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Warum die Schweiz trotz Kritik Fussballplätze der Fifa in Palästina finanziert

Jungen, die in der besetzten Westbank in der Nähe beschädigter Häuser Fussball spielen
«Durch das Spielen können Kinder ihre Gefühle ausdrücken und die durch den Krieg verursachten Spannungen und Ängste abbauen», sagt Tamara Awartani von «Palestine Sports for Life». John Wessels / Keystone

Die Schweiz finanziert über die Fifa Minifussballplätze in Palästina, die Kindern als «sichere Räume» dienen sollen. Angesichts der anhaltenden Gewalt und der akuten humanitären Not fragen sich Kritiker:innen, ob Fussballplätze den dringendsten Bedürfnissen junger Menschen gerecht werden.

Als sich im Februar eine Gruppe von Staats- und Regierungschefs in Washington traf, um im von US-Präsident Donald Trump neu geschaffenen «Board of Peace» über Gaza zu sprechen, wurde ihnen ein kurzes Video gezeigt.

Darin erhebt sich ein glänzendes neues Fussballstadion aus der Asche zerbombter Gebäude, während ein Sprecher erklärt: «Ein einfacher Ball. Ein gemeinsames Spielfeld. Ein Grund, wieder zu glauben.»

Damit kündigte der Weltfussballverband Fifa Pläne an, 75 Millionen US-Dollar zu beschaffen und im vom Krieg verwüsteten Gebiet 50 Mini- und fünf reguläre Fussballplätze, ein Nationalstadion und eine Fussballakademie zu bauen. Investitionen in den Sport würden den «Wiederaufbauprozess» unterstützen, sagte Fifa-Präsident Gianni Infantino den Delegierten.

Nur wenige Monate zuvor hatte die Organisation mit deutlich weniger Aufsehen eine weitere Initiative vorgestellt: Gemeinsam mit der Schweiz will sie in Palästina und Israel zehn Minifussballplätze bauen.

Diese «sicheren Orte» sollen einen «konkreten Beitrag zur Verbesserung des Alltags von Kindern und Jugendlichen» leisten, teilt das Aussendepartement gegenüber Swissinfo mit.

Mit einer Finanzierung von 60’000 Franken pro Platz ist es die erste solche Partnerschaft des Departements mit der Fifa – und eine, die nach Einschätzung einiger Fachleute Nutzen bringen kann.

«Minifussballplätze sind nicht bloss Orte zum Spielen – sie sind sichere Zufluchtsorte, die psychologische und soziale Unterstützung bieten», sagt Tamara Awartani, Direktorin der in Gaza ansässigen NGO Palestine Sports for Life.

Solche Orte könnten Kindern ermöglichen, durch den Konflikt verursachten Stress abzubauen, Freundschaften zu schliessen und Freude zu erleben, sagt sie.

Connor Spreng leitet die Swiss Academy for Development (SA4D), eine gemeinnützige Organisation mit sport- und spielbasierten Programmen für Kinder. Er stimmt Awartani zu, mahnt aber zur Vorsicht: Um erfolgreich zu sein, müsse ein solches Projekt «den Kontext sorgfältig berücksichtigen».

Die Lage in Palästina ist komplex. Die Fifa steht in der Kritik, weil sie israelischen Fussballklubs erlaubt, auf von Palästinenser:innen im Westjordanland beschlagnahmtem Land zu spielen.

In Gaza dauern die Kämpfe trotz eines im Oktober vereinbarten Waffenstillstands an, während humanitäre NGOs angesichts der Restriktionen der israelischen Regierung Mühe haben, präsent zu bleiben.

«Sicherheit ist das Wichtigste»

Berichten zufolge wandte sich die Fifa im vergangenen Sommer wegen der Finanzierung der Minifussballplätze an die Schweiz. Das Aussendepartement erklärte, es führe «gründliche Risikobeurteilungen» für Projekte durch, und die Wahrscheinlichkeit eines Nutzens für die Kinder vor Ort überwiege mögliche Schäden.

Doch noch vor der Vereinbarung mit der Fifa zeigten interne E-Mails, die dem Westschweizer Radio RTS vorliegenExterner Link, dass es im Departement abweichende Stimmen gab.

«Im gegenwärtigen Kontext sind die Chancen, einen positiven Beitrag für Kinder zu leisten, gering, zumal ihre Bedürfnisse dringend sind», schrieb eine Person aus dem Departement.

«Ein Fussballturnier zu organisieren, während gewalttätige Siedler Palästinenser:innen von ihren Olivenhainen vertreiben, ergibt einfach keinen Sinn – unser Engagement würde das falsche Signal senden», schrieb eine andere Person.

Tödliche Angriffe in Gaza dauern trotz des Waffenstillstands an. Bis zu 90% der Bevölkerung sind vertrieben. Laut Awartani stehen nach zwei Jahren Krieg zwischen der Hamas und Israel nur noch etwas mehr als 10% der Sportinfrastruktur.

Eine vertriebene Frau hängt Wäsche vor einem Stadion auf, das nun als Notunterkunft dient
Das Yarmouk-Sportstadion in Gaza-Stadt, in dem früher Fussballspiele stattfanden, wurde während des Kriegs beschädigt und dient nun als provisorische Unterkunft für Tausende von vertriebenen Palästinenserinnen und Palästinensern. Copyright 2024 The Associated Press. All Rights Reserved.

Im Westjordanland, wo Berichten zufolge die ersten beiden Plätze bereits im Bau sind, baut die israelische Regierung weiterhin völkerrechtswidrige Siedlungen aus, und die Gewalt von Siedler:innen nimmt zuExterner Link.

Zehntausende Palästinenser:innen würden durch «unablässige Schikanen, Einschüchterung und die Zerstörung von Häusern und Ackerland» vertrieben, berichteten die Vereinten Nationen. Israel macht für diese Angriffe eine «randständige Minderheit» verantwortlichExterner Link.

«Sicherheit ist das Wichtigste, und einen Fussballplatz zu bauen bedeutet nicht, dass Kinder sicher dorthin gelangen können», sagt Tomáš Bokor, Landesdirektor für Palästina der auf Kinder ausgerichteten Schweizer NGO Terre des Hommes. Er weist darauf hin, dass Schulen und Infrastruktur angegriffen worden seien.

Das Aussendepartement wollte nicht sagen, wo die Minifussballplätze liegen werden. Dokumente, die RTS einsehen konnte, deuten jedoch darauf hin, dass sich die ersten beiden Standorte in Tulkarem im nördlichen Westjordanland und in Wadi Al-Nis im Süden befinden. Das Projekt hat sich wegen der Sicherheitslage verzögert, die übrigen acht Plätze sollen aber im nächsten Jahr fertiggestellt werden.

In der Gegend in und um Tulkarem wurden laut den Vereinten Nationen und lokalen Medienberichten in diesem Jahr bisher palästinensische Hirt:innen von Siedler:innen angegriffenExterner Link, Geflüchtete durch die Ausweitung einer militärischen Anordnung vertriebenExterner Link, und die israelische Armee entdeckte eine Rohrbombenfabrik.

Das zerstörte Innere eines Klassenzimmers einer Schule
Eine weiterführende Schule in der Nähe von Nablus im Westjordanland erlitt nach einem Angriff israelischer Siedler Anfang Januar Brandschäden, wie die Nachrichtenagentur Wafa berichtete. Keystone

Neben der Sicherheit müsse das Projekt auch seine künftige Tragfähigkeit sicherstellen, sagt Spreng von SA4D: «Wir müssen nach der längerfristigen Trägerschaft und der Einbindung der Gemeinschaft fragen, um verlassene Spielfelder zu vermeiden. Wer ist [zum Beispiel] für Reparaturen zuständig?»

Auf diese Frage antwortete das Aussendepartement, dass lokale Behörden und nationale Fussballverbände Nachhaltigkeit und Monitoring sicherstellen würden.

«Eine PR-Übung»

Die Projektpartnerin der Schweiz, die Fifa, ist in der Region selbst in Kontroversen verstrickt. Im Februar reichte eine Koalition von Interessengruppen eine Strafanzeige beim Internationalen StrafgerichtshofExterner Link ein, die auch gegen Infantino gerichtet ist.

Die Gruppen werfen ihm vor, «Beihilfe zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit» zu leisten, indem er israelischen Fussballklubs, die «in illegalen Siedlungen auf besetztem palästinensischem Gebiet ansässig sind», erlaube, in israelischen Ligen zu spielen, und sie finanziell unterstütze.

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Diese Praxis «legitimiert Israels illegale Besetzung Palästinas», behaupten sie. Palästinenser:innen seien als Zuschauer:innen, Spieler:innen oder Manager:innen dieser Klubs ausgeschlossen.

Im März büsste die Fifa den israelischen FussballverbandExterner Link nach Beschwerden des palästinensischen Fussballverbands wegen Rassismus und Diskriminierung mit 150’000 Franken.

Sanktionen wegen der Siedlerklubs lehnte sie jedoch mit der Begründung ab, der «endgültige rechtliche Status des Westjordanlands bleibt eine ungelöste […] Frage des Völkerrechts».

Israel argumentiert, es handle sich um umstrittene Gebiete; der Internationale GerichtshofExterner Link und die grosse Mehrheit der internationalen Gemeinschaft betrachten israelische Siedlungen jedoch als völkerrechtswidrig.

Auf die Beschwerden angesprochen, erklärt das Schweizer Aussendepartement, es kommentiere die Entscheide des Weltfussballverbands nicht, «begrüsst aber alle Bemühungen zur Beseitigung von Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung». Die Fifa antwortete nicht umgehend auf die Anfragen von Swissinfo.

Nick McGeehan, Direktor von Fairsquare, einer in London ansässigen NGO für Menschenrechte und Sport, nennt die Partnerschaft zwischen der Schweiz und der Fifa «eine bemerkenswerte, aber – aus meiner Sicht – höchst problematische Initiative».

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Das Projekt sei «ganz klar eine PR-Übung», um vom Druck wegen der Siedlerklubs abzulenken, argumentiert er. «Das war für die Fifa nach dem Waffenstillstand eine Möglichkeit zu sagen, sie tue etwas, um den Konflikt auf unpolitische Weise anzugehen.»

McGeehan, dessen Organisation bei der Fifa eine davon unabhängige Ethikbeschwerde gegen InfantinoExterner Link wegen mutmasslicher Verletzung der politischen Neutralität des Verbands eingereicht hat, weist darauf hin, dass die Fifa über genügend Mittel verfüge, um diese Initiative selbst zu finanzieren.

«Warum stellt die Schweizer Regierung einer Organisation Geld zur Verfügung, die Milliarden an Reserven hat und in der Schweiz bereits von Steuervergünstigungen profitiert?», sagt er. «Die Fifa stellt ihren Mitgliedverbänden jedes Jahr Millionen zur Verfügung, und ein Teil dieses Geldes ist dafür da, Dinge wie Spielfelder zu finanzieren.»

Die Partnerschaft mit der Fifa zum Bau von Minifussballplätzen ist Teil des im November angekündigten humanitären Hilfspakets der Schweiz für Gaza im Umfang von 23 Millionen Franken.

Die Fifa hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 weltweit 1000 Minifussballplätze zu errichten. Zwischen März und November 2025 eröffnete sie 30 Minifussballplätze in 15 Ländern.

Der Weltfussballverband hat seinen Sitz in Zürich, wo er als gemeinnütziger Verein registriert ist, der dem öffentlichen Interesse dient.

Solche Vereine sind von der Gewinnsteuer befreit, wenn sie ihre Einnahmen in ihren statutarischen Zweck reinvestieren – im Fall der Fifa die Förderung des Fussballs auf der ganzen Welt.

Ende 2025 verfügte die Fifa über Reserven von insgesamt 2,7 Milliarden US-Dollar und dürfte mit der Weltmeisterschaft 2026 rund 11 Milliarden US-Dollar einnehmen.

Ihre Minifussballplätze werden laut RTS in der Regel von Gastgeberländern und deren nationalen Fussballverbänden finanziert – selten von einem Drittgeldgeber, wie im Fall der Schweiz.

Akute humanitäre Bedürfnisse

Während die Schweiz und die Fifa Minifussballplätze ins Auge fassen, bleiben die humanitären Bedürfnisse der Palästinenser:innen akutExterner Link. Dazu gehören grundlegende Dinge wie Notunterkünfte.

NGOs haben jedoch Mühe, diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. Sie sehen sich mit neuen Registrierungsregeln konfrontiert, unter anderem mit der Verpflichtung, die persönlichen Daten aller palästinensischen Mitarbeitenden bei israelischen Behörden zu registrieren.

Mehr als ein Dutzend führende internationale NGOs, darunter Terre des Hommes, haben sich geweigert, dies zu tun, weil sie befürchten, damit gegen Datenschutzgesetze in Geberländern wie der Schweiz zu verstossen, erklärt Bokor. Zudem sorgen sie sich um die Mitarbeitenden selbst, deren Sicherheit Israel laut Bokor nicht zu garantieren bereit war.

Eine Schulklasse in einem provisorischen Unterrichtsraum
In einem der provisorischen Unterrichtsräume von Terre des Hommes im Lager Al-Fajr in Al-Mawasi, Khan Younis, Anfang 2026. Terre des hommes/Majdi Fathi

Auch Zugangsbeschränkungen behindern die NGOs. Hilfsgüter im Wert von einer halben Million Dollar, die Terre des Hommes mit Mitteln der Europäischen Union und der Schweiz beschafft hat, lagern seit über einem Jahr in Kairo, nachdem israelische Behörden mehrere Anfragen zur Einfuhr nach Gaza abgelehnt hatten. Die Fracht enthält Hygienesets und Materialien für Unterstützungsangebote für Kinder, etwa Malbücher, Bleistifte und Spielzeug.

Für den Gegenwert von 120’000 Franken – dem Preis von zwei Minifussballplätzen – könnte Terre des Hommes für sechs Monate zehn temporäre Unterrichtsräume für 1000 Kinder einrichten, sagt Bokor.

«Palästinenser:innen wollen, dass ihre Kinder lernen, doch ihnen werden diese Möglichkeiten systematisch verweigert», sagt er. Bis Juni 2025 waren im Westjordanland laut den Vereinten Nationen 84 Schulen von Abrissverfügungen betroffen. Im besetzten Ostjerusalem wurden im vergangenen Jahr sechs UNRWA-Schulen geschlossen, was Hunderte Schüler:innen betraf.

«Grundsätzlich ist es gut, sichere Orte für Kinder bereitzustellen», fügt Bokor hinzu. «Wird der Bau von Minifussballplätzen das im Westjordanland erreichen?»

Der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis sagte der PresseExterner Link im vergangenen November, sie könnten das. Die Spielfelder, so sein Argument, deckten das Bedürfnis der Kinder, zu spielen, und böten ihnen eine rasche Ablenkung: «Das ist weit wichtiger als viele andere Aktivitäten, die wir unternehmen.»

Editiert von Tony Barrett/vm/sj, Übertragung aus dem Englischen: Michael Heger/raf

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