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100 Jahre unter einem Dach

1944: Flüchtlinge an der Schweizer Grenze - hier bei Basel.

(Keystone Archive)

1904 wurde der Israelitische Gemeindebund gegründet, um gegen das Schächtverbot in der Schweiz anzukämpfen. Flüchtlingspolitik und Antisemitismus sind weitere Kernthemen des SIG.

Auch der langwierige Streit zwischen orthodoxen und liberalen Juden ist nicht beigelegt.

"Wir arbeiten stark daran, Vorurteile gegenüber Juden abzubauen und den Antisemitismus in der Schweiz, soweit das möglich ist, zu bekämpfen", sagt Thomas Lyssy, Vizepräsident des SIG, gegenüber swissinfo.

Aufklärung sei weiterhin zentral, aber "es gibt auch Leute, die gar nicht hören wollen und somit auch nichts hören". Die Juden würden noch immer als Minderheit wahrgenommen und nicht als richtige Schweizer, obwohl die meisten der gegen 20'000 Juden hierzulande Schweizer Bürger seien.

Schweizer Juden sind nicht Israeli

Laut Thomas Lyssy nehmen die Anfeindungen jeweils zu, wenn die Lage im Nahen Osten eskaliert. "Es ist, als hätte ich selber im Helikopter gesessen, als Scheich Jassin getötet wurde."

Die Schweizer Juden stellten ein sehr breites politisches Spektrum dar, und in Bezug auf den Nahost-Konflikt vertrete der SIG keine offizielle Meinung. "Der SIG ist nicht für oder gegen Herrn Sharon oder für oder gegen die Rückgabe von besetzten Gebieten."

Gefragt sei der Gemeindebund zum Beispiel, wenn die Berichterstattung in den Medien antisemitische Untertöne bekomme, sagt Lyssy.

In dem Zusammenhang kam eine jüngst veröffentlichte Studie unter dem Patronat der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus zum Schluss, dass es in den Deutschschweizer Medien eigentlich keinen sichtbaren Antisemitismus gebe. Ausser manchmal im Rahmen der Berichterstattung über den Nahost-Konflikt.

Feindseligkeiten gegen Schweizer Juden hätten zur Folge, dass die Sicherheitsvorkehrungen gegen jüdische Einrichtungen immer wieder verschärft werden müssten, so Lyssy.

"Sie können kein jüdisches Gemeindehaus, keine jüdische Schule oder Synagoge betreten, ohne kontrolliert zu werden wie auf einem Flughafen." Die Juden hätten sich daran gewöhnt. "Eigentlich ist es aber schlecht, dass man sich an solche Dinge gewöhnt."

Dauerbrenner Schächtverbot

Das Thema Schächtverbot ist auch heute noch aktuell in der Schweiz. Massive Kritik erfuhren die jüdischen Gemeinden der Schweiz vor zwei Jahren, als der Bundesrat das seit Ende des 19. Jahrhunderts bestehende Schächtverbot lockern wollte.

Nach massivem Widerstand aus der Bevölkerung und von Tierschützern verzichtete die Regierung bei der Revision des Tierschutzgesetzes auf die Streichung dieses Artikels.

Für den SIG ein Schlag, war er vor 100 Jahren doch als Interessens-Verband zur Bekämpfung des Schächtverbots entstanden.

Garantiert ist in der Schweiz der Import von koscherem Fleisch. Jedenfalls vorläufig noch, denn der Schweizerische Tierschutz (STS) hat im Juli 2003 eine Initiative eingereicht, die den Import von koscherem Fleisch verbieten will. Für die Juden und auch die Muslime würde dies eine Einschränkung der Religionsfreiheit bedeuten.

Jonglier-Akt

Mitte der 90er-Jahre geriet die Schweiz wegen ihres Verhaltens während des Zweiten Weltkriegs ins Kreuzfeuer internationaler Kritik. Es ging um nachrichtenlose Vermögen von Holocaust-Opfern auf Schweizer Banken, um Raubgold und Raubkunst.

Der SIG, der sich schon in den 50er- und 60er-Jahren mit der Frage der nachrichtenlosen Vermögen befasst hatte, schaltete sich als Vermittler ein zwischen internationalen jüdischen Organisationen, (z.B. World Jewish Congress) und den Schweizer Banken sowie dem Bundesrat.

Der damalige SIG-Präsident Rolf Bloch exponierte sich an vorderster Front. Ihm gelang es, den Bundesrat davon zu überzeugen, dass die Schweiz die Verantwortung für die im Zweiten Weltkrieg begangenen Fehler übernehmen müsse.

Es wurde der "Schweizerische Spezialfonds zugunsten bedürftiger Holocaust-Opfer" geäufnet – mit knapp 300 Mio. Franken von Banken und Industrie. Rolf Bloch wurde Präsident des Fonds.

Unter massivem Druck – von aussen und innen

Zur Zeit der Naziherrschaft hatten die Juden in der Schweiz unter enormem Druck gestanden und waren angesichts der Flüchtlingsströme extrem gefordert.

Der Verband unterstützte teils die restriktive Politik der Schweiz, da es für ihn überlebenswichtig war, mit der Schweizer Regierung in gutem Einvernehmen zu leben.

"Mit ihrer Politik wollte die SIG-Spitze verhindern, dass die Juden in der Schweiz und die Flüchtlinge, die schon da waren, gefährdet werden", betont Lyssy gegenüber swissinfo.



Dieses Verhalten führte allerdings zu Auseinandersetzungen innerhalb des SIG. Noch während des Krieges wurde dessen Spitze ausgewechselt.

Es gebe immer wieder so genannte Historiker, die dem SIG und den Schweizer Juden die Schuld für die damalige Flüchtlingspolitik in die Schuhe schieben wollten, kritisiert der Vizepräsident des Dachverbandes.

Der eigentliche Skandal sei aber, so Lyssy, dass die Juden für ihre Flüchtlinge selber aufkommen mussten. Einfach war es für die relativ kleine jüdische Gemeinde nicht, die Tausenden von mittellosen Flüchtlingen zu betreuen.

Innerjüdischer Zwist

Der Israelitsche Gemeindebund bezweckt auch die "Wahrung und Förderung der gemeinsamen Interessen der Juden in der Schweiz" und vertritt sie gegenüber den Behörden und gesamtschweizerischen Institutionen.

Allerdings sind nicht alle Juden in der Schweiz im Dachverband vertreten. Vor einem Jahr hatte es der SIG abgelehnt, zwei liberale Gemeinden aus Zürich und Genf aufzunehmen.

Damit wurde zwar eine Spaltung des SIG verhindert, denn zwei gewichtige orthodoxe Gemeinden hatten unmissverständlich klar gemacht, dass es für sie kein Verbleiben unter einem gemeinsamen Dach mit Liberalen geben könne. Auf der anderen Seite aber sind über 10 Prozent der Juden in der Schweiz im SIG weder integriert noch repräsentiert. Ein Dilemma.

Der Verband versuche, im Gespräch mit den liberalen Gemeinden eine Vereinbarung für eine gute Zusammenarbeit zu treffen, sagt Lyssy. "Das Fernziel ist es, sämtliche Gemeinden unter einem Dach zu vereinen. Das wird aber noch viele Jahre dauern."

swissinfo, Gaby Ochsenbein

Fakten

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) konstituierte sich am 27. November 1904 in Baden.
Dem Dachverband sind 18 jüdische Gemeinden mit insgesamt rund 18'000 Personen angeschlossen.
Aufgaben des SIG:
Wahrung und Förderung der gemeinsamen Interessen der Juden in der Schweiz.
Vertretung der Juden gegenüber Behörden, Kirchen und anderen schweizerischen und internationalen Organisationen.
Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus.
Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und die Aufarbeitung der schweizerischen Flüchtlingspolitik.
Seit 2000 ist der Genfer Alfred Donath Präsident des SIG.
Zum 100-Jahr-Jubiläum des SIG erscheint die Festschrift "Jüdische Lebenswelt Schweiz".

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In Kürze

1891 wurde die Volksinitiative über das Schächtverbot als erste Initiative überhaupt vom Schweizer Volk angenommen und in der Bundesverfassung verankert.

Seit 1978 ist das Schächtverbot im Tierschutzgesetz verankert.

Bei der laufenden Revision des Tierschutzgesetzes wollte der Bundesrat das Schächtverbot lockern, liess diese Absicht nach heftiger Kritik jedoch fallen.

Seit 1926 hat der SIG eine Import-Lizenz für geschächtetes Fleisch.

Beim von Juden und Moslems üblichen Schächten werden die Tiere durch Halsschnitt ohne vorherige Betäubung getötet.

In der alten Eidgenossenschaft wurden die Juden immer wieder vertrieben, verfolgt und ermordet. Seit dem 17. Jahrhundert durften sie sich lediglich im aargauischen Endingen und in Lengnau niederlassen.

Erst 1866 erhielten sie den Status gleichberechtigter Schweizer Bürger.

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