IPCC-Weltklimabericht Klimawandel: "Schweiz hat Potenzial für Führungsrolle"

Der Urmia-See im Nordwesten Irans, einer der grössten Salzseen der Welt, ist in den letzten zehn Jahren um mehr als 80% seiner ursprünglichen Fläche auf 1000 km2 geschrumpft.

Der Urmia-See im Nordwesten Irans, einer der grössten Salzseen der Welt, ist in den letzten zehn Jahren um mehr als 80% seiner ursprünglichen Fläche auf 1000 km2 geschrumpft.

(Keystone)

Der Weltklima-Bericht liegt auf dem Tisch. Wie aber stehen die Chancen, dass die Menschheit den Klimawandel in den Griff bekommt? Der Schweizer Klimaphysiker Thomas Stocker gibt sich "grundsätzlich optimistisch", aber auch "realistisch".

Um verheerende Klimafolgen zu vermeiden, müssten die Treibhausgas-Emissionen drastisch gesenkt werden, nämlich um 40% bis 70% bis ins Jahr 2050. Dies geht aus dem abschliessenden Bericht des UNO-Klimarats zur globalen Erderwärmung hervor. Laut Thomas Stockerexterner Link, der massgeblich am Bericht mitgearbeitet hat, ist es schwierig, aber nicht unmöglich, dieses Klimaziel zu erreichen.

swissinfo.ch: Der Weltklimarat (IPCC)externer Link hat in seinem Synthese-Bericht zu schnellem Handeln aufgerufen. Zudem weist er darauf hin, dass die Erderwärmung mit weiteren Anstrengungen noch zu stoppen sei. Was heisst das konkret?

Thomas Stocker: Zunächst muss man betonen, dass diese Aussagen immer unter der Voraussetzung gesehen werden müssen, dass wir überhaupt als globale Gesellschaft ein Klimaziel erreichen, also den Klimawandel auf 2°C Erwärmung gegenüber vorindustrieller Zeit limitieren wollen.

Das Ziel, eine gefährliche Einwirkung des Menschen auf das Klimasystem zu verhindern, ist im Artikel 2 der UNO-Rahmenkonvention über den Klimawandel festgeschrieben, die seit 1994 in Kraft ist. Seit 2009 wird von vielen Staaten das 2°C-Ziel anvisiert. IPCC gibt nur Auskunft, was erforderlich ist, um dieses Ziel zu erreichen. Wir machen keine Empfehlungen und auch keine Vorschriften.

Der Berner Klimaphysiker Thomas Stocker.

(Universität Bern)

swissinfo.ch: Die Wissenschafts-Community hat ihre Arbeit getan. Gefordert sind nun die politischen Entscheidungsträger. Wie optimistisch sind Sie, dass es jetzt vorwärts geht?

T.St.: Grundsätzlich bin ich optimistisch, denn es gibt keine Alternative. Aber man muss auch realistisch sein, und der Realismus wird von der Wissenschaft geliefert. Der sagt nämlich, dass es bereits heute sehr schwierig, aber nicht unmöglich ist, dieses Klimaziel von 2°C zu erreichen.  Insbesondere wird das Zeitfenster, wo wir diese Option noch haben, mit jedem Jahr, in dem die Emissionen weiter ansteigen, kürzer. Und irgendwann in nächster Zukunft werden wir dieses Klimaziel verpassen. Mit jedem Jahrzehnt, in dem die Emissionen so weitergehen, werden wir etwa ein halbes Grad an Klimaziel verlieren.

Optimistisch bin ich, weil die Aussagen im jetzigen Klimabericht noch  deutlicher hervorheben, wo wir den Wandel sehen und wohin diese Klimaentwicklung geht. Aber auch weil im Gegensatz zum Klimagipfel von 2009 in Kopenhagen, wo kein bindendes Abkommen zustande kam, heute wesentliche Sektoren der Gesellschaft mit an Bord sind, zum Beispiel die Business-Community, aber auch der Finanzsektor. Am Ban-Ki-moon-Gipfel vom 23. September in New York wurde etwa ein globaler Preis für CO2-Emissionen gefordert.

swissinfo.ch: Wenn wir dieses Fenster trotzdem verpassen  – was dann?

T.St.: Dann muss man sich eingestehen, dass hier im Wesentlichen die politischen Entscheidungsträger und die Gesellschaft zu lange gewartet und versagt haben. Konsequenterweise müsste man dieses Ziel anpassen und nach oben korrigieren. Aber auch hier müssen wir realistisch bleiben: Das heisst nicht, dass die Aufgabe deswegen einfacher wird. Es heisst einfach nur, dass wir 5 oder 10 Jahre verpasst haben, ohne die notwendigen Schritte zu unternehmen, um ein Klimaziel zu erreichen. Und in 10 Jahren wird das 2,5-°C-Ziel so ehrgeizig und schwierig zu erreichen sein wie heute das 2-°C-Ziel.

swissinfo.ch: Gibt es denn Hoffnung, dass sich die Natur anpasst?

T.St.:…und das Problem für uns löst? Nein! Sicher werden sich die Natur und die Ökosysteme anpassen, aber es gibt Ökosysteme, die sich an einen so schnellen Klimawandel nicht werden anpassen können und verschwinden. In einem nicht bewohnten Planeten nimmt man das zur Kenntnis. Aber auf der Erde, dank dem Funktionieren dieser Ökosysteme, können wir zum Beispiel Nahrung produzieren und auf Ressourcen wie Wasser zugreifen. Ohne diese Ökosysteme, beziehungsweise mit eingeschränkter Dienstleistung, wird es sehr schwierig werden. Anpassungen werden in gewissen Regionen zunehmend schwieriger oder sogar unmöglich werden.

"Die Zeit drängt"

Der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) hat in seinem Abschlussbericht zum sofortigen Handeln aufgerufen. Notwendig sei die Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen um 40 bis 70% bis 2050, um eine Erwärmung über zwei Grad Celsius zu verhindern, erklärte der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri am Sonntag in Kopenhagen.

Die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre sei auf dem höchsten Stand seit mindestens 800'000 Jahren, warnte der IPCC, ein Resultat, das an der Universität Bern erarbeitet wurde und zu den grundlegendsten der Klimaforschung zählt.

Zwischen 1880 und 2012 habe sich die weltweite Oberflächentemperatur um 0,85 Grad erhöht, und der Meeresspiegel sei zwischen 1901 und 2010 um 19 Zentimeter angestiegen. Sollte der Ausstoss von klimaschädlichen Gasen wie Kohlendioxid nicht drastisch reduziert werden, drohe eine weitere Erwärmung und die Zunahme extremer Wetterphänomene wie Stürme, Hitzeperioden und Überschwemmungen.

swissinfo.ch: Sie fordern eine industrielle Revolution: die "Erneuerbarisierung". Was bedeutet das für die Klimaziele der Schweiz?

T.St.: Das ist vor allem eine riesige Chance. Bei all diesen industriellen Revolutionen, die früher stattgefunden haben – die Mechanisierung, die  Elektrifizierung und die Digitalisierung – hat der grundlegende Wandel  immer auch viel Wohlstand generiert, es ergaben sich neue Gelegenheiten, neue Arbeitsplätze wurden geschaffen, alte verschwanden.

Das Bild der Industrialisierung soll illustrieren, dass es nicht ein Problem ist, das wir in vier Jahren lösen können, sondern dass dies eine Generationenaufgabe ist für die ganze Welt. Alle bisherigen industriellen Revolutionen haben innerhalb relativ kurzer Zeit die ganze Welt erfasst, weil sie durch etwas Neues und Vernünftigeres überzeugt haben.

Auch in diesem Fall muss etwas Smarteres überzeugen – nämlich durch das Schliessen von Material-Kreisläufen, das Reduzieren der Verschwendung von knappen Materialien, die wir etwa für Batterien oder Mobiltelefone brauchen, oder  Phosphor für die Düngung. Auch hier sind die Ressourcen beschränkt.

swissinfo.ch: Ist es zum heutigen Zeitpunkt technisch möglich, auf eine kohlenstoffarme und damit emissionsarme Wirtschaft umzustellen?

T.St.: Diese Frage hat man auch nicht gestellt, als IBM Hochleistungsrechner für einige wenige Zentren baute. Man konnte sich damals nicht vorstellen, dass in kürzester Zeit jeder Mensch sogar mehrere Computer besitzen würde.

Für eine kohlenstoffarme oder -freie Industriegesellschaft ist die Technologie noch nicht vollständig vorhanden. Da müssen noch viele Erfindungen getätigt werden. Und das sind genau die Gelegenheiten, die sich für ein Land wie die Schweiz auftun, wo die Innovationskraft sehr hoch ist. Wir können tatsächlich einen wichtigen Beitrag zur Lösung dieses Weltproblems liefern.

swissinfo.ch: IPCC-Chef Rajendra Pachauri hat bei der Präsentation des Berichts in Bern sogar von einer Führungsrolle der Schweiz gesprochen. Ist eine solche realistisch?

T.St.: Es ist sicher nicht realistisch, wenn man nicht will. Aber wenn man will, könnten sich solche Pläne erfüllen. Ich weiss, dass die Schweiz sehr gut aufgestellt ist, die Innovationskraft ist sehr hoch, die Forschungsleistung ebenso. Von daher gibt es keine bessere Ausgangsposition. Wenn nicht wir, dann andere.

swissinfo.ch: Klimaschutz kostet Geld. Sind diese Investitionen verkraftbar?

T.St.: Der Klimarat hat abgeschätzt, dass der Klimaschutz zu einer Verringerung des Wachstums von rund 0.06% pro Jahr führt. Wachstum ist also weiterhin möglich, jedoch verlangsamt.

swissinfo.ch: Welche Signalwirkung könnte der jüngste IPCC-Bericht für das bevorstehende Treffen im Dezember in Peru und für den Klima-Gipfel 2015 in Paris haben?

T.St.: Ein wichtiger Punkt ist, dass jetzt die Wissenschaft gesprochen hat. Sie ist aber nur ein Teil der Information, die politische Entscheidungsträger bei solchen Gipfeln berücksichtigen. Allerdings ist es eine wichtige und grundlegende Information, die auch nicht verhandelbar ist. So gesehen denke ich, hat die Wissenschaft eine grosse Aufgabe erfüllt.

Wie das dann die Länder aufnehmen, welche Konsequenzen sie daraus ziehen, ist noch offen, denn die einzelnen Beiträge an die Klimaziele werden von den Ländern erst im März veröffentlicht.

swissinfo.ch

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