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Ständiger Konsum – das Gegenteil von Gemeinsinn

Roger de Weck
"Die Kraft der Demokratie": Roger de Wecks neues Buch ist auch eine starke Botschaft an die Politikerinnen und Politiker in Europa (Gaetan Bally). Keystone

Die Schweiz habe im Vorfeld der Wahlen vom Herbst Mühe mit der Konkordanz. Zu dieser Feststellung gelangt eine Gruppe Schweizer Politiker und Intellektueller, die dem "Club Helvétique" angehören.

Zu den Gründungsmitgliedern gehört auch der Publizist Roger de Weck. Seiner Ansicht nach müssen die liberalen und sozialen Werte wieder in den Mittelpunkt der politischen Diskussion gestellt werden.

Der frühere Chefredaktor des Zürcher Tages-Anzeigers und der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, Roger de Weck, spricht perfekt Französisch. Wenn er die Schweiz charakterisiert, benutzt der überzeugte Europäer aber den deutschen Ausdruck «Willensnation».

Um die Diskussionen über die Kohärenz des Landes wieder zu beleben, wurde vor wenigen Monaten der «Club Helvétique» gegründet. Er geht von der Feststellung aus, dass die Gefährdung der Konkordanz die Zukunft der Schweiz belastet.

swissinfo: Der Name Ihres Klubs bezieht sich auf die Zeit der Französischen Revolution. Ist die Situation in der Schweiz so schlimm, dass eine Revolution nötig ist?

Roger de Weck: Wir beziehen uns nicht auf die Französische Revolution, sondern auf die Gründung der modernen Schweiz im Jahr 1848. Diese war eine Folge der Aufklärung, und dieser Tradition hat sich unser Klub verschrieben.

Wir denken, dass in unserer postmodernen Zeit, in der Errungenschaften wie Gewaltenteilung und Unabhängigkeit des Rechtswesens in Frage gestellt sind, diese so genannte Aufklärung, das «Enlightment», nötig ist.

An diese Werte müssen wir uns erinnern, und daran, wie stark die Aufklärung uns beeinflusst hat.

swissinfo: Sie berufen sich auf die Vernunft. Heute stehen aber Gefühle im Vordergrund, die Befriedigung des Egos. Wie können Politiker jenen Tendenzen entrinnen, welchen die Gesellschaft nachrennt?

R. de W.: Es stimmt, es geht um die ganze Gesellschaft. Es ist, als ob diese heute nur noch aus Konsumenten zusammengesetzt wäre. Aber es sind die Bürgerinnen und Bürger, welche die moderne Schweiz geschaffen haben, und von ihrer Haltung und ihrem Engagement hängt die Vitalität der direkten Demokratie ab.

Man sagt, die Demokratie hänge von der Marktwirtschaft ab und umgekehrt, obwohl das Beispiel China das Gegenteil beweist. Je stärker die Marktwirtschaft wird, desto mehr werden wir zur Konsumgesellschaft. Und dieser ständige Konsum ist genau das Gegenteil von Bürgersinn, also vom Willen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen.

swissinfo: Der «Club Helvétique» appelliert vor allem an die Verantwortung der Politiker.

R. de W.: Diese spielen manchmal zu sehr das Spiel der Medien und der Konsumgesellschaft mit. Insofern ist der Populismus typisch für die Haltung, welche die Leute zum Konsum der Politik einlädt.

Der Staat wird dann zum simplen Leistungserbringer, er darf nicht viel kosten und wird einzig noch zur Bekämpfung der Kriminalität akzeptiert. Auf gewisse Weise konsumiert man den Staat, statt dass man seinen Teil dazu beiträgt.

swissinfo: Der «Club Helvétique» richtet sich gegen die Staatsfeindlichkeit, welche die Marktwirtschaft und nichts als die Marktwirtschaft predigt. Haben Sie damit die Schweizerische Volkspartei im Visier?

R. de W.: Wir kritisieren natürlich die SVP, aber nicht nur sie. Und wir sind nicht glühende Staatsverteidiger, ganz im Gegenteil. Der Staat muss ziemlich stark reformiert werden, aber man kann nicht nur deregulieren und sich nur um den schweizerischen Wirtschaftsstandort kümmern.

Auch uns ist dessen Überleben wichtig, aber er soll sich nach einer modernen Schweiz richten. Wir dürfen nicht nur die Wirtschaft modernisieren, wir müssen auch die Institutionen modernisieren, das politische, wirtschaftliche und soziale Gleichgewicht.

swissinfo: Konkordanz ist das Schlüsselwort Ihrer zehn Thesen. Ist diese im Lauf der Jahrhunderte gewachsene Fähigkeit dazu in Gefahr?

R. de W.: In der Regierung gibt es sie praktisch nicht mehr. Heute ist der Bundesrat nicht auf Konkordanz aufgebaut, sondern auf Proportionalität, also auf ein Kräfteverhältnis. Und das hat mit dem Willen zur Konkordanz nichts zu tun. Dazu gehören die Kollegialität und der Wille, sich auf einige Richtlinien eines Programms zu einigen.

Das ist ein Verlust für die Schweiz. Es gibt viele reine Konkurrenz-Demokratien, die weniger erfolgreich sind als es die Schweiz dank ihrer Konkordanz ist.

swissinfo: Wieweit wird die Willensnation Schweiz durch die Globalisierung gefährdet?

R. de W.: Die Globalisierung ist eine Chance für die Schweiz, unser Land kann viel davon profitieren. Unsere Multikulturalität ist eine grosse Trumpfkarte für eine intelligente Globalisierungs-Strategie.

Trotzdem, wenn man sich von allem abwendet, was die Stärke der Schweiz ausmacht, und sich nur auf die angelsächsischen Modelle ausrichtet, die mit der helvetischen Realität nichts gemein haben, wird die Schweiz nicht gestärkt, sie wird vielmehr geschwächt.

swissinfo: In den 1990er-Jahren gab der Neoliberalismus viel zu reden. Sie hingegen verteidigen die sozialen Grundlagen der Schweiz.

R. de W.: Die meisten von uns sind sozialliberal. Die Wirtschafts-Liberalisierung der letzten Jahrzehnte war sehr nützlich. Vorher gab es zu viele Kartelle in der Schweiz, eine gewisse Öffnung war nötig.

Doch diese Öffnung darf nicht nur die Wirtschaft betreffen. Wir müssen die Schweiz als Ganzes sehen, mit all ihren kulturellen, politischen, sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Werten.

Vielleicht bringt dieser Klub eine neue Art Patriotismus. Ein Patriotismus allerdings, der sich gegen den politischen Nationalismus richtet. Dieser ist nicht die richtige Antwort auf den wirtschaftlichen Internationalismus.

swissinfo-Interview: Carole Wälti
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)

Der ursprüngliche Club Helvétique war ein revolutionärer Klub, der 1781 von Freiburgern gegründet wurde, die nach dem Scheitern eines Aufstands gegen die Regierung ihres Kantons nach Paris gekommen waren.

Seine Mitglieder kritisierten das aristokratische und konservative Regime des Kantons und wollten die revolutionären Ideen in der Schweiz verbreiten.

Der heutige Club Helvétique, zu dessen Gründern Roger de Weck gehört, bezieht sich nicht auf die Revolution, sondern auf die Aufklärung und die Schaffung der modernen Schweiz im Jahr 1848.

Er hat rund 25 Mitglieder, Politikerinnen und Politiker sowie Intellektuelle aus allen vier Sprachregionen.

Dazu gehören unter anderem der Tessiner Ständerat Dick Marty, der frühere Genfer Ständerat Gilles Petitpierre, die Zürcher Nationalrätin Barbara Haering Binder, der frühere Bundesrichter Giusep Nay, die Journalistin Joëlle Kunz, der Soziologe Kurt Imhof und der Historiker Georg Kreis.

1953 im Kanton Freiburg geboren.

Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität St. Gallen.

Korrespondent in Paris für verschiedene Schweizer Zeitungen. Chefredaktor des Zürcher Tages-Anzeigers und ab 1997 der deutschen Wochenzeitung Die Zeit.

Roger de Weck schreibt als unabhängiger Journalist Leitartikel für verschiedene schweizerische, französische und deutsche Zeitungen.

Er ist Präsident des Stiftungsrats des Universitätsinstituts für internationale Hochschulstudien (Institut universitaire des Hautes études internationales – HEI) in Genf.

2004: Medienpreis Davos für hervorragende journalistische Arbeit.

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