easyvote-Tagung 2017 Wie viel Spielerei verträgt die Demokratie?




Die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion an der easyvote-Tagung 2017: Christian Wasserfallen, Stephan Weber, Nadja Maurer (Gesprächsleiterin), Lionel Battegay und Andreas Ladner (von links).

Die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion an der easyvote-Tagung 2017: Christian Wasserfallen, Stephan Weber, Nadja Maurer (Gesprächsleiterin), Lionel Battegay und Andreas Ladner (von links).

(easyvote)

Alter Fakt: die Jungen in der Schweiz begeistern sich unterdurchschnittlich fürs Abstimmen und Wählen. Bis zu 20% beträgt an der Urne der Graben zu den Älteren. Ein nicht mehr ganz so neues Rezept dagegen: Der Stimm-Jugend mit digitalem Schub auf die Sprünge helfen. Etwa mit virtuellen Rollenspielen.

Dieser Beitrag ist Teil von #DearDemocracy, der Plattform für direkte Demokratie von swissinfo.ch.

500 Flüchtende, die innert 14 Tagen ein Dach über dem Kopf haben müssen: deine Stadt steht vor einem realen Problem.

Statt den Job den Politikern und Behörden zu überlassen, und anschliessend über diese herzuziehen, bist nun du am Zug. Flugs bist du in einer Partei, vertrittst diese im Stadtparlament, und schon tagt erstmals deine Kommission. Oder wärst du lieber Journalist beim örtlichen Medium? Oder gar der knallharte Vertreter einer Interessengruppe? Halt! Du spekulierst auf den Jackpot - Bürgermeisterin!

Die Unterbringung einer grösseren Flüchtlingsgruppe ist eines von 80 Planspielen, das die Tüftler von planpolitik externer Linkaus Berlin entwickelt haben.

Das Bewusstsein schärfen, dass aufgrund unterschiedlicher Interessen stets Lösungen gefunden werden müssen, die für alle mindestens tragbar sind. Das sagt Simon Raiser von planpolitik an der easyvote-Tagung 2017externer Link (mehr dazu in der Box) in Bern zur Zielsetzung der Simulationen.

Gefragt seien soziale Kompetenzen, Verhandlungsgeschick und Teamarbeit, so Raiser. "Empathie ist die Grundvoraussetzung für Demokratie-Fähigkeit."

Der Junge, der die Jungen erreicht: Lionel Battegay, erfolgreicher  Youtuber.

(easyvote)

Die Rollen werden vom Programm verteilt. Die Spiele richten sich insbesondere, aber nicht ausschliesslich an Junge. Die Spieldauer beträgt zwischen eineinhalb Stunden und drei Wochen.

Nach einigen Startschwierigkeiten funktioniere das Konzept - die Teilnehmenden liessen sich richtiggehend mitziehen, bilanziert Raiser nach mittlerweile 12 Jahren Planspiel-Praxis.

Viel mehr als E-Voting

Mehr und besseres Wissen, bessere Entscheide, Förderung der politischer Bildung, wie von planpolitik vorgemacht, interaktive Prozesse zum Aushandeln von Lösungen, Vernetzung, Crowdfunding: Hier soll digitale Technologie als Treiber wirken. Darin waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion einig.

"Ich bin enttäuscht, wenn Partizipation das einzige Ziel der Digitalisierung sein soll", sagt Andreas Ladner, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Lausanne. Es gebe Aktualisierungsbedarf punkto Demokratie. Aber was die Partizipation betrifft, sieht er keinen grossen Handlungsbedarf. "80% der Schweizer Stimmbürger beteiligen sich an Wahlen und Abstimmungen, wenn sie sich angesprochen fühlen und es für sie 'darauf ankommt'", so Ladner.

Zur Einordnung: Ein grosser Teil davon sind im wahrsten Sinn des Wortes Gelegenheits-Stimmbürger. Sie finden relativ selten, dass es "drauf ankommt", um bei Ladners Worten zu bleiben. In den letzten Jahren betrug die Beteiligung an Abstimmungen in der Schweiz im Schnitt 45%.

75% Stimmbeteiligung möglich, aber...

Würde man E-Voting einführen und die elektrische Stimmabgabe mit smartvote externer Linkverbinden, einer von ihm mitentwickelten digitalen Wahlhilfe, würde die Stimmbeteiligung "schon morgen 75% betragen", sagt Ladner. "Aber würde das auch Sinn machen? Wird Demokratie so nicht zu spielerisch?" Denn dies hätte Konsequenzen, beispielsweise für die Parteien. Deren Bedeutung würde sinken.

easyvote-Tagung 2017

Thema der Fachtagung vom 10. Mai 2017 in Bern war die "Digitalisierung der Politik – Der Schlüssel zu mehr politischer Partizipation?"

Fachleute aus Forschung, Medien und Politik diskutierten, wie Digitalisierung die politische Beteiligung der jungen Erwachsenen beeinflusst und wie diese eingesetzt werden kann, damit mehr Junge an Abstimmungen und Wahlen teilnehmen.

Die Gruppe der bis 25-Jährigen ist an der Urne untervertreten. Die Differenz zur durchschnittlichen Beteiligung von 45% beträgt zwischen 15% und 20%.

easyvote ist ein unabhängiger, neutraler und transparenter Akteur zur Förderung der politischen Partizipation von jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren.

Bekanntestes Format sind animierte Videos, in denen die eidgenössischen Abstimmungsvorlagen leicht verständlich erklärt werden.

Easyvote ist ein Programm des Dachverbandes der Schweizer Jugendparlamente (DSJ).

Christian Wasserfallen, Nationalrat der Mittepartei FDP.Die Liberalenexterner Link, sieht einen anderen digitalen Nutzen: Übersicht. "Mit den Sachabstimmungen auf allen drei Ebenen Bund, Kantonen und Gemeinden hält die Schweiz den Weltrekord, machen diese doch 50% aller weltweiten Sachabstimmungen aus. Da ist es klar, dass selbst ich nicht über jede Zonenplanänderung den Überblick habe", gibt der Parlamentarier zu.

Weiterer Vorteil für Wasserfallen: Das Internet versorgt Menschen mit Informationen, die keine traditionellen Medien nutzen. "Je mehr Menschen über etwas informiert sind, desto eher gehen sie an die Urne."

Der Junge, der den Youtube-Dreh raus hat

Ja, Junge lassen sich tatsächlich via Internet erreichen. Einer, der das schafft, ist der 19-jährige Lionel Battegay, der auf Youtube seinen digitalen Kanal Ask Switzerlandexterner Link betreibt. Eines seiner Videos, in denen der schlagfertige Basler vorwiegend Gleichaltrige über die Schweiz und ihre Bewohner befragt, wurde schon von über 100'000 Usern angeschaut.

Obwohl ihm das Internet zu einer grossen Community verholfen hat, von der einige traditionelle Medien nur träumen können, bleibt Battegay kritisch: "Facebook pusht krasse Inhalte, das bedeutet ein grosses Risiko." Und auf Twitter, das weiss auch der Youtuber, würde auch er die Jungen nicht erreichen.

Demokratie also via WhatsApp und Snapchat, zwei soziale Medien, die bei Jugendlichen ganz hoch im Kurs stehen? Frage an den Journalisten Stephan Weber, was dies für traditionelle Informationsmedien bedeute. "Eine riesige Herausforderung," so der Radio-Journalist. "Sie dürfen nicht auf jeden Zug aufspringen, sondern müssen die Kanäle spezifisch aufgrund der Inhalte auswählen."

Die Dynamisierung, welche die Digitalisierung in allen Bereiche der Gesellschaft bringt, also auch in die Politik, sieht Politologe Andreas Ladner durchaus auch positiv. "Da ist sehr viel Kreativität gefragt, weil stets neue Ideen notwendig sind. Man sieht jetzt, dass Dinge funktionieren, so die Clips auf Youtube." Das führe nun zu neuen Fragen. "Wer soll das machen? Wer kann das machen? Die Bundeskanzlei oder Private?"


Was ist Ihr Tipp, wie Junge vermehrt für Politik begeistern? Schreiben Sie uns in den Kommentaren!


Der Autor auf Twitter: @RenatKuenziexterner Link


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