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Ambrosie lehrt Allergiker das Fürchten

"Aufrechte Ambrosie" - Schrecken für Allergiker (Bild: cps-skew.ch)

Bis vor wenigen Jahren war die Pflanze in der Schweiz kaum ein Begriff. Doch jetzt breitet sich die aufrechte Ambrosie, auch Traubenkraut genannt, von Süden Richtung Norden aus – begünstigt durch die Klimaveränderung.

Von Anfang August bis Mitte September blüht die Ambrosie, zum Schrecken aller Allergiker.

In den Kantonen Tessin und Genf hat der Kampf gegen die aus Amerika eingeschleppte, hochallergische Pflanze bereits begonnen. In der deutschen Schweiz trat die Pflanze bisher erst sporadisch auf, vor allem im Raum Basel.

Im antiken Griechenland Götterspeise

Den griechischen Göttern soll Ambrosia als Speise gedient und Unsterblichkeit verliehen haben. Für die heutigen Sterblichen steht die Ambrosie, auch Traubenkraut oder Ragweed genannt, für unangenehme Erscheinungen: Dauerschnupfen, Bindehautentzündungen, Hautreizungen und Ekzeme, im Extremfall sogar Asthma.

Das sind jedenfalls typische Symptome für Personen, die auf Ambrosia-Pollen allergisch sind. Ihre Zahl wächst ständig.

Extremes Allergiepotential



Die Ambrosia artemisiifolia, so der lateinische Name, besitzt ein extremes Allergiepotential. Fünf Pollen pro Kubikmeter Luft können bereits ausreichen, um eine heftige Reaktion auszulösen. Damit ist das Unkraut 20 bis 30 Mal potenter als einheimische Gräser, die für Heuschnupfen verantwortlich sind.

Die Hauptblütezeit ist Mitte August bis September. Ragweed ist somit das letzte wichtige Allergen im Jahr, was die Leidenszeit für Allergiker erheblich verlängert, wie der Tessiner Kantonsarzt Ignazio Cassis unterstreicht.

Gesundheits- und Kostenproblem

Die Behandlung der Allergien stellt neben den gesundheitlichen Aspekten zunehmend einen Kostenfaktor für das Gesundheitswesen dar. In der Region Quèbec (Kanada) zum Beispiel fallen pro Jahr Gesundheits- und Bekämpfungskosten von umgerechnet 50 Mio. Franken an.

In der ans Tessin grenzenden Lombardei verursacht die Pflanze schon Kosten von 1,5 Mio. Euro im Jahr. In Wien stieg der Anteil der Allergiker, die auf Ragweed reagieren, in fünf Jahren von 18 auf 37%.

Aus Nordamerika nach Europa

Das Traubenkraut ist eine importierte und zugleich schädlich wuchernde Pflanze; Botaniker bezeichnen solche Pflanzen als invasive Neophyten. Man geht davon aus, dass die Ambrosie von Nordamerika auf Tragflächen von Flugzeugen oder per Schiff "einwanderte".

In Europa breitet sich die Pflanze, die bis 90 Zentimeter gross wird, auf zwei Strängen aus: Aus Südeuropa her mit Schwerpunkt Ungarn sowie aus dem Rhonegebiet um Lyon (Frankreich). Von dort stiess sie Richtung Genf vor, während die Invasion ins Tessin von der Po-Ebene aus erfolgte. Die beiden Grenzkantone sind bisher in der Schweiz am stärksten von der Ambrosie betroffen.

Auf den Spuren des Traubenkrauts



"Es ist beeindruckend: Entlang der Autobahn von Mailand nach Chiasso sieht man die Ambrosie überall", sagt Vanda Ciotti vom Naturhistorischen Museum Lugano. Die Agronomin hat über ein Jahr lang die Verbreitung des Traubenkrauts untersucht und im Tessin 77 Populationen aufgespürt.

Die Ambrosie gedeiht vor allem an Strassenrändern, an Bahndämmen und auf Baustellen. Kein Zufall. "Viele Samen werden im Profil von Pneus transportiert und fallen irgendwann mal runter", weiss Ciotti. Doch auch über Vogelfutter mit Sonnenblumenkernen aus Übersee finden die unliebsamen Pflanzen ihren Weg in die Schweiz.

Zudem wird befürchtet, dass die Pflanze, die Wärme liebt, aufgrund der Klimaveränderung (steigende Temperaturen) auch in die Deutschschweiz vorstossen wird. Dort tritt sie bisher nur sporadisch, vor allem im Raum Basel, auf.

Präventives Handeln gefragt

Mit dem Phänomen ist nicht zu spassen. Und gehandelt werden sollte rasch. Darauf hatte der Zürcher Allergologe Brunello Wüthrich schon im Oktober 2003 in einem Brief an das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hingewiesen.

Der Spezialist befürchtet, dass auch Atopiker, eigentlich gesunde Menschen mit einer gewissen Allergie-Veranlagung, auf Ambrosia negativ reagieren könnten. Dies beträfe immerhin 40% der Gesamtbevölkerung. "Das enorme Ausbreitungspotential dieser Pflanze erfordert eine rasche Bekämpfung, solange sie sich noch im Anfangsstadium der Ausbreitung der Schweiz befindet", schreibt Wüthrich.

Immerhin wird die Ambrosie inzwischen auf der Schwarzen Liste geführt, welche die Schweizerische Gesellschaft für die Erhaltung von Wildpflanzen erstellt. Gehandelt haben bisher vorab die betroffenen Kantone.

Im Tessin und Genf wurden Arbeitsgruppen gebildet. In der "Ambrosia-Gruppe Genf" arbeiten Botaniker, Agronomen, Meteorologen und Ärzte eng zusammen, um die Ausbreitung des Krauts zu kontrollieren. Selbst beim Strassenunterhalt wird angesetzt.

Auch im Kanton Tessin wurde eine Arbeitsgruppe gebildet. Alle Gemeinden wurden angeschrieben und aufgefordert, die Pflanzen auszureissen und zu verbrennen. Einziger Haken: Um das Unkraut zu erkennen, braucht es eine gewisse Schulung.

Kampf gegen Windmühlen

Das Unterfangen, die Ambrosie einzudämmen, erscheint wie ein Kampf gegen Windmühlen. Doch Francis Cordillot von der Sektion Arten- und Biotopschutz im Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) ist nicht so pessimistisch.

"Wenn wir rechtzeitig intervenieren, haben wir gute Chancen, das Phänomen in Schach zu halten." Die Politiker müssten aber verstehen, dass mit wenig Geld der grösste Effekt erreicht werden könnte, wenn man umgehend handle.

Auch der Bundesrat hat sich bereits mit der Ambrosie befasst. In seiner Antwort auf eine Interpellation aus dem Parlament befürwortet er Massnahmen, um die Pflanze auszurotten oder ihre Ausbreitung zu verhindern. Von Top-Priorität bei der Bekämpfung der Ambrosie, wie dies Allergologen fordern, ist allerdings keine Rede.

swissinfo, Gerhard Lob

In Kürze

Die aus Nordamerika in Europa eingeschleppte aufrechte Ambrosie besitzt ein extremes Allergie-Potential. Fünf Pollen pro Kubikmeter Luft können ausreichen, um eine heftige Reaktion auszulösen.

Damit ist das Unkraut 20 bis 30 Mal potenter als einheimische Gräser, die für Heuschnupfen verantwortlich sind.

Die Ausbreitung der Pflanze stellt für Allergiker eine grosse Gefahr dar. In der Schweiz rufen insbesondere die Grenzkantone Genf und Tessin zum Handeln auf.

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