teuer.
Deshalb wird weltweit mit neuen Materialkombinationen und Fertigungsverfahren experimentiert, welche die Herstellung von Dünnschicht-Solarzellen erlauben.
Unter anderem forschen die Wissenschafter an Solarzellen mit Material wie Kupfer-Indium-Sulfid oder organischen Absorbern.
«Die Idee ist, dass man die Materialien durch die Chemie noch viel besser gestalten kann. Die organischen Materialien sind zwanzig Mal dünner als das, was wir vorher in der flexiblen Solarzelle gesehen haben», sagt Martha Lux-Steiner.
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