Von Deutschen und Schweizern
Die Deutschen mögen die kleine Schweiz. Die Schweiz die Deutschen überhaupt nicht. Zum brenzligen Thema erscheint nun von FAZ-Schweizkorrespondent Jürg Altwegg und Publizist Roger de Weck ein neues Buch.
Der Titel der Texte-Sammlung: «Kuhschweizer und Sauschwaben».
Die Fussballweltmeisterschaft 2002 war der Auslöser für die illustre Essay-Sammlung «Kuhschweizer und Sauschwaben». Damals feierten in Zürich alle Völker mit Fahnen und hupenden Autokarawanen ihre Siege. Nur wenn eine Mannschaft gewann, blieb alles still: Deutschland.
Dieses Erlebnis in Zürich habe ihn dazu bewegt, das Thema, das ihn schon seit dem EWR-Nein 1992 beschäftigt, auf den Tisch zu bringen, erläutert Jürg Altwegg gegenüber swissinfo. Altwegg ist Schweiz-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) in Genf. Von ihm ist auch das Buch «Ach, du liebe Schweiz» erschienen.
Geschichten und Geschichte
In «Kuhschweizer und Sauschwaben» geht es um Historie und Alltag, um Klischees, um Ängste und Abgründe, die es in der Beziehung der beiden Länder gibt.
Die Autoren sind Deutsche und Schweizer, wobei die meisten der deutschen in der Schweiz leben oder lebten. Mit dabei unter anderen: Hanna Johansen, Adolf Muschg, Bruno Schoch, Roger de Weck, Jean Ziegler, Helmut Hubacher, Peer Teuwsen, Dietrich Schwanitz, Markus Kutter, Heinz Brestel, Gunhild Kübler, Michael Gamper, Peter Bichsel.
Sie alle liefern persönliche Erlebnisse oder Einschätzungen zur Beziehung der beiden Länder zueinander. Dies nicht einfach mit Blick auf das letzte Jahrhundert, sondern bis weit in die Geschichte zurück.
So kommt der Leser auch der Wahrheit hinter den Kraftausdrücken «Kuhschweizer!» und «Sauschwaben!» auf die Spur. Die sind nämlich viel älter, als man denkt. Sie stammen aus der Zeit der Schwabenkriege bzw. Schweizerkriege Ende des 15. Jahrhunderts.
Machos und Schweine
Was es mit Nomen und Omen alles auf sich hat, erklärt Autor Ludwig Rohner, Schweizer und Germanistik-Professor in Deutschland. So lernt der Leser und die Leserin, dass «Kuhschweizer» ursprünglich als geschlechterbezogenes Chauvi-Schimpfwort gemeint ist. Denn damals, so Rohner, besorgten in der Schweiz die Männer die Viehwirtschaft. In Deutschland jedoch war dies Frauensache.
«Die Schweizer schossen mit dem legendären ‚Sauschwaben‘ zurück, oft mit vorgespanntem ‚cheibe‘ (=aasig) und ‚huere‘ (=geil). ‚Sau‘ ist wohl nicht als Replik auf die ‚Kuh‘ gemeint, sondern als Steigerung, hier entschieden negativ besetzt.»
Föderalismus versus Landesfürsten
Aufschlussreich ist der Parallel-Vergleich der schweizerischen und deutschen Geschichte im Essay von Markus Kutter. Im politischen Bereich seien die Schweizer und die Deutschen aus geschichtlichen Gründen verschiedene Leute, so Kutter.
«Deutschland ist letztlich das Resultat eines Zusammenschlusses von Sippen und Stämmen und Fürstenhäusern ähnlicher Sprache; die Schweiz ein aus einer Miniatur-Konstellation hervorgegangenes Kristallisationsgebilde.»
Politikbereich auch im weiteren Verlauf der Geschichte:
«Die Schweiz wurde dank der von Frankreich befohlenen Helvetischen Republik und dem Diktat Napoleons ein Verfassungsstaat, föderalistisch aufgebaut aus souveränden Kantonen, während Deutschland ein Verein von Landesfürsten blieb.»
Deutschland wagte es, so Kutter, während den Aufständen 1848 nicht, die Forderung nach einer Republik aufzunehmen. Gleichzeitig gilt 1848 als der Beginn der modernen Schweiz, die sich im selben Jahr auch die bis heute aktuelle Verfassung gab.
Quasselnde Deutsche
Der Solothurner Autor Peter Bichsel bringt die weitverbreiteten Ressentiments und Ängste der Schweizer gegenüber den Deutschen in einem persönlichen Erlebnisbericht sehr schön und vielseitig aufs Papier – und auf den Punkt.
Wie viele Eidgenossinnen und Eidgenossen ist er hin- und hergerissen zwischen negativen Gefühlen und intellektueller Offenheit gegenüber dem grossen Bruder.
Dies nur schon beim länderübergreifenden Spaghetti-Essen, wie Bichsel erzählt: «Aber man kann mit einem Deutschen keine Spaghetti essen, ohne dass er dauernd über Spaghetti spricht und seine gesamten Spaghetti-Erfahrungen ausbreitet. Spaghetti sind ihm nicht selbstverständlich. Essen ist ihm nicht selbstverständlich. Nichts ist ihm selbstverständlich. Alles muss in Sprache umgesetzt werden.»
Deutschland ist bös
Aber nicht nur um Sprache und Spaghetti geht es Bichsel, sondern um die verschiedensten gesellschaftlichen und politischen Aspekte des Schweizerisch-Deutschen Verhältnis. Auch um Widersprüche auf eigener, Schweizer Seite:
«Wenn sich ein Deutscher über Deutschland freut, dann kommt er in Verdacht. Wir glauben, dass er eigentlich kein Recht hat, sich über Deutschland zu freuen. Und weil wir den Deutschen das antun, glauben wir immer noch, dass Deutschland nichts anderes im Sinne hat, als der Welt etwas anzutun.»
Leitfaden für Schweiz-Fahrende
Von der Distanz der Schweizer gegenüber Deutschen weiss auch die Autorin Hanna Johansen. Sie hat eine ironische Anleitung für Deutsche auf Schweizbesuch verfasst:
«Ein Leitfaden für die ersten drei Tag: 1. Denken Sie immer daran, dass Sie eine Deutsche oder ein Deutscher sind. Sie werden es brauchen. Das gilt unabhängig von allem, was Ihnen diese Tatsache bisher bedeutet oder nicht bedeutet hat. Und machen Sie sich darauf gefasst, dass Sie erst in zweiter Linie als Individuum gesehen werden.»
Für Deutsche, die trotz allem länger als drei Tage im Schweizerland bleiben wollen, hat Johansen spannende Zusammenhänge und auch bodenständige Analysen parat.
«Als Deutsche wird man Sie in der Schweiz für intelligenter halten, als Sie tatsächlich sind. Untersuchungen zeigen, dass das nicht nur im Alltag gilt, sondern sogar bei Psychoanalytikern, die immerhin dafür ausgebildet sind, Fassaden zu durchschauen. Die Gründe liegen wie so oft bei den ersten Lebenserfahrungen. In der Schweiz reagiert die statistisch erforschte Mutter schnell auf die wortlos artikulierten Wünsche des Kindes, während deutsche Mütter ein wenig länger auf ein verbales Signal warten. Diese Kinder wissen dann das Wort besser zu schätzen, während die Ersteren sich weniger davon versprechen.»
Kurzum: Ein lesenswertes Buch, für Besserwisserinnen und Besserwisser dies- und jenseits des Rheins. Ob all der kurzweiligen und einmaligen Information zum Thema stört es auch nicht wirklich, dass einige der Beiträge nicht Erstveröffentlichungen sind.
swissinfo, Anita Hugi
Das Buch «Kuhschweizer und Sauschwaben» ist eine Sammlung von Texten verschiedenster Schweizer und Deutscher Autoren.
Initiiert wurde das Buch von Jürg Altwegg und Roger de Weck.
Die Schweizer empfinden bis heute Ressentiments gegenüber den Deutschen.
Die Deutschen finden die Schweiz niedlich.
Die politische Beschaffenheit der beiden Länder ist sehr unterschiedlich.
«Kuhschweizer und Sauschwaben. Schweizer, Deutsche und ihre Hassliebe», Jürg Altwegg und Roger De Weck, Nagel & Kimche Verlag, Zürich.
Preis: 34.60 Fr.; Erscheinungsdatum: 17. März 2003.
Jürg Altwegg ist Schweizkorrespondent der FAZ. Er wohnt in Genf.
Der Publizist Roger de Weck lebt in Zürich und Berlin.
Spannend für Schweizer und Schweiz-Interessierte auch die Texte-Sammlung, welche die Journalistin Klara Obermüller unter dem Titel «Wir sind eigenartig, ohne Zweifel» zusammengestellt hat.
Ebenfalls im März bei Nagel & Kimche Verlag. Preis: 25.35 Fr.
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